Al Gores Film

Wie ich lernte, das Ozonloch zu lieben

Fast wäre er 2000 US-Präsident geworden, nun verkündet Al Gore auf charmante Weise „Eine unbequeme Wahrheit“. Der Klimawandel und seine Folgen bedrohen seiner Meinung nach den Weltfrieden langfristig stärker als alle Achsen des Bösen.

Foto: dpa

Klimakunde gehört für die Meisten zu den unangenehmen Schul-Erinnerungen. Warum man etwas über Isobaren lernen musste, wenn man später doch keineswegs vorhatte, Jörn Kachelmann zu werden, kapierten die wenigsten.

Ein Lehrer wie Al Gore hätte das vielleicht etwas ändern können. Der Amerikaner hat eine Aura, für die es bei uns das schöne Wort „studienrätlich“ gibt. Anders als deutsche Studienräte hat er aber keinen Bart, ist besser angezogen und zur Selbstironie fähig: „Ich war einmal der nächste Präsident der USA“ stellt Gore sich vor, bevor er seine Lektion über die globale Erwärmung beginnt, die das Gerüst des Dokumentarfilms „Eine unbequeme Wahrheit“ (Regie: Davis Guggenheim) bildet.

Gore beschäftigt sich seit Jahren mit dem Klimawandel

Seit Jahren ist Gore, der dem jetzigen Amtsinhaber George Bush bei der US-Wahl 2000 nur knapp und umstritten unterlag, mit seinem durch Filme, Bilder Diagramme und Overhead-Projektionen aufgepeppten Vortrag in der ganzen Welt unterwegs. Es gibt in Gores Präsentation sogar einen Ausschnitt aus der Zeichentrickserie „Futurama“, an der auch seine Tochter mitarbeitete. Mit all dem will er auf den Klimawandel und seine Folgen aufmerksam machen, die nach seiner Meinung den Weltfrieden langfristig stärker bedrohen als alle Achsen des Bösen. Zwar hat er mit seinen vielen Flugreisen zu den Vorträgen ganz gewiss dazu beigetragen, dass die globale Erwärmung noch schneller vorangeht – aber nun gut!

Gore ist keiner dieser Ex-Politiker, die auf ihre alten Tage plötzlich das Gute entdecken und all den schrecklichen Unsinn verdammen, den sie während ihrer aktiven Zeit getan haben. Schon während des Studiums wurde er durch seinen Lehrer Roger Revelle auf die Probleme des menschlich gemachten Klimawandels aufmerksam. Und als sein kleiner Sohn 1989 beinahe gestorben wäre, nahm Gore das zum Anlass, über den Wert jedes Lebens nachzudenken. Sein Buch „Wege zum Gleichgewicht“ aus dem Jahre 1992 wurde zum Bestseller. Und als Vizepräsident der USA von 1992-2000 war er mit dafür verantwortlich, dass die Clinton-Regierung das Kyoto-Protokoll unterzeichnet hat, mit dem die Industriestaaten sich verpflichten, den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren.

Tausende Tonnen Dreck belasten die Atmosphäre

Als Beweisstücke präsentiert Gore Luftaufnahmen von schrumpfenden Seen, schmelzenden Gletschern, Statistiken über Hurrikane und immer wieder Zahlen über die zig tausend Tonnen von Dreck, mit denen fossile Brennstoffe unsere Atmosphäre belasten. Das ist so bitter, dass „Eine unbequeme Wahrheit“ Kindern in den USA nur in Begleitung Erwachsener empfohlen wird.

Manches, was Gore mit dem Charme eines pädagogischen Entertainers mitteilt, ist in Europa vielleicht nicht so unbekannt wie in Amerika. Ganz gewiss aber wird der Film hier das gleich Problem haben wie auf der anderen Seite des Atlantiks: Menschen, für die der Anstieg des Meeresspiegels nur ein Anlass zu blöden Witzen über Ökopanikmache ist, werden sich auch durch Gores Tonnen von Fakten nicht überzeugen lassen. Im Film sind Bush und seine Chargen zu sehen, wie sie sich über ihn lustig machen.

Gore wirbt um möglichst breiten Konsens

Dabei präsentiert er sich hier ganz und gar nicht in der Pose des apokalyptischen Ökospinners, sondern er wirbt um einen möglichst breiten Konsens. Das zeigt sich schon darin, dass er vor allem an die Vernunft der Konsumenten appelliert und von der gierigen Unvernunft der Unternehmen wenig redet. In Amerika wird „Eine unbequeme Wahrheit“ auch als eine Bewerbung Gores für eine neue Präsidentschaftskandidatur interpretiert. Falls dem so ist, hätte er wohl gute Chancen: Der Mann, über dessen steif belehrende Haltung sich früher alle lustig machte, zeigt sich hier locker, witzig und charmant.

Vielleicht gerade deshalb hat Australiens konservativer Ministerpräsident „Eine unbequeme Wahrheit“ als „netten Unterhaltungsfilm“ abgetan. In solchen Momenten lernt man – Al Gore zum Trotz - das Ozonloch zu lieben, weil es Australien möglicherweise einmal unbewohnbar machen wird.