Literatur

Gibt es keine deutschsprachigen Romane mehr?

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Richard Kämmerlings

Die Jury des Leipziger Buchpreises hat keinen Roman dieses Frühjahrs nominiert. Als Favoriten gelten – Erzählungen.

Ende der Neunzigerjahre sah es einmal kurz so aus, als würde die Erzählung in der deutschsprachigen Literatur eine Renaissance erleben. Judith Hermann landete 1998 mit ihrem Debütband „Sommerhaus, später“ einen Überraschungserfolg; in ihrem Kielwasser folgte eine Epigonenflotte im Hermann-Sound, mit langen bedeutungsschweren Zigarettenpausen zwischen den einzelnen Sätzen.

Dieses Strohfeuer hatte auch damit zu tun, dass die Verlage plötzlich glaubten – irrigerweise, wie sich bald herausstellen sollte –, Erzählungsbände ließen sich tatsächlich verkaufen. Inzwischen dienen sie wieder vornehmlich zur Auffüllung einer Autorenbibliographie und als Entspannungsübung für Epiker mit Schreibblockade. Spätestens in Klagenfurt, wo sich die Fünfzehn-Minuten-Texte dann meist als Romanauszüge outen, zeigte sich, wohin der literarische Ehrgeiz von Nachwuchsautoren tatsächlich geht: in die Breite.

Vor diesem Hintergrund sind die belletristischen Nominierungen für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse bemerkenswert. Es ist nämlich kein einziger Roman dieses Frühjahrs darunter: Wolfgang Herrndorfs unterhaltsame Coming-of-Age-Novel „Tschick“ und Anna Katharina Fröhlichs opulente Indien-Phantasie „Kream Korner“ sind Herbstbücher, die damals nicht gebührend gewürdigt wurden. „Der alte König in seinem Exil“, Arno Geigers berührende Erzählung über seinen alzheimerkranken Vater, ist ein autobiografischer Bericht.

Und ansonsten sind aus diesem Frühjahr eben zwei Erzählungsbände am Start. Mit „Seerücken“ läuft der Schweizer Peter Stamm auf der Kurzstrecke wieder zu bewährter Form auf, nachdem sein jüngster Roman „Sieben Jahre“ 2009 enttäuschte, nicht zuletzt weil dem darin geschilderten Dreiecksverhältnis die Länge nicht bekam.

Saison der Erzählungen

Der Grazer Clemens J. Setz wiederum hatte mit dem 700-Seiten-Opus „Die Frequenzen“ (ebenfalls 2009) einen der wichtigsten Romane der Nuller Jahre vorgelegt. Sein Erzählungsband „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“, mit 18 Stories auf 350 Seiten auch nicht gerade schmal, löst die hohen Erwartungen nun auf phänomenale Weise ein. Hier ist ein Autor zu erleben, der sprachliche Tricks und Kniffe beherrscht, von denen man vorher noch gar nicht wusste, dass es sie gibt. Mit einer Vossianischen Antonomasie gesprochen: Setz ist der Özil der österreichischen Literatur.

Dass es kein Roman dieses Frühjahrs mit diesen beiden Geschichtensammlungen aufnehmen kann, ist eine starke These der Jury, die in den kommenden Wochen zu überprüfen sein wird. Jedenfalls könnte es wieder einmal eine Saison der Erzählungen werden, für die Leipziger Jurys (zum Missvergnügen des Buchhandels) schon mehrfach ein Faible hatten: Ingo Schulze und Clemens Meyer siegten hier mit ihren Short Stories. Freilich ist auch Wolfgang Herrndorfs leichtgängige Road Novel ein ernst zu nehmender Preiskandidat.

Es wird für die Jury allerdings keine leichte Aufgabe, das schlimme private Schicksal des Autors bei der Wertung auszuklammern: In seinem Blog machte der 1965 geborene Autor im vergangenen Jahr seine schwere Krebserkrankung öffentlich. Ohne Frage hat Herrndorf als Künstler keinen Mitleidsbonus nötig. Auch er beeindruckte übrigens vor einigen Jahren mit einem Erzählungsband: „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“ hieß die großartige Titelgeschichte. Eine Saison ganz ohne Romane? Und wenn schon. Dieses Frühjahr beweist, dass schon zwanzig, dreißig Seiten eine ganze Welt enthalten können.