Streitpunkt

Stuttgart 21 – diese Proteste sind keineswegs neu

Der Politologe Wolfgang Kraushaar relativiert die Bürgerproteste in Stuttgart und bringt damit die Schwaben gegen sich auf.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Integrationsprobleme werden den Schwaben in Berlin seit Längerem nachgesagt. Entweder, so heißt es, errichten sie Parallelgesellschaften ausgefegter Vollwertigkeit, oder sie machen sich in fanatischem Anpassungsdrang jede linke Idee zu Eigen, die durch Berliner Kieze geistert. Eines aber fehlte noch: der Import von Fehden ihrer Herkunftsregion. Das scheint nun zu beginnen.

Im Berliner „Hebbel am Ufer“ sprach jetzt der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung über jene Protestbewegung, die sich in Stuttgart seit dem Spätsommer gegen den geplanten Tiefbahnhof richtet. Weil Kraushaar seit Jahren die Geschichte bundesdeutschen Protestierens erforscht, durfte man von ihm Analyse erwarten. Er bot einiges. Vor allem, dass kaum etwas am Stuttgart-21-Protest so neu ist wie oft behauptet.

Einen Widerstand gutsituierter Bürger habe es schon 1958 beim Streit über die Atom-Bewaffnung gegeben. Das Verlangen nach direkter Demokratie sei mit den Bürgerinitiativen der Siebzigerjahre entstanden. Und selbst die enorme Expertise der Bahnhofsgegner, die bei der Schlichtung die Deutsche Bahn bloßstellten – selbst so etwas habe es schon im Anti-Atom-Widerstand gegeben, wo kleine BIs über Kühlkreisläufen brüteten.

Auf all das aber ging kaum einer der gut 80 Zuhörer bei der Diskussion ein. Vielmehr erregten sich schwäbische Dialektsprecher über zwei andere Thesen Kraushaars. Zum einen, dass „jetzt ein bisschen die Luft raus“ sei aus dem Thema. Zum andern, dass die meisten Demonstranten ältere Leutchen mit Grünen-Präferenz seien, die bereits in den Siebzigern protestierten und sich wie eine „Wanderdüne“ der Rente näherten, was Kraushaar aus zwei nicht repräsentativen Umfragen in Stuttgart ableitete.

Mittendrin in schwäbischer Regionalpolitik

Wie er behaupten könne, bekam er da zu hören, bei S 21 sei die Luft raus, er wisse wohl nicht, was vor Ort los sei. Wie er ans hohe Durchschnittsalter der Gegner glauben könne, da machten doch viele junge Leute mit. Außerdem sei S 21 eine Fehlinvestition. Gar nicht, widersprach ein anderer Schwabe, man müsse schneller von Stuttgart nach München kommen. Und schon war man mitten in der schwäbischen Regionalpolitik.

Schließen lässt sich daraus, dass eine Politikwissenschaft aktueller Massenbewegungen kaum möglich ist: Die Emotionen kochen so hoch, dass Analysieren und Mitdiskutieren nicht zu trennen sind. Denkbar ist auch, dass nur Schwaben diese Trennung nicht hinkriegen. Daraus freilich würde folgen, dass sie politisch stärker erregbar sind, sich nicht gleich auf abendliche Reflexion einlassen, sondern hitzig weiter debattieren.

Das wirft ein schlechtes Licht auf nicht-schwäbische Berliner, die seit Jahren ihre eigene Stadtpolitik ignorieren. Nicht einmal einen richtigen Wahlkampf kriegt man bislang hin in Berlin, wo am 18. September der Urnengang ansteht. Hingegen wird die Wahl im Ländle am 27. März „extrem spannend“, wie Kraushaar sagte – ohne dass ein Schwabe widersprach.