ARD-Film

Der lange Weg zum Romy-Schneider-Drama

Lange haben die Fans auf die erste große Verfilmung einer Legende gewartet: Romy Schneider, die im Alter von 43 Jahren viel zu früh starb. Nun ist es soweit: Die ARD-Produktion "Romy" kommt zwar nur langsam in Fahrt. Aber zumindest Hauptdarstellerin Jessica Schwarz macht alles richtig.

Marlene Dietrich, Hildegard Knef, Romy Schneider. Drei Namen, drei Generationen, eine Geschichte: Im Ausland als Weltstars verehrt, wurden die drei in Deutschland als Fahnenflüchtige beschimpft. Wer sie dabei nicht in seltsamer Anbiederung beim Vornamen nannte – Marlene, Hilde, Romy –, reduzierte sie auf ihre einschlägigen Rollennamen: die (Männer verschlingende) Lola. Die (schamlose) Sünderin. Die (undankbare) Sisi. Marlene Dietrich, die auch mit Romy Schneider und Hildegard Knef befreundet war, lebte ihre letzten Jahre im inneren Exil ihres Pariser Apartments, mit ihrer Geburtsstadt hatte sie sich nie so recht aussöhnen können. Hildegard Knef kehrte krank und verarmt zurück nach Berlin. Beide haben Romy Schneider um Jahrzehnte überlebt. Die Schauspielerin starb 43-jährig in Folge ihres langjährigen Alkohol- und Tablettenmissbrauchs an Herzversagen.

Die ARD hat ihr Leben nun mit Jessica Schwarz in der Hauptrolle verfilmt. Ein konkurrierendes Kinoprojekt mit Yvonne Catterfeld, über die viele Illustrierte schon frohlockt hatten, sie sei „Romy“ ja wie aus dem Gesicht geschnitten, wurde wieder abgesagt. Wegen ungeklärter Finanzierungs- und Rechtefragen, wie es hieß.

Vielleicht war aber auch den Produzenten das Risiko des Scheiterns groß gewesen. Denn nur auf den ersten Blick scheint es ein Leichtes zu sein, aus den dramatischen, glamourösen Lebensläufen einen dramatischen und glamourösen Film zu machen. Joseph Vilsmaiers „Marlene“ (2000) mit Katja Flint und Kai Wessels „Hilde“ (2009) mit Heike Makatsch sind im Kino jedenfalls sang- und klanglos gefloppt.

Marlene und Hilde blieben auch nach ihrem Tod „Kassengift“. Ihre posthum angeschwollene Verehrung reichte nicht aus, um das Publikum vom heute für die lückenlosen Lookalike-Nacherzählung ihrer Lebensläufe zu interessieren. Wären die Filme aber freier mit ihrem Material umgegangen – hätten sie brüchiger erzählt, heftiger zugespitzt, großzügiger weggelassen –, wäre womöglich auch noch die letzte verfügbare Zielgruppe, der Hardcore-Fanblock, nachhaltig verprellt worden.

Auch Benedikt Röskau, Drehbuchautor von „Romy“, hat sich auf die sichere Seite der detailreichen Nacherzählung geschlagen. Und Regisseur Torsten C. Fischer gefällt sich lange darin, die sattsam bekannten Illustriertenfotos naturgetreu nachzustellen.

So benötigt „Romy“ eine gefühlte Ewigkeit, bis man sich vom Biopic-Ballast befreit hat und zum dramatischen Kern dieses Lebensromans vordringt. Statt mit wenigen Skizzen die Sisi-Jahre hinter sich zu lassen und die heftige Romanze mit Alain Delon knapp zur Exposition zu erklären, nimmt sich diese so kleinmütig auf Vollständigkeit abzielende Inszenierung für alle Stationen gleich viel Zeit: die Einsamkeit im Internat, die Entdeckung als Sisi, die Flucht nach Paris, die Begegnung mit Visconti, der Bruch mit Alain Delon.

So ist schon fast eine Stunde mit Klatsch und Tratsch vertrödelt, bevor endlich etwas passiert, das des Zuschauens dann aber umso mehr lohnt: Romy Schneider trifft auf Harry Meyen. Jessica Schwarz trifft auf Thomas Kretschmann. Der Film trifft endlich auf sein Innerstes. Und wird großes Kino.

Nach dem abrupten Ende ihrer ersten großen Liebe war Romy Schneider waidwund nach Berlin zurückgekehrt. Ihre Mutter Magda Schneider machte sie mit Harry Meyen bekannt, der zu dieser Zeit ein geachteter Provinzstar am Boulevardtheater war.

Aus der Begegnung wird Liebe, wird eine Ehe, eine Familie, ein Gefängnis. Harry Meyen ist ein Kopfmensch, der Romy Schneiders Gefühligkeit bald nicht mehr ertragen kann. Als Jude von den Nazis verfolgt, kann er das Leben nur auf der Bühne von seiner leichten Seite nehmen.

Der Erfolg seiner Frau und der Aufbruch der Apo, für die er zum verhassten Berliner Establishment gehört, machen ihn depressiv und missmutig. Als Romy Schneider ihn nach Jahren der Erniedrigung verlässt, haben sich beide verändert. Und der Film hat es zeigen können!

In den Szenen mit Thomas Kretschmann findet Jessica Schwarz endlich das dramatische Gegenüber, das ihr zuvor fehlte: Die überschäumende Lebenslust ihrer Figur kann sich nun an seiner Kontrolliertheit schärfen, die Haltlosigkeit an seinem Protektionismus konturieren, Romy Schneiders Sehnsucht nach einem Familienleben an Harry Meyens Unfähigkeit, anderen zu vertrauen, abarbeiten.

Detailgetreu sehen wir auf diese auf Tabletten und Einsamkeit gegründete Ehe, die vom ersten Tag an zum Scheitern verurteilt ist und beide das Leben kosten wird. Meyen geht nach der Scheidung in den Freitod, Schneider, die sich von ihrem Mann den Medikamentenmissbrauch abgeschaut hatte, setzt künftig ihr Leben mit jeder Pille etwas mehr aufs Spiel.

Wer sich eingangs von der überflüssigen Rahmenhandlung im Pariser Krankenhaus nicht abschrecken lässt und sich bis in die zweite Stunde von „Romy“ vorgekämpft hat, kann plötzlich sehen, wie herausragend der Film hätte werden können. Denn Jessica Schwarz gelingt es ja durchaus, die „echte“ Romy Schneider vergessen zu machen – wenn sie denn frei aufspielen darf.

Und die Regie von Torsten C. Fischer hat eine sensationelle Intensität – wenn er sich auf das Ehedrama und seine Folgen konzentriert. Dann sind auch die vermutet heiteren Montageszenen im Super-8-Look von Kameramann Holly Fink mehr als nur zeitgenössisches Kolorit. Rasant steuert „Romy“ in der letzten halben Stunde auf die Katastrophe zu. Der tragische Unfalltod ihres Sohnes bleibt in der Bildinszenierung ausgespart. Immerhin hier bewies der Film Fingerspitzengefühl für Auslassungen.

Romy, ARD, 11.11, 20.15 Uhr