So schön verfeindet

Wie Lafontaine die Kontrolle über Schröder entglitt

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Alexander Kohnen

Die ARD erinnert in einer unterhaltsamen Dokumentation an das Duell zwischen Schröder und Lafontaine. Das Bündnis funktionierte nur, so lange es Kanzler Helmut Kohl gab.

Es gibt diese schöne Szene zwischen den beiden, damals war sie lustig. Im Nachhinein erklärt sie alles. Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine sitzen in der Bonner Bundespressekonferenz, und Lafontaine sagt: „Wir sind unzertrennlich, Zwillinge.“ Da macht Schröder, was er wie kein anderer kann: Er lehnt sich ein bisschen nach vorn, lächelt süffisant, angriffslustig. Und sagt: "Na ja.“

In diesem Moment steckt viel Wahrheit: das Bemühen und das Unvermögen Lafontaines, Schröder zu kontrollieren. Und das Egoistische in Schröder, der nie der zweite Mann war, nie ein Vize-Amt bekleidete, der immer nur der Boss war, bei den Jusos, dann als Ministerpräsident von Niedersachsen, schließlich als Bundeskanzler. Die Szene kommt auch in der gelungenen Dokumentation vor, in der die ARD das Duell der beiden Ausnahmepolitiker skizziert. Der Film lässt viele Wegbegleiter zu Wort kommen. Leider gibt es weder von Schröder noch Lafontaine neue Aussagen zu diesem Zweikampf, der viel Unterhaltsames hat.

Ohne Schröder und Lafontaine hätte Helmut Kohl den Wahlkampf 1998 vielleicht doch noch gewonnen. Dass die SPD es schaffte, den langjährigen Kanzler abzulösen, lag vor allem an der Aufgabenverteilung: Schröder, populär, machte den Wahlkampf, holte die Stimmen der bürgerlichen Mitte. Lafontaine beruhigte die eigene Partei und warb um die Stimmen der linken Wählerschaft.

Das Bündnis Schröder-Lafontaine funktionierte, so lange es einen gemeinsamen Gegner um die Macht gab: Bundeskanzler Kohl, den sie aus dem Kanzleramt heraushaben wollten. Als sie schließlich die Macht hatten, Schröder als Kanzler, Lafontaine als Finanzminister und SPD-Vorsitzender, als kein Gegner mehr da war, wurden sie selbst zu Gegnern.

Eine Schlüsselfigur war wohl, so zeigt es der Film, Bodo Hombach. Schröder machte den politischen Quereinsteiger, ohne dies mit Lafontaine abgesprochen zu haben, zum Kanzleramtsminister. Hombach soll gegen Lafontaine intrigiert haben; jedenfalls muss Lafontaine diese Personalie furchtbar aufgeregt haben. Nach Lafontaines Rücktritt war es nur eine Frage der Zeit, bis Hombach auf einen untergeordneten Posten auf den Balkan abgeschoben wurde – weil Schröder ihn nicht mehr brauchte und stattdessen seinen langjährigen Vertrauten Frank-Walter Steinmeier zum Kanzleramtschef machte.

Groß geworden in der SPD sind Schröder und Lafontaine auf ganz ähnliche Weise: durch Lautstärke. Schröder teilte als Ministerpräsident Niedersachsens immer deftig gegen die Parteiführung in Bonn aus, Lafontaine sorgte schon als junger Politiker für Schlagzeilen, etwa 1982 in dem berühmten peinlichen Zitat über den Bundeskanzler: „Helmut Schmidt spricht weiter von Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit, Standhaftigkeit. Das sind Sekundärtugenden. Ganz präzis gesagt: Damit kann man auch ein KZ betreiben.“

Das Duell Schröder-Lafontaine zeigt auch, dass es zwei Arten von Menschen gibt: die, die etwas aushalten, etwas ertragen können – und die, die das nicht können. Schröder gehört zu ersteren, Lafontaine zu den zweiten. Er wollte am Ende nicht mehr, warf hin: den Parteivorsitz, das Finanzministerium, sogar sein Bundestagsmandat – am 11. März 1999, nur wenige Monate nach der Machtübernahme. Dabei war Lafontaine der talentiertere– aber offenbar eben nicht der härtere. Michael Müller, früher Sprecher der parlamentarischen Linken in der SPD, bezeichnet Schröder als einen, der kämpft: „Und das war kein spielerisches Kämpfen.“

Bei Lafontaine, als Saarländer auch ein Hauch Franzose, also Genussmensch, war dieser Wille in dieser Phase nicht zu spüren. Das lag wohl auch daran, dass er sich nicht so kämpfen musste Schröder, weder im Leben, noch in der Partei. Lafontaine war immer schon der beste der Enkel Willy Brandts und galt als der künftige große Mann der SPD.

Die Brutalität dieses Duells zeigt sich auch darin, dass es mit der Flucht Lafontaines nicht endete. Er kämpfte, nach kurzem Schweigens, weiter gegen den Kanzler. In Talkshows, mit Büchern und Kolumnen. Dann der Wahlkampf 2005, die letzte große Schlacht zwischen den Brandt-Enkeln. Lafontaine führte PDS und WASG zur neuen Linken zusammen. Gerhard Schröder wurde abgewählt.

Montag, 21 Uhr, ARD, Duelle: Schröder gegen Lafontaine