"Goldene Kamera"

Lierhaus und der kollektive Gänsehautmoment

Sie tippelt noch. Und sie ist heiser. Doch Monica Lierhaus' erster Auftritt nach zwei Jahren inklusive Heiratsantrag war eine kecke Kampfansage an das Leben.

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„Und dann“, sagte Moderator Hape Kerkeling, als eigentlich schon alle Emotionen für einen Abend verbraucht schienen und sich die Gäste bei der Preisverleihung der Goldenen Kamera im Berliner Verlagshaus von Axel Springer auf einen Drink und die Aftershow-Party freuten, es ging ja bereits auf 23 Uhr zu, da also sagte Kerkeling: „Wir haben dann noch eine besondere Kamera.“

Erstaunen. Schienen doch die Standing Ovations für Armin Mueller-Stahl und dessen gekonnte Dankesrede im Staatsschauspielerformat der würdige Abschluss für eine Sendung, die mit den Auftritten von Weltstars wie Michael J. Fox, Danny de Vito, Renée Zellweger und John Travolta, mit der Verbeugung von Thomas Kretschmann vor dem verstorbenen Produzenten Bernd Eichinger, dem zu Gloria Gayner tatsächlich rockenden Publikum und mit Kerkeling als wohl bestem und vielseitigstem Moderator für so einen Abend, viele gute, gefühlige wie lustige Moment hatte.

Doch als Kerkeling "dann" sagte: „Sie hat sich ausdrücklich Günter Netzer als Moderator gewünscht“, da ahnten die Ersten, worum es gehen könnte. Nämlich die überraschendste Rückkehr des Jahres. Netzer, der abseits vom Fußballkommentieren so Sensible, Feine, hätte viel darum gegeben, diese Rede nicht halten zu müssen. Auch weil er zunächst gezweifelt hatte, ob es richtig war, was er da, echt gerührt, ankündigte: den ersten öffentlichen Auftritt der Sportmoderatorin Monica Lierhaus nach ihrer schweren Erkrankung. War dieser Auftritt doch erst der Anfang eines Happy Ends.

Es schien, als zöge sich eine kollektive Gänsehaut über das ergriffene Publikum, als sich die Bühnenwände öffneten und Monica Lierhaus, attraktiv, wie alle sie in Erinnerung hatten, mit blauem Abendkleid und Hochsteckfrisur an der Seite ihres Lebensgefährten Rolf Hellgardt erschien. Doch als sie dann zuging auf die Gäste und Kameras und die Fernsehzuschauer im ZDF, mit diesem stakeligen Gang in silbernen Turnschuhen, als würden die Hüftgelenke noch sperren, und als sie dann sprach mit dem leicht metallischen Ton, so als würde ein kleines Gerät ihre Stimmbänder steuern, da sah man allenthalben Tränen der Rührung glitzern.

Schon der tänzelnde Gang und die Unbeirrbarkeit, mit denen Michael J. Fox die Muskelzicken seiner Parkinsonerkrankung kompensiert, hatten anhaltende Ovationen ausgelöst. Es kann keinen Wettbewerb geben im Umgang mit schweren Erkrankungen, doch während die Zuschauer bei Fox noch das Gefühl haben durften, der Mann hat seinen Weg gefunden, war man bei Frau Lierhaus völlig unvorbereitet getroffen. Keine Ankündigung, nicht einmal ein Gerücht hatte den Auftritt avisiert. Und daher prallte die Wucht des Kampfes, den die 40-Jährige gegen das Schicksal kämpft, so massiv auf das Publikum.

Am 8. Januar 2009 musste sie an einer Arterie im Gehirn operiert werden, weil diese sonst eines Tages zu platzen drohte. Kein Larifari-Eingriff, aber dennoch Routine für die Ärzte am Hamburger Universitätsklinikum. Doch es passierte, was zwar als Risiko im Vorgespräch genannt wird, gleichwohl als eher unwahrscheinlich gilt: Frau Lierhaus erlitt eine schwere Gehirnblutung, die Ärzte mussten sie ins Koma versetzen. Fast vier Monate lang schwebt sie in der anderen Welt. Als sie erwachte, waren ihre Körperfunktionen die eines Babys und der Körper vollkommen kraftlos. Alles musste sie wieder lernen. Mit ungeheurer Akribie und der Disziplin, die schon im Beruf ihre Markenzeichen war, kämpfte sich die beliebteste Sportmoderatorin Deutschlands in ein selbstbestimmtes Leben zurück.

Acht Monate verbrachte sie in einer Reha-Klinik am Bodensee. Im Dezember desselben Jahres kann sie zum ersten Mal wieder trippeln, kurz darauf kehrt sie nach Hause, nach Hamburg zurück, wo sie Tür an Tür mit der Schwester lebt. Ihre Familie ist das dicht gespannte Netz, das immer trägt. Die Eltern und Schwester Eva nahmen sich sogar nahe der Reha-Klinik eine Wohnung und Freund Rolf Hellgardt wird ohnehin zum Maß aller Unterstützung.

Im vergangenen Sommer waren sie auf Sylt, trafen Freunde, für große Runden reichte die Kraft noch nicht. Doch beharrlich und konsequent absolviert Frau Lierhaus ihr Reha-Programm. Denn eines Tages, da hat sie keine Zweifel, will sie wieder im Fernsehen sein. Den ersten kleinen Schritt hat sie am Samstag getan. Ihr „Da bin ich!“ war die kecke Kampfansage ans Leben. „Ab heute möchte ich wieder an meiner Zukunft arbeiten, mich engagieren und neue Aufgaben suchen.“

Dann machte die Moderatorin etwas, was im Showgeschäft ohne den Hintergrund ihrer Krankheitsgeschichte wohl böse als Kitsch verrissen worden wäre, so aber Millionen rührte. Sie rief ihren offensichtlich vorher nicht eingeweihten Lebensgefährten Rolf Hellgardt auf der Bühne zu sich und wandte sich an ihn: „Ich würde vor dir auf die Knie gehen, wenn ich könnte. Aber das geht im Moment nicht so. Ich möchte dich fragen, ob du mich heiraten möchtest.“ Seine mehrfachen „Ja“-Ausrufe, sein „Auf jeden Fall“ und sein Kniefall waren der Höhepunkt des berührenden Auftritts – vielleicht fast zuviel Emotion, jedenfalls saß Marie-Louise Marjan, den Zuschauern bekannt als Mutter Beimer, noch lange in ihrem Stuhl und schluchzte – aber wer wollte darüber spotten.