Zerstörungen

Im ägyptischen Museen herrschte pure Wut

Das Ägyptische Museum in Kairo besitzt eine der berühmtesten Antikensammlungen weltweit. Während der Unruhen soll es geplündert worden sein. Morgenpost Online sprach mit dem erfahrenen Ägyptologe Dietrich Wildung über die Schäden.

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Die frühere Generaldirektorinin des Ägyptischen Museums, Wafaa el Saddik, die bis Mitte Dezember im Dienst war, hat ihr Land dieser Tage verlassen und beobachtet die Situation nun von Köln aus. Die Nachrichtenlage ist jedoch unübersichtlich. Dietrich Wildung, Kenner des Landes, der international bestens vernetzt ist, leitete 20 Jahre das Ägyptische Museum in Berlin. Wie er die Situation beurteil:

Morgenpost Online: Wie sieht es nun in Kairo wirklich aus?

Dietrich Wildung: Es stellt sich so dar, dass bei dem Einbruch ins Ägyptische Museum eigenartiger Weise nichts gestohlen worden ist. Zumindest keine antiken Stücke. Man sah auf den Fotos zerschlagene Vitrinen und kostbare Stücke, die am Boden lagen. Dabei handelt es sich um zwei vergoldete, hölzerne Statuen aus dem sehr kostbaren Grabschatz des Tutanchamun. Eine zeigt den König auf dem schwarzen Panther, die andere den König in einem großen Boot.

Morgenpost Online: Was waren die Motive?

Dietrich Wildung: Wahrscheinlich pure Zerstörungswut, Vandalismus. Die frühere Generaldirektorin des Ägyptischen Museums, Wafaa el Saddik, sagt, es seien zum Teil Wachleute des Museums gewesen, die die Verwüstungen angerichtet haben, dann aber sind auch Leute über das Glasdach ins obere Geschoss eingedrungen. Souvenirshop und Kasse wurden aufgebrochen, dort hat man allerhand mitgenommen.

Morgenpost Online: Könnte es einen Zusammenhang damit geben, dass Mubarek die Gefängnisse geöffnet hat, die Kriminellen nun Chaos schaffen, damit er sich wieder profilieren kann?

Dietrich Wildung: Diese Kommentare gibt es. Ich schließe mich ihnen aber nicht an. Da herrscht viel Sensationsmache. Wir müssen wohlüberlegt bleiben, beobachten, und erst dann können wir unsere Schlüsse ziehen.

Morgenpost Online: Katja Lemke, eine Ihrer Kolleginnen, sieht in diesem Vorkommnis gar eine „Katastrophe für die Ägyptologie“.

Dietrich Wildung: Von Katastrophe zu sprechen ist nach dem jetzigen Kenntnisstand unverantwortlich, unprofessionell und kontraproduktiv. Das schürt die Panikmache.

Morgenpost Online: Sind denn noch andere Museen in Ägypten betroffen?

Dietrich Wildung: Es gibt Meldungen, mit denen wir nicht viel anfangen können. Da heißt es, das Museum in Memphis sei ausgeräumt worden. Nur: in Memphis gibt es eigentlich kein Museum. Es gibt eine Open-Air-Anlage mit großen Skulpturen, mittendrin liegt offen die sieben oder acht Meter große Kolossalstatue von Ramses II. Die nimmt man natürlich nicht einfach so mit.

Morgenpost Online: Wie gut ist das Ägyptische Museum denn nun gesichert?

Dietrich Wildung: Ich glaube, dass keine akute Gefahr besteht. Die Ägypter – damit meine ich nicht nur die Intellektuellen, sondern die Leute – sind seit einigen Jahren in zunehmenden Maß stolz auf ihre Vergangenheit. Das geht über die Cashmaschine und den Tourismus hinaus. Es entsteht so etwas wie ein kulturelles Bewusstsein. Man weiß, was man an Schätzen im eigenen Land hat. Und auch die Behörden wissen, dass das Museum in Kairo neben den Korallenriffen am Roten Meer die Touristen anlockt. Das Besondere muss geschützt werden. Egal, welches Regime an der Macht ist, und welches Regime vermutlich bald das Heft in die Hand nehmen wird.

Morgenpost Online: Erst kürzlich hat Zahi Hawass, Chef der ägyptischen Antikenverwaltung, Nofretete mal wieder zurückgefordert. Stiftungspräsident Parzinger verwies auf künftige Kooperationen zwischen Berlin und Ägypten. Wird das reichen?

Dietrich Wildung: Es hieß, der Ministerpräsident hätte unterzeichnet. Dem war nicht so. Es war eine Mail, eine ziemlich formlose Angelegenheit, die mitnichten die Unterschrift eines offiziellen Vertreters der ägyptischen Regierung trug. Parzinger erinnerte in diesem Zusammenhang an die positiven Kontakte zwischen der Stiftung und Ägypten. Denn: Wir sind international eines der prominentesten Aushängeschilder der ägyptischen Altertümerverwaltung. Wir tun mit unserer Museumsarbeit unendlich viel für das Bewusstsein, dass die Welt von Ägypten hat.

Morgenpost Online: Und welche gemeinsamen Projekte gibt es?

Dietrich Wildung: Es liegt auf der Hand, dass die Grabungen, aus denen Nofretete durch Fundteilung in den Besitz von James Simon kam, später den Staatlichen Museen als Schenkung übereignet wurde, wissenschaftlich lange noch nicht aufgearbeitet sind. Doch eine Aufarbeitung kann nicht seriös stattfinden, weil die andere Hälfte der Objekte in Kairo liegt. Wir brauchen beides, um den ursprünglichen Fundkontext sinnvoll darzustellen. So können Nachgrabungen vor Ort notwendig sein. Es wäre vorstellbar, dass auch ein deutsches Team punktuell dort tätig wird.

Morgenpost Online: Bekommen wir nun jede drei Monate wieder eine neue Aufforderung aus Ägypten, Nofretete zurückzugeben?

Dietrich Wildung: Ich glaube, dass wird sich allmählich tot laufen. Ohnehin ist der Background schwach. Ägypten als Kulturnation hat keinen Mangel an historischer Identität, es lebt von der Geschichte. Sie müssen sich vorstellen, jedes Jahr kommen rund 200 Ausgrabungen mit Tausenden von neuen Objekten hinzu. Dort, wo die Ägypter im Boden graben und bauen, kommt immer etwas heraus…Das ist eine Herausforderung, die internationale Hilfe und Kooperation braucht.