Umbaumaßnahmen

Kudamm-Karree-Künstler sollen ins Zelt

Wird im Hinterhof des Kudamm-Karrees bald ein großes Theaterzelt stehen? Während der Komplex umgebaut wird, müssen die Künstler umquartiert werden. Zur Debatte stehen Räume gleich im Gebäude nebenan und das Zelt.

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Der Bürgerentscheid für den Erhalt der beiden traditionsreichen Bühnen am Kurfürstendamm ist gescheitert.

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Theaterdirektor Martin Woelffer konnte sich in den letzten Monaten verstärkt der Kunst widmen. Auch in diesen Tagen probt er, Ende Februar hat seine Inszenierung „Achtung Deutsch!“ Premiere. Aber danach muss der Regisseur wohl wieder kürzer treten – und sich als Direktor verstärkt um die Zukunft seines mittelständigen Unternehmens kümmern. Denn nach dem Scheitern des Bürgerentscheids zur Rettung des Theaters und der Komödie am Kurfürstendamm, steht der Neugestaltung des Kudamm-Karrees nichts mehr im Wege. Der irische Investor Ballymore hatte den Architekten David Chipperfield beauftragt, entsprechende Pläne zu entwickeln. Künftig wird es nur noch ein Theater geben. Ein neues im dritten Stock des Gebäudes. Immerhin mit Zugang vom Kurfürstendamm, so weit ist der Investor den protestierenden Bürgern entgegengekommen.

Armin Huttenlocher, der sich in Berlin um die Ballymore-Belange kümmert, rechnet damit, dass Anfang 2012 die Baugenehmigung vorliegt. Dann wären nicht nur die Tage des alten Kudamm-Karrees, sondern auch der beiden Theater gezählt. Huttenlocher hält es für möglich, dass der Spielbetrieb bereits am Ende der kommenden Spielzeit eingestellt werden muss. Sommer 2012 – das klingt weit entfernt, ist es aber aus Theatersicht keineswegs, denn eine Ausweichspielstätte lässt sich nicht aus dem Hut zaubern.

„Wir müssen schnell eine Lösung finden“, betont der Ballymore-Sprecher Armin Huttenlocher. Dass sich der Investor Sorgen um die Zukunft eines Mieters macht, überrascht. Es liegt wohl daran, dass Ballymore nach den langwierigen Diskussionen und Auseinandersetzungen jetzt endlich das Projekt abschließen will. Und das schließt eine Lösung der Theaterfrage zwingend mit ein. Schließlich entzündete sich an der Zukunft der beiden von dem Architekten Oskar Kaufmann in den 20er Jahren gebauten und vom legendären Theaterunternehmer Max Reinhardt betriebenen Bühnen immer wieder der Streit.

Kultur soll nicht nur Ornament sein

Jetzt, wo Ballymore seine Vorstellungen weitestgehend durchgesetzt hat, will der Investor nicht kurz vor dem Ziel noch in negative Schlagzeilen kommen, falls mangels Ausweichspielstätte das Gespenst einer Insolvenz der Woelffer-Bühnen am Kudamm herumgeistern würde. Schließlich sei Kultur für das künftige Kudamm-Karree „nicht das Ornament, sondern eine tragende Säule“, betont Huttenlocher.

Bislang aber liegt lediglich ein Vorschlag auf dem Tisch: Filmproduzent Artur Brauner, dem das benachbarte Grundstück gehört, hatte das bereits im vergangenen Herbst als Ausweichspielstätte ins Gespräch gebracht. Brauner sprach sich damals in einem mehrseitigen Brief für „eine Bebauung des Hofes und Hinzuziehung möglicher Räume des bestehenden Objektes Kudamm 203-205 inklusive eines Drittels des Mercedes-Showrooms“ aus.

Ballymore-Vertreter Huttenlocher findet die Idee eines großen Theaterzeltes auf dem Nachbargrundstück toll. Er schwärmt von der besonderen Atmos8phäre einer solchen Location – wahrscheinlich war er niemals in der „Blechbüchse“ getauften langjährigen Ersatzspielstätte des Potsdamer Hans Otto Theaters. Die hatte den Charme einer dünnhäutigen Mehrzweckhalle. Vogelgezwitscher, Martinshörner oder Regentropfen sorgten dort bei Premieren verlässlich für einen eingetrübten Kunstgenuss. Aber mittlerweile soll es ja technisch ausgereiftere Lösungen geben.

Auch Theaterdirektor Woelffer gefällt ein Ausweichquartier am Kurfürstendamm – schließlich läge es ja nur ein paar Meter vom alten entfernt. Dass es dort nur noch eine Bühne geben und damit der künftige Zustand vorweggenommen werden würde, stört Woelffer angesichts der schwierigen Suche nach einer temporären Spielstätte nicht: „Ich wäre schon glücklich, wenn wir überhaupt eine finden würden.“ Und er nennt zwei Gründe, die eine Lösung erschweren: „Wie soll ich einen Mietvertrag unterschreiben, wenn kein genauer Zeitpunkt für den Auszug aus dem Kudamm-Karree feststeht?“ Außerdem gehe es nicht nur um eine Bühne, sondern auch um Werkstätten und Proberäume, also gewissermaßen den nicht-öffentlichen Teil eines Theaters, ohne den ein Spielbetrieb aber nicht möglich ist. Für Martin Woelffer steht deshalb fest, dass „wir die Kosten für den Aufbau einer neuen Spielstätte nicht alleine schultern können“.

Also der Ruf nach finanzieller Unterstützung. Angesprochen fühlen darf sich nicht nur der Investor, der Woelffer am jetzigen Standort die Räumlichkeiten mietfrei überlassen hat, sondern insbesondere das Land Berlin. Denn bei dem mittelständischen Unternehmen Woelffer-Bühnen stehen rund 80 feste Arbeitsplätze auf dem Spiel. Zudem gibt es eine moralische Verpflichtung. Denn es war der Senat, der 1998 gegenüber dem Eigentümer des Kudamm-Karrees darauf verzichtete, den langfristigen Bestand der beiden Bühnen zu sichern. Für die Wertsteigerung der Immobilie floss ein vergleichsweise geringer Betrag ans Land. Berlin habe zwei Millionen Mark dafür erhalten, dass es ab 2005 von einer Nutzungsbindung für die beiden Theater absehe, antwortete Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) am 5. Juli 2007 auf eine Anfrage der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus.

Es darf keine Zwangspause geben

Wie auch immer, es gilt in Charlottenburg eine Ausweichspielstätte zu finden, die das Stammpublikum annimmt. „Wir helfen beim Suchen, aber es ist schwierig“, sagt Torsten Wöhlert, der Sprecher der Senatskulturverwaltung. Die Tribüne sei vor Jahren eine Option gewesen – aber nach einem Betreiberwechsel wird dort mittlerweile wieder gespielt. Auch das Schiller-Theater, dieser klassische Berliner Ausweichort, soll mal im Gespräch gewesen sein. Aber abgesehen von der für eine Boulevardbühne nicht gerade optimalen Lage und dem mit rund 1000 Plätzen reichlich großen Zuschauerraum, steht das Haus nicht zur Verfügung. Aber auch wenn die Staatsoper ihr Ausweichquartier planmäßig im Herbst 2013 verlassen würde, um ins frisch sanierte Stammhaus Unter den Linden zurück zu kehren, für Woelffer wäre das zu spät. Denn eine vorübergehende Schließung der Kudamm-Bühnen dürften die Theater kaum überleben. Schließlich sorgt sich Martin Woelffer heute schon, dass viele nach dem gescheiterten Bürgerentscheid denken, dass es die Boulevardtheater schon gar nicht mehr gibt.