80. Geburtstag

Breloer an Mueller-Stahl – "Du musst nur da sein"

Der große Schauspieler Armin Mueller-Stahl feiert 80. Geburtstag. Sein Freund und Regisseur Heinrich Breloer gratuliert ihm in einem Brief.

Lieber Armin,

vor ein paar Tagen hast Du in Lübeck vom Ministerpräsidenten des Landes Schleswig-Holstein die Würde des Ehrenbürgers entgegengenommen. Mit Brief und Siegel und dem Versprechen, mit Peter Harry Carstensen Deinen Fußabdruck an der Küste zu hinterlassen – bei einer gemeinsamen Wattwanderung. Ich durfte Dir an diesem Abend eine kleine Rede halten und erlaube mir heute, Dir zum Geburtstag auch noch diesen kleinen Blumenstrauß zu überreichen.

Woran ich an diesem Abend gleich denken musste: an Thomas Manns Geschichten von Joseph und seinen Brüdern. Wie man Dich zu uns in den Westen verkauft hat ins Ägypterland, wie Du hier und noch mehr beim Pharao in Amerika erhöht worden bist und man Dich nun schließlich mit Lobgold überhäuft. Von dieser "Vergoldung" erzählt Thomas Mann, wie der Pharao "mit sichtlichem Vergnügen, recht aus dem vollen schöpfend, einen Regen und Segen von Kostbarkeiten auf den Begünstigten niedergehen ließ ..., was alles der Beschenkte allein natürlich nicht auffangen konnte, so dass ihm ein paar Auffange-Sklaven beigegeben waren, die einen ganzen Hort von im Sonnenstrahl blitzendem Golde unter den Wunderrufen der Menge am Boden vor ihm aufhäuften".

So erlebst Du es in diesen Tagen. Und das alles völlig zu Recht, denn Deine Verdienste sind entsprechend.

Eigentlich habe ich Dich erst im Jahr 1981 richtig wahrgenommen. Der Film hieß "Lola" und der Regisseur Rainer Werner Fassbinder. Das war ein gelungener Besetzungseinfall, den scheinbar unverdorbenen Baudezernenten von Bohm, der sich einem korrupten Kleinstadtklüngel entgegenstellt, mit Dir, dem Mann aus der DDR, zu besetzen. Fassbinder suchte für den Wirtschaftswunder-Film einen Außenseiter, einen Nichtangepassten. Ich habe Dir die Rolle sofort geglaubt. Es war nicht nur das unverbrauchte Gesicht des hierzulande unbekannten Stars der DDR, es war auch die Integrität des Dissidenten, die Du mit in die Figur gebracht hast. Ein Mann, der nicht korrupt werden will und mit seiner Unbestechlichkeit Ärger macht.

"Ich will einen Neuanfang machen", sagst Du in dieser Rolle. Aber was es für Dich bedeutet hat, noch einmal in Deinem Leben neu anzufangen, das konnten wir damals nicht ermessen.

Wir wussten nur sehr wenig über die Arbeit der Schauspieler in der DDR. Deine Erfolge dieser Jahre habe ich erst sehr spät gesehen: den poetisch politischen Film "Königskinder" etwa, "Nackt unter Wölfen", einen der ersten deutschen Filme über ein KZ, und den Hoffnungsfilm vom Überleben im Getto, "Jakob der Lügner". Auch den DDR-Fernseh-James-Bond in "Das unsichtbare Visier", den Du dann schießen ließest, als er Dir zu sehr Propaganda wurde. Da warst Du einer der beliebtesten Schauspieler der DDR.

Jetzt, wo manches aus Deinen für mich bisher unsichtbaren Jahren in der DDR endlich auf DVD zugänglich wird, sehe ich das mit großer Neugierde und Spannung: "Der Dritte" etwa, den fast dokumentarisch erzählenden, kritischen Film über den Alltag einer berufstätigen Frau in der DDR. Gemeint war ihr dritter Mann, Du spieltest den zweiten, einen blinden Musiker. Am Ende reist er ab in den Westen. Das wirkt beinahe wie ein Vorspiel zu "Die Flucht", einem für DDR-Verhältnisse recht wirklichkeitsnahen Film über die Zweifel eines Wissenschaftlers, ob er es noch länger in Ostdeutschland aushalten kann. Er wird aus erzieherischen Gründen am Ende des Film erschossen - auf dem Weg in den Westen.

Dein Rauswurf, das war traurig

Dass Du dann nach der Biermann-Affäre selber gehen musstest, dass Sie Dich boykottiert und hinausgeekelt haben wie so viele andere, die sich nicht auf Linie bringen lassen wollten – das war traurig. Aber es war unser Glück, denn wir hatten Dich damit im Westen. Du hast mir gelegentlich von den Gedichten und Songs erzählt, die Du damals in der DDR geschrieben hattest. "Für W.U." hieß zum Beispiel so ein Lied:

"War ein Baum ganz voller Äpfel / Wär beinah ein Apfelbaum / Nur ganz oben in der Spitze / Wächst ganz einsam eine Pflaum'..."

Gestalten, Verwandeln und schließlich Verzaubern

Das war nur die erste Strophe und war schon Majestätsbeleidigung. Die Pflaume oben an der Spitze der DDR konnte man ja leicht erkennen, "W.U." stand für Walter Ulbricht. Sie hatten es gelesen, das und noch viel mehr hatten sie ausgespäht und aufgeschrieben. "Operation Vorgang Violine" nannte die Stasi ihr Gespinst, das die Herren wie ein Netz über Dich geworfen hatten, Verräter-Freunde inklusive. Erst wollte man Dich nicht gehen lassen.. Du hattest damals einen persönlichen Brief an Erich Honecker geschrieben, am Rand kann man heute in dessen Handschrift erkennen: "Kommt nicht in Frage."

Aber dann haben sie Dich doch ziehen lassen.

Gestalten, Verwandeln und schließlich Verzaubern – das sind Deine Lebensthemen. Ich konnte dabei sein und beobachten, wie Du das machst. Wenn Du nach den Kommandos für Ton und Kamera und nach meinem "Bitte!", sagen wir, die Tür zu Thomas Manns Arbeitszimmer öffnest und Deinen Auftritt hast: Auf der Diele feiern seine Kinder mit den Freunden einen Maskenball. Der Dichter trägt das Kostüm eines Zauberers. Er grüßt leutselig, geht umher und schaut. Die Kamera bleibt bei Dir, beobachtet Dich.

"Er hat selbst nicht gewusst, dass er schaut. Man fühlte sich nie beobachtet. Dennoch hat er alles mitgekriegt." So hatte mir Thomas Manns Tochter Monika die Szene erzählt. Und so hast Du es gespielt. Das heißt, Du spielst Mann eigentlich gar nicht. Für diesen einen magischen Augenblick bist Du Thomas Mann. In dieser Rolle spielst Du sein Pathos weg, holst den Dichterfürsten in den Alltag herunter. Du zeigst uns die Einsamkeit, die Kälte der Produktion, die Sehnsucht und den Schmerz: Wie Du dort stehst, gar keine großen schauspielerischen Mittel einsetzt, nur da bist mit Deiner Kenntnis, Deiner Erfahrung und Einfühlung, Dich in der Figur frei bewegst und dabei nicht unentwegt Dein Handwerkszeug vorzeigst.

Der Film wurde ein Erfolg, wir wissen es heute. Aber damals, als wir uns in einem Hotel in Lübeck das erste Mal zur Kostümprobe trafen, stand das noch in den Sternen. Ich kam mit der Kostümbildnerin Barbara Baum aus Berlin. Sie hatte Dich schon in "Lola" eingekleidet, dem Baudezernenten von Bohm damals den kleinen, ordentlichen Anzug aus den 50er-Jahren angezogen. Nun, 20 Jahre später, stand ich mit ihr in einem Lübecker Hotel mit eben diesem Anzug.

Die Schuhe und der Nazi-Mörder

Du hattest inzwischen in den Vereinigten Staaten große Rollen in vielen bedeutenden Filmen gespielt. Da war "Music Box" von Costa-Gavras, die Geschichte eines untergetauchten KZ-Aufsehers, dessen mörderische Vergangenheit in einem Prozess aufgedeckt wird.

Du hast einmal von der Bedeutung Deiner Schuhe beim Aufbau der Rolle des Nazimörders in diesem Film erzählt: wie Du zu Anfang, als der unerkannte Angeklagte vor Gericht seine Taten noch leugnet, in festem, schwerem Schuhwerk als gut getarnter Familienvater und Biedermann auftrittst und dann über leichte Turnschuhe gegen Ende in leichten, eleganten Lederschuhen vor Gericht tänzelst – da ist der Kriegsverbrecher wieder ganz der Nazi, der mit dem Gericht spielt, wie die Nazis es mitunter mit ihren Opfern getan haben.

Die starke Darstellung eines monströsen Vaters

Die Schuhe sind ein Mittel, die Haltung einer Figur zu finden. Wenn Du die gefunden hast, bist Du frei zur weiteren Ausgestaltung. Eindrucksvoll auch Deine Rolle als Jude in "Avalon" von Barry Levinson und "Shine" – der Weg ins Licht, die starke Darstellung eines monströsen Vaters, der seine eigene verpasste Karriere als Musiker mit Gewalt und Tyrannei aus seinem begabten Sohn herauspressen will, eine Rolle, die Dir schließlich eine Oscar-Nominierung einbrachte.

Es war schon eine höchst beeindruckende internationale Karriere, die Dir dort drüben in Hollywood gelungen ist. Sie war noch in vollem Gange, als wir nun vor Deinem Hotelzimmer in Lübeck standen. Barbara murmelte nervös: "Der Armin ist ein Anprobenmuffel. Der will keine Kostüme probieren." Als Du aber Deinen Anzug des Bauderzenten wiedererkannt und herzlich begrüßt hattest und dann erst in die Hose, dann in die Jacke geschlüpft warst, passte alles wie angegossen - nach 20 Jahren. Aus dem kleinen Baudezernenten von damals war Thomas Mann in seiner Spätzeit geworden. Aber ich weiß bis heute nicht, ob Barbara - die kommt ja wie Du aus Ostpreußen - nicht doch an den Nähten etwas manipuliert hat.

Die Menschen haben Dir Thomas Mann abgenommen

"Kommen Sie mit dieser Rolle, kommen Sie mit Thomas Mann zurück nach Deutschland" – das war meine Werbung und mein Versprechen. Die Menschen haben es Dir gedankt. Sie haben Dir Thomas Mann abgenommen. weil Du selber ein Künstler bist, ein Mann, dem man es durchaus auch zutrauen würde, "Buddenbrooks" geschrieben zu haben. Dann, wieder Jahre später, lud ich Dich zu meinem "Buddenbrooks"-Film ein. Das war etwas heikel, weil ich Dir keine Hauptrolle anbieten konnte. Ein Ensemble-Film würde es werden, das haben wir gleich gewusst. Und Du hast Deiner Filmfamilie viel Raum gelassen.

Für den alten Konsul, den Lübecker Senator Jean Buddenbrook, haben wir gar keine große Maske gemacht, wir wollten keinen Bart, keine Perücke. Du spieltest ihn mit Deiner Persönlichkeit, ohne jedes Pathos, ganz lakonisch, mit all Deiner Lebenserfahrung zwischen Ost und West, Amerika und Europa, Kalifornien und Schleswig-Holstein. Manchmal kamst Du etwas erschöpft, angereist aus der Türkei, von den gleichzeitig laufenden Dreharbeiten bei Tom Tykwers "The International". Wir trafen uns dann in einem Wohnwagen vor dem Studio in Köln. Damals habe ich Deine Disziplin bewundert, die auch eine Disziplin der Verantwortung gegenüber Deinen eigenen Begabungen ist.

Im Atelier hast Du einen Ort der Freiheit gefunden

Ich kann seitdem sehr gut verstehen, wenn Du Dich in Zukunft mehr in Deinem schönen Atelier an der Ostsee aufhalten und hauptsächlich mit Farben, Papier, Leinwand und Pinsel zu tun haben willst. Im Atelier hast Du vielleicht einen Ort gefunden, wo Leben und Kunst, Gestalten, Verwandeln und schließlich Verzaubern auf das Schönste zusammenfinden. Ich weiß, wie wesentlich diese Freiheit für Dich ist, die kreative Lust zu leben, die Dich wie sonst kaum etwas von Lebensfesseln befreit.

Du weißt ja, wie sehr Dich die Menschen schätzen und lieben. Wenn "Buddenbrooks" nun zu Weihnachten auch im Fernsehen zu sehen ist, wird das besonders für die Lübecker gelten; und wenn Du demnächst dort durch die Straßen gehst, werden sie - da bin ich sicher - die Hüte ziehen, wie sie es einst vor Thomas Manns Vater taten: "Tach, Herr Senata". Und Du wirst freundlich zurücklächeln, aber ganz tief drinnen schmunzelt der Gaukler - und leise wirst Du Dich an die Worte des Konsuls Jean Buddenbrook erinnern, mit denen er auf diese bunte, seltsame Veranstaltung zurückblickt, die man das Leben nennt: "Kurios. Kurios."