Kult-Serie

Ulmen, der verrückt-geniale Dr. Psycho

| Lesedauer: 6 Minuten
Antje Hildebrandt

Deutsche TV-Serien erreichen nur selten das Niveau amerikanischer Produktionen. "Dr. Psycho" auf Pro Sieben ist da eine Ausnahme. Dabei gibt sich die Hauptfigur (Christian Ulmen), ein verschrobener Seelenklempner, erst gar keine Mühe, seine Wurzeln zu verleugnen. Eine Hommage.

Es muss daran liegen, dass er als kleiner Junge in seine Mama verliebt war. Sein Faible für Feincord. Der schlurfende Gang. Die beinahe schon krankhafte Angewohnheit, das Verhalten seiner Mitmenschen zu analysieren. Max Munzel (Christian Ulmen) ist der fleischgewordene Albtraum eines Psychologen. Und zugleich eine der liebenswertesten Figuren, die hierzulande den Bildschirm bevölkern.

Denn natürlich meint es Ödipussis Enkel nur gut, wenn er seine Kollegen von der Soko für organisiertes Verbrechen zielsicher von Fettnapf zu Fettnapf führt. Und da er unter diesen dynamischen, aber erfolglosen Jammerlappen noch der einzige ist, der sein Unvermögen reflektieren kann, verzeiht man ihm auch seine Angewohnheit, seinen Brutalo-Boss (Ulrich Gebauer) bei dessen Vorgesetzten anzuschwärzen, wenn er mal wieder Anlauf nimmt, um "die Diplom-Petze" aus der Truppe zu kegeln.


Munzel kann eben auch ganz anders. Er kommt bloß kaum dazu. In den schönsten Momenten schillert dieser ur-deutsche Charakter zwischen väterlicher Fürsorge, neurotischer Verblendung und Größenwahn. "Dr. Psycho" ist wieder zurück auf dem Bildschirm, und man kann die Programmplaner von Pro Sieben nur dazu beglückwünschen, dass sie den Mut gehabt haben, diese TV-Serie fortzusetzen. Die Quoten der 1. Staffel waren desolat, doch Pro Sieben hielt an der Krimi-Komödie fest. So etwas gibt es heutzutage im Fernsehen nur noch selten: Ein Sender verteidigt Qualität gegen Quote. Der Durchhaltewillen sollte belohnt werden. Im Frühjahr kassierte der Sender den Grimme-Preis für "Dr. Psycho".

Die Jury begründete ihre Entscheidung mit der Kunstfertigkeit, mit der Autor Ralf Husmann jedesmal die Kurve kriege: "Gerade noch haben die Kollegen den ungeliebten ,Psycho-Seppl' nach Herzenslust gemobbt, da stecken sie alle zusammen mittendrin in einer Geiselnahme mit Todesfolge. Da Munzel ein Meister der Deeskalation ist, weil er die Leute so lange belabert, bis sie buchstäblich die Waffen strecken, gelingt es ihm immer wieder, das Unheil abzuwenden; allerdings nur, um gleichzeitig neues herauf zu beschwören." Man denkt an Loriot, der bei dem Versuch, ein schiefes Bild geradezuhängen, ein ganzes Wohnzimmer demoliert.

Und ein bisschen auch an "Stromberg", den legitimen Erben von Ekel Alfred, der das Fremdschämen als Trendsportart etablierte. "Stromberg" ist zwar das Remake einer britischen TV-Serie ("The Office"), doch die Seelenverwandtschaft zu "Dr.Psycho" ist unverkennbar. Beide sind Außenseiter mit autistischen Zügen, beide glauben aber, dass sich die Welt nur um sie dreht.

Die Unterschiede

Doch während der Stellvertretende Leiter Schadensregulierung M-Z der Capitol Versicherung AG (Christoph Maria Herbst) gerne ein anderer wäre, während er alles macht, um geliebt zu werden, wenn es sein muss, auch frauenfeindliche Witze, hat sich Max Munzel in seinem Garten der Neurosen häuslich eingerichtet.

Zwar wurde er in der 1. Staffel wie Stromberg von seiner Frau Lena (Annika Kuhl) verlassen, doch muss er wenigstens keine Selbstgespräche führen. Der Psycho ist nicht allein. Da ist immer noch Freud. Sein Hund. Bei ihm lädt er seinen Seelenmüll ab, bis eine neue Liebe in sein Leben platzt: Svenja (Christina Große), eine Kollegin. Beruflich leitet sie Anti-Aggressions-Kurse. Aber das scheint sie nicht auszufüllen. Die größere Herausforderung ist dieser Psycho.

Da könnte sich eine glückliche Mènage à trois anbahnen - wenn, ja wenn da nicht noch Munzels frisch verwitweter Vater (Hanns Zischler) wäre. Nach dem Tod seiner Frau hängt er in der Luft, ausgerechnet sein Sohn soll ihn jetzt auffangen. Mit Sack und Pack zieht er bei ihm ein.

Dabei hat Max Munzel seinen Vater schon als Kind nicht gemocht - siehe Ö wie Ödipussi. Und dass der ihn jetzt auch noch mit seinem sexuellen Notstand konfrontiert, trägt auch nicht gerade dazu bei, das Verhältnis zu entkrampfen. Wie sich Christian Ulmen über bei dieser Gelegenheit von einem kleinen in einen großen "Hosenscheißer" (Papa Munzl) verwandelt, um sich über seinen Erzeuger zu erheben, das ist großartiges Kino.

Fast schon amerikanisch

Dass sich "Dr.Psycho" auf einer Höhe mit "Monk" oder "Dr.House" bewegt, verdankt er den Begleitumständen seiner Geburt. Die Produktion gehorcht einem Prinzip, von dem sich Pro Sieben die Rettung der Serie verspricht. Wie bei vielen US-Produktionen liegt die Gesamtverantwortung auch hier bei einem Mann. Ralf Husmann.

Als Drehbuchautor und Produzent hat er schon der Figur des Büro-Ekels "Stromberg" auf die Beine geholfen. Husmann, der Name steht für funkelnde Dialoge, wie sie sich in der 2. Staffel zwischen Max Munzel und seinem Boss Hendriks entspinnen, als der Psychologe erkennt, dass ihn Hendriks gelinkt hat.

Munzel: "Wir spielen doch nicht: Wer hat den Längeren?"

Hendriks: "Nein, wir spielen: Wer hat einen? Wer hat keinen? Und ich habe gewonnen."

"Dr.Psycho" ist mit begnadeten Schauspielern besetzt. In der Soko für organisiertes Verbrechen gehört jeder auf die Couch, sei es der trockene Alkoholiker Victor (Roeland Wiesnekker) oder Eddie (Hinnerk Schönemann), der einen Nackenspoiler und kein Glück in der Liebe hat, aber auch keines im Beruf.

Aus dieser Chaoten-Truppe ragt eine Frau hervor: Kerstin (Anneke Kim Sarnau). Sie ist knallhärter, als die Polizei erlaubt. Oder weicher. Das kommt immer auf den Blickwinkel an. Als Kerstin erfährt, dass sie ihr Freund mit einem "Tittenmonster" betrogen hat, tritt sie demselben die Tür ein.

Trost findet sie ausgerechnet bei dem Psycho-Seppel. Der mag zwar den Schuss nicht gehört haben. Was nicht nur an seiner Übersensibilität im Trommelfell liegt. Doch dafür ist auf ihn Verlass. Wieder so eine Tugend, von der man sagt, sie sei typisch deutsch. Max Munzel repariert auch Herzen - allerdings nur, "solange da noch Garantie drauf ist."

"Dr. Psycho", jeden Dienstag, 22:15 Uhr, Pro Sieben