Deutsche Oper

Kirsten Harms letzte Inszenierung zündet nicht

Kirsten Harms hat mit "Die Liebe der Danae" ihre Abschiedsarbeit an der Deutschen Oper abgeliefert. Doch Richard Strauss’ Alterswerk hat sich selbst überlebt.

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Nach einer ausgiebigen Wartezeit, nach annähernd drei Stunden ist es soweit: Richard Strauss gibt sich als der bewegende, anrührende Altmeister zu erkennen. Die Bühne hält den Atem an. Sie verstummt für ein herrliches Weilchen. Das Orchester spricht allein und in tiefer Nachdenklichkeit vor sich hin.

Ist es die Liebe der Danae, der es plötzlich die Sprache verschlagen hat? Oder ist es der Lebensabschied von Richard Strauss, der sich da aus dem Orchestergraben heraus singt, von den Musikern mit tiefer Hingabe artikuliert, von Andrew Litton, ihrem exzellenten Dirigenten, geleitet. Plötzlich und quasi zu guter letzt hat es sich doch noch gelohnt, „Die Liebe der Danae“ der Vergessenheit zu entreißen.

Das Stück hat eine reichhaltige Unglücksgeschichte auf dem Buckel. Zunächst warfen der Tod Hugo von Hofmannsthals, die Vertreibung Stefan Zweigs als Ersatz-Librettist Strauss poetisch ins Leere. Die vermochte der einerseits tiefsinnige, andererseits hochnäsige Philologe Joseph Gregor, als Germanistik-Wissenschaftler ohne jede angeborene poetische Ader, nicht zu füllen. Es setzte unter seiner Hand ein geschäftiges Puzzle der Worte, in die unterschiedlichsten Singmünder gelegt. Strauss hatte sie, eine undankbare Mammutaufgabe, mit musikalischem Sinn zu füllen.

Doch damit noch längst nicht genug. Mitten im Zweiten Krieg machte sich Strauss an die Komposition dieser „heiteren Mythologie“. So jedenfalls schwebte ihm seine „Danae“ vor. Doch die Zeit der Heiterkeit war inzwischen gründlich vorüber. Der Weltuntergangsjammer eines verloren gehenden Krieges lag in der Luft.

Als 1944 der Tag der Uraufführung des neuen Werkes in Salzburg anstand, kam „Danae“ über die Generalprobe nicht hinaus. Das Stück sah sich zwangsweise ad acta gelegt und mit ihm sein Komponist. Am nächsten Tag wurden überdies alle Theater in Deutschland und Österreich geschlossen. Glaubte man tatsächlich, mit Hilfe der freigestellten Chöre, Orchester, Bühnenarbeiter und Ballettmitglieder den Krieg gewinnen zu können?

„Die Liebe der Danae“ jedenfalls zog jahrelang ihre stillen Runden in der Warteschleife, bis man sie nach acht Jahren aus ihrem Schattendasein erlöste. Das geschah abermals in Salzburg. Die Aufführung wurde nach Wien ausgelagert und drehte von dort aus einige Gastspielrunden.

Die deutschen Opernhäuser stürzten sich rundum auf die Novität und ernteten in reichem Masse Enttäuschung. „Die Liebe der Danae“ klang wie ein Werk aus einem renommierten Nachlass.

Nicht nur ihr Komponist war inzwischen gestorben, die Art seines hochpersönlichen Komponierens war es gleichzeitig auch. „Danae“ erwies sich als ein Stück, das sich selbst überlebt hatte. Nun macht es Kirsten Harms, die scheidende Intendantin der Deutschen Oper, gleichzeitig ihre Regisseurin, Berlin zum Abschiedsgeschenk. Es wurde von allen Seiten freundlich aufgenommen.

Wirklich zu fesseln versteht die „Liebe der Danae“ freilich nicht. Weder dramatisch noch musikalisch. Ernst und Spaß schlagen immer wieder wie mit Keulen auf einander ein. Schreiend stürzt sich die Rotte der Gläubiger in den Palast des Pleite gegangenen Königs Pollux, reißt die Riesengemälde zur Versteigerung von den Wänden, karrt die überdimensionalen Skulpturen fort, seilt sogar den stillen Flügel Kopf unter zur Decke hinauf und dort bleibt er, was auch geschieht, bedrohlich bis zum Schlussvorhang hängen. Die „Liebe der Danae“ ist stets in Gefahr, von ihm, dem schwarzen, stillen Symbolklavier, erschlagen zu werden.

Hochgradig geschäftig geht es aber nicht nur auf der Bühne, im grau gesprenkelten Dekor von Bernd Damovsky zu, dem Riesenpalast mit seinem trotz verschiedener Versuche ungenutzten riesigen Beischlafzimmer. In den kühlen Räumen singen die drei Helden des Abends wechselnd einander zu. Manuela Uhl ist die vom Goldregen verwöhnte Danae. Bis tief in ihre Kehle ist er leider nicht vorgedrungen. Sie singt ihre große Partie ohne jeden verführerisch waschechten Strauss’schen Wohlklang heraus.

Ihr darin leider ebenbürtig ist Mark Delavan als schwerleibiger Jupiter, der, wie man an den ihn noch immer umgirrenden, abgelegten Liebhaberinnen sieht, auch schon bessere Liebestage gekannt hat. Auch er scheint seine Rolle von einem im Innern entfalteten Notenblatt aufmerksam abzusingen. Am Geschehen ringsum, obwohl er doch eigentlich Motor der Handlung sein sollte, nimmt er kaum teil.

Diese Aufgabe überlässt er lieber dem jungen, wendigen Matthias Klink mit seinem sanften Tenor, der sich alsbald nicht einzig für Danae, mehr noch für die Zuhörer als der ideale Liebhaber erweist, ob er sich nun am Ende als Goldmund oder als armes, schwer schuftendes Luder erweist.

Die Aufführung strotzt gelegentlich vor halsbrecherischer Betriebsamkeit. Auf den Trümmern ihres Palastes hat sich Danae mit ihrem Midas niedergelassen, der allerdings durch Abwesenheit glänzt. Dafür liest Merkur, in Gestalt des feinstes Parlando singenden Thomas Blondelle, dem Göttervater dort ausgiebig die Leviten. Der zeigt sich am Ende einsichtig. Was bleibt ihm auch anders übrig? Die Liebe der Danae ist längst auf und davon.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Nächste Aufführungen: 27.1.; 5., 13.2.; 19.3.; 7.4.

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