Vertragsende

Harms verabschiedet sich von Deutscher Oper

Kirsten Harms steht vor ihrer letzten Inszenierung an der Deutschen Oper in Berlin, denn im Sommer endet ihr Intendanten-Vertrag. Sie ist – bei aller Herzlichkeit – die fremde Frau geblieben. Eine Bilanz ihres Wirkens.

Foto: Dt Oper

Gleich zu Beginn kommen die Gläubiger und Gerichtsvollzieher und räumen die Skulpturen und Gemälde von der großen Bühne ab. Es ist die große Pleite. Was in dem Stück dann folgt, ist die Sehnsucht nach dem Erlöser. Intendantin Kirsten Harms bereitet dieser Tage ihre letzte Inszenierung an der Deutschen Oper vor, denn im Sommer endet ihr Intendanten-Vertrag. „Die Liebe der Danae“, ein Spätwerk von Richard Strauss, wird in ihrer Regie wohl auch zur Metapher auf die Deutsche Oper. Obwohl sie selber das so gar nicht an sich heranlassen möchte. Für sie ist diese „heitere Mythologie“ eine Art Gesellschaftskomödie, aber natürlich auch, sagt sie, ein sehr politisches Stück.

Es war auch eine gewagte politische Entscheidung, als vor sieben Jahren die aus Kiel kommende Kirsten Harms ihr Amt antrat. Die Deutsche Oper war seit der Wiedervereinigung ein Tanker mit schwerer Stückladung, aber ohne Navigation, wohingegen die Konkurrenz, die Staatsoper unter Tausendsassa Daniel Barenboim, das internationale Renommee und die Millionen einsammelte. Charlottenburgs alter Opernkönig Götz Friedrich war verstorben, sein sächsischer Hansdampf-Nachfolger Udo Zimmermann schnell wieder verschwunden, das Haus in sich völlig zerstritten.

Die sich als Frau in Weiß stilisierende Kirsten Harms wurde fast wie eine Erlöserin gehandelt. Die weibliche Hand würde schon vermitteln, war die Hoffnung. Und vor allem Bescheidenheit vermitteln. Das war der kulturpolitische Auftrag: Die Deutsche Oper sollte sich endlich hinter die Staatsoper kuschen. Frau Harms hat sich unglücklicherweise (zunächst) darauf eingelassen – und die Politik einen Scheinsieg errungen.

Das Orchester ist die Achillesferse

Als erstes warf Generalmusikdirektor Christian Thielemann in Tarifauseinandersetzungen hin. Ein ungeheurer künstlerischer Verlust für Berlin. Und seither muss das Orchester in einer deutlichen finanziellen Zurückstufung leben, rund 1000 Euro verdient derzeit ein Musiker der Deutschen Oper weniger als sein Kollege in der Staatskapelle. Das sorgt immer wieder für Missstimmung. Die letzte Streikwelle in den Opernhäusern geht auch auf diese Entscheidung zurück. Das Orchester (und sein Dirigent) ist die Achillesferse von Opernintendanten. Als Thielemanns Nachfolger ließ sie den sympathischen, geringer dotierten Italiener Renato Palumbo verpflichten. Sein Waterloo wurde die musikalisch verhunzte „Freischütz“-Premiere, er verließ eilig wieder Berlin. Es ist bis heute ungeklärt, inwieweit das Orchester dabei nachgeholfen hat. Fest steht, die Musiker hatten ein Auge auf den konservativen Wagner-Dirigenten Donald Runnicles geworfen. Er wird jetzt als Generalmusikdirektor nebenbei auch die Geschäfte führen, bis im Sommer 2012 sein Intendant Dietmar Schwarz antritt.

„Grundsätzlich ist die Größenordnung der Finanzierung des Orchesters eine politische Aufgabe, da sie der Träger ist“, sagt Kirsten Harms. Sie hat in den sieben Jahren selber viel erlebt und gelernt. „Es ist nicht nachvollziehbar, warum das Haus am Ende der Götz-Friedrich-Ära zurückgestuft wurde“, sagt sie heute. Wissend, dass es sich eine Stadt wie Berlin gar nicht leisten kann, einen solchen Kultur- und Wirtschaftsfaktor aufs Spiel zu setzen.

Tatsächlich wurde gerade in der Ära Harms deutlich, wie wichtig die Deutsche Oper für die Stadt ist. Vorausgesetzt: Es stimmt das Spiel zwischen Kulturpolitik, Opernstiftung und künstlerischer Leitung. Zunächst hatte Frau Harms für Aufbruchstimmung gesorgt und brachte das etwas vermuffte Opernhaus wieder zum Glänzen. Rückbauten, Ausbesserungen, Sanierungen, ein neuer Platz – das Ambiente hat sich deutlich verbessert. Und auch ästhetisch wollte die Regisseurin reinemachen, sie hat vergessene Stücke ausgegraben, wieder beste Sänger und Regisseure wie Christoph Schlingensief verpflichtet und auch ihre Regiebabys auf die große Bühne gelassen. Dafür hatte sie anfänglich nicht das rechte Augenmaß. Den jungen Alexander von Pfeil quasi in Nachfolge vom großen Götz Friedrich zum Chefregisseur zu machen, stieß vielen bitter auf. Nach Pfeils „Freischütz“ war dieser gut gemeinte Versuch beendet.

Die Alpha-Frau im Kulturbetrieb

„Ich bin eine Alpha-Frau“, sagt sie und besteht auf den sehr weiblichen Akzent. „Eine Gesellschaft kann es sich eigentlich nicht leisten, die Werte, für die Frauen stehen, in Führungspositionen nicht zu nutzen.“ Ihr geht es um Werte wie Klugheit, Umsicht, Strategie und menschliche Intelligenz. Während der Proben zur „Liebe der Danae“ wirkt sie gut gelaunt, selbstbewusst, ja fast kämpferisch.

Schwer lastet auf ihr der Fall Idomeneo, der im Mozart-Jahr 2006 sogar international für Schlagzeilen sorgte. Allerdings wegen Mohammeds Kopf, den Hans Neuenfels ziemlich plakativ am Ende hineininszenierte. Heftige Kritik setzte es, weil sie die Oper nach angeblichen Islamisten-Drohungen absetzen wollte, um ihr Haus und ihre Leute zu schützen. Ihr wurde quasi fehlendes Rückgrat vorgeworfen – Feigheit vor dem Feind. Dabei war alle Häme vermessen. Rückblickend ist es ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie sich die Demokratie auch im Inneren auf die näher kommende islamistische Bedrohung einstellen musste. Frau Harms hätte einfach die Verantwortung in Richtung der sich auffällig schweigsam gebenden Verwaltung zurückschieben müssen. Später fanden zwei Aufführungen unter Polizeischutz statt.

Aus der Diskussion über Frauen in Führungspositionen hat sich Kirsten Harms in der Öffentlichkeit lange rausgehalten. Dass sie es jetzt tut, hat wohl auch etwas mit dem Zeitgeist zu tun, der immer wieder Quotenregelungen fordert. Schwer vorstellbar, wenn es nicht nur die Politik und Wirtschaft, sondern auch die Kultur beträfe. Denn auch in Berlin ist die Kultur fest in Männerhand. Es mag auch sein, dass Frau Harms nie den richtigen Zugang in das kulturkonservative Milieu fand. Als attraktive blonde Frau in Weiß ist sie weder der seriöse Businesstyp, noch der Kumpeltyp, weder die Mutter, noch die beste Freundin. Und keinesfalls die schräge, hippe Regisseurin. Für Außenstehende war es immer schwer, sie irgendwie einzuordnen. Sie ist – bei aller Herzlichkeit – die fremde Frau geblieben. „Ich habe gezeigt, dass große Leistungen nicht allein mit Machtauftritten zu erreichen sind“, erklärt die Intendantin sich selbst und damit gleichsam ihre Ära: „Und ich bin gegen eine Philosophie der Lautstärke“.