Neues Buch

So hat der Wedding Horst Evers hart gemacht

Sieben Jahre hat Autor Horst Evers parterre im Wedding überlebt. Das prägt. Der Meister des Abstrusen sprach mit Morgenpost Online über Gutmenschen und den Boom der Geschichtenerzähler.

Foto: M. Lengemann / Martin Lengemann

Einen Blick für Abstruses und Situationskomik hat Horst Evers entwickelt und kann daher auch über den Alltag schreiben, ohne dass es sich langweilig und abgeschmackt liest. Diese Woche ist sein neues Buch „Für Eile fehlt mir die Zeit“ bei Rowohlt erschienen, das der 43-Jährige am Sonntag und am Montag im Renaissance-Theater vorstellen wird. Mit dem Geschichtenerzähler unterhielt sich Matthias Wulff.

Morgenpost Online: Herr Evers, Sie machen eigentlich eher Akademikerhumor, oder? Geschichten für den sanften Schmunzler?

Horst Evers: Das ist übertrieben. Ich habe drei Regeln: Keine Kalauer, keine Zoten, keine Abstaubersprüche, also keine Witze auf Kosten von anderen. Zumindest mache ich nicht unbegründete Witze auf Kosten von anderen.

Morgenpost Online: Das ist eine dünne Linie.

Horst Evers: Damit falle ich für ein größeres Publikum schon einmal raus. Die, die übrig bleiben, sind in der Regel dann kultivierte, höfliche Leute.

Morgenpost Online: Hm…

Horst Evers: Doch wirklich. Ach ja, und moralische Keulen sind tabu.

Morgenpost Online: Stimmt. Wenn Sie einem eine mitgeben in Ihren Geschichten, dann sich selbst.

Horst Evers: Ja, das mache ich gern. Aber ich habe es wirklich auch verdient. Da trifft es nun wirklich nicht den Falschen.

Morgenpost Online: Sie haben den Hang zur Selbstgeißelung?

Horst Evers: Ich bin Protestant. Wir kennen keine Vergebung, wir kennen nur Buße und Schuld.

Morgenpost Online: Die Katholiken beichten und machen dann dort weiter, wo sie aufgehört haben.

Horst Evers: Ich bin strenger, sowohl mir selbst gegenüber als auch meinen Geschichten. Daher bemühe ich mich, ein Gutmensch zu sein. Und das, obwohl der Begriff heute ein Schimpfwort ist. Mit der Zeit wird sich die Bedeutung des Wortes wieder drehen.

Morgenpost Online: Das Unangenehme an Gutmenschen ist doch das Pharisäerhafte.

Horst Evers: Aber dann sollte man sie Heuchler und nicht Gutmenschen nennen.

Morgenpost Online: Das ist nicht so leicht auseinander zu halten. Was beide vereint, ist die Instant-Betroffenheit.

Horst Evers: Für mich sind Gutmenschen jene, die versuchen, die Welt besser zu machen.

Morgenpost Online: Als Sie aus Niedersachsen nach Berlin zogen, verbrachten Sie erst eine Zeit im Wedding, das ist nicht unbedingt die erste Anlaufstelle der Gutmenschen.

Horst Evers: Dafür bin ich auch dankbar. Wenn man sieben Jahre lang im Parterre in einer dunklen Seitenstraße im Wedding lebt, dann hat man die Stadt begriffen.

Morgenpost Online: Die harte Schule.

Horst Evers: Man ist auf alles in Berlin vorbereitet, und es kann einen nichts mehr schrecken.

Morgenpost Online: Berlin ist schon eine sehr heterogene Stadt: Was verbindet den Marzahner mit dem Zehlendorfer, den Tegeler mit dem Friedrichshainer?

Horst Evers: Wenig. Berlin besteht aus 23 Dörfern, die sich alle gegenseitig mit großem Misstrauen belauern.

Morgenpost Online: Und was verbindet die Dörfer?

Horst Evers: Das Überlegenheitsgefühl gegenüber denjenigen, die nicht aus Berlin kommen. Aber dieses Gefühl verbindet Berlin mit allen anderen Metropolen dieser Welt.

Morgenpost Online: Was ist eigentlich Ihre genaue Berufsbezeichnung?

Horst Evers: Autor. Oder Geschichtenerzähler. Sie können mich auch Kabarettist nennen, mir ist das gleich.

Morgenpost Online: Ein Comedian, der das Olympiastadion füllt, werden Sie aber nicht werden.

Horst Evers: Dazu habe ich auch gar keine Ambitionen. Ich habe nicht einmal Ambitionen im Tempodrom oder in der O*-Arena aufzutreten. Es macht keinen Spaß.

Morgenpost Online: Ist es ein Unterschied, vor 600 oder vor 6000 Leuten aufzutreten?

Horst Evers: Die Unruhe im Raum ist eine andere. Es gibt wunderschöne Theater von 400 bis 1000 Sitzen, die eine sehr schöne Energie haben. So etwas kennen die großen Mehrzweckhallen nicht.

Morgenpost Online: Wie kommt das eigentlich, dass es heutzutage so eine Ballung an Erzählern – wie Frank Goosen, Jochen Schmidt oder Frank Sorge – gibt, die über den Alltag schreiben und, obwohl der klassische Spannungsbogen fehlt, ein Publikum gefunden haben?

Horst Evers: Es kommt natürlich vom Vorlesen. Die Keimzelle ist eindeutig die Gründung von „Dr. Seltsams Frühschoppen“ 1990, und es sind seitdem jede Menge Vorleser unterwegs. Die Geschichten haben alle eine relativ große Bodenhaftung, weil sie oft schon 24 Stunden, nachdem sie geschrieben worden sind, einem Publikum vorgelesen werden. Und das kann mir keiner erzählen, dass er diesen Gedanken – Du wirst deine Geschichte demnächst vor ein paar hundert Leuten vortragen – nicht permanent im Hinterkopf hat und ihn beim Schreiben automatisch berücksichtigt. Die Geschichte bleibt deshalb nah am Alltag und am tatsächlichen Leben und Erleben dran…

Morgenpost Online: …und die Geschichte wird so verknappt…

Horst Evers: …ja auch, es nimmt ihr aber auch immer das Selbstgefällige. Das treibt einem das Publikum relativ schnell aus.

Morgenpost Online: Verändern Sie Ihre Geschichten durch die Reaktionen des Publikums?

Horst Evers: Das kann gut sein. Es wäre auch verfehlt, sie nicht zu berücksichtigen. Wenn ich beim Vorlesen merke, die Geschichte ist zu verquast, muss ich sie halt ändern und dafür sorgen, dass sie Resonanz findet.

Morgenpost Online: Ist nicht eine geschriebene Geschichte anders als eine gesprochene?

Horst Evers: Natürlich. Deshalb sind die Geschichten in meinem Buch auch alle noch einmal überarbeitet, alle haben eine leicht aufwendigere Sprache. Beim Vorlesen muss die Geschichte schnell und zügig sein und dem obersten Gebot folgen: Du darfst nicht langweilen! Das gilt natürlich auch für das Buch, aber auf der Bühne ist es viel dramatischer. Dort bekommt man es sofort zurück, wenn man langweilt.