Dokumentarfilm

Dörries süßsauer eingelegte Binsenweisheiten

In „How to cook your life" garantiert Doris Dörrie Erleuchtung durch philosophisches Kochen. Sie begleitete den Zen-Priester und Kochbuch-Autoren Edward Espe Brown bei seinen Kochkursen: "Wenn du die Suppe umrührst, rühr' die Suppe um." Das macht nicht glücklich, nur satt.

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Zu den verdrängten Tatsachen bürgerlicher Kultur gehört die Langlebigkeit der Frage, wie man die immer schlauer werdenden Frauen dennoch zum Kochen bringt. Die effektivste Methode im empfindsamen Roman des 19. Jahrhunderts ist es, ihnen die Essenszubereitung schlicht zu verbieten – wozu hat man Personal.

Und schon sehnen sich die hohen Töchter danach, vor den strengen Augen der Eltern ihrem Geliebten wenigstens einen Salat oder einen Tee bereiten zu dürfen, mit ganzer Seele, ihrer angeblichen Natur entsprechend. Statt auf die allmählich versiegende mündliche Überlieferung von Frau zu Frau greifen sie dabei auf Kochbücher zurück. Dumm nur: Kochen nach schriftlicher Anleitung gilt als sekundär und häuslich, während männliche Köche den Ruhm absahnen, dem Künstler ebenbürtig.

Kochen wird zur Daseins-Frage

Und heute? Die spirituelle Aufbereitung der schnöden Tätigkeit scheint zumindest eine gute Möglichkeit zu sein, Frauen wieder zum Herd zu bewegen. „Männer“- und „Erleuchtung garantiert“-Regisseurin Doris Dörrie leistet mit ihrem Dokumentarfilm „How to cook your life“ nun scheinbar Widersprüchliches: Sie dimmt die aufgeregte öffentliche Hinwendung zur guten Speise und zum berühmten Koch-Künstler herunter zum spirituellen Kern menschlichen Daseins überhaupt.

Und sie schreibt mit dieser Hinwendung zur Innerlichkeit die alte Geschichte fort: Denn für die seelischen Qualitäten des Häuslich-Materiellen ist hier eine gebildete, berufstätige und laut Presseheft mit einem darob latent schlechten Gewissen behaftete Frau zuständig, die eines Koch-Lehrers bedarf: Dörrie selbst.

Tiefe im Alltäglichen

Sie begleitete den Zen-Priester, Yogalehrer und Verfasser einiger Kochbücher, Edward Espe Brown, bei seinen Kochkursen in buddhistische Zentren Österreichs und Kaliforniens. Laut Browns Philosophie der „Achtsamkeit“ ist Essenzubereitung nichts anderes als ein Geben und Nehmen zwischen Nahrung und Koch und folgt einer Art körperlich-geistiger Erotik: So soll der Teig des Brotes durch sanftes Abrollen der Hand nicht nur leckerer werden, sondern die geknetete Masse umgekehrt auch Akupressurpunkte der Hand stimulieren. Praktisch.

Dörries Kamera macht sich ihrerseits mit hingebungsvoller Achtsamkeit Browns Sehnsucht nach der „Tiefe im Alltäglichen“ zu eigen, und das heißt hier leider auch: mit Hang zur Banalität. Als er mit dem Kochen angefangen habe, so erzählt der Priester etwa, habe er seinen Lehrer Suzuki Roshi um Rat gefragt. Roshi war in den 60er Jahren von Japan nach Kalifornien gekommen und hatte kochfreudige Hippies um sich geschart. Wenn du den Reis wäschst, habe Roshi ihm geantwortet, „dann wasch' den Reis. Wenn du Karotten schneidest, schneid' Karotten. Und wenn du die Suppe umrührst, rühr' die Suppe um.“

Die Tragik der Brown-Anhänger

Solche Sätze klingen bei Roshi heiter, weise, einfach. Bei Brown einfältig. Warum das so ist, dazu weiß der Film keine Frage zu stellen. Was macht die leise Tragik von Browns Anhängern und ihrer Zeit aus? Genügt ihnen gerade die behauptete Einfachheit nicht?

Statt auf solche Differenzen schaut Dörrie auf all die Einfachheiten, den Teig, die Gesten, Geräte und Zutaten, von denen Brown unentwegt spricht. Brown wird dabei fast zur Ikone, jedoch weniger einer Lehre als eines tragischen Bemühens, das Koch und Filmerin gleichermaßen verbindet. Weinerlich zürnt Brown über eingeschweißte „sogenannte Lebensmittel“, wird er sentimental beim schlichten Metaphorisieren über verbeulte Teekessel, die noch immer ihren Zweck erfüllten.

Dörrie, die auf Kommentare verzichtet, macht sich in ihrer Rückführung zum Herd über die Kamera lediglich zur Reproduzentin dieser süßsauer eingelegten kulturpessimistischen Binsenweisheiten. Und liefert in der Überfrachtung zarten Gemüses mit Bedeutung ein weiteres unfruchtbares Beispiel für das bürgerliche schlechte Gewissen, sich von irgendeinem Naturauftrag oder Urzustand entfernt zu haben. Das macht nicht glücklich, nur satt.