Umstrittener Vorvertrag

Suhrkamps Archiv-Verkauf ändert die guten Sitten

Der Vorvertrag über den geplanten Verkauf des Suhrkamp-Archivs an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach steckt voller Fußangeln. Der Fall könnte viele Verlage auf die Idee bringen, ihre Archive nicht mehr als Verpflichtung vor der Literaturgeschichte, sondern als Notgroschen für schlechte Zeiten zu betrachten.

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Der „Vorvertrag (letter of intent)“, den der Suhrkamp Verlag und das Deutsche Literaturarchiv in Marbach vergangene Woche publik machten, hinterlässt mehr Fragen als er Antworten gibt. Natürlich wird Marbach, wenn dem Vorvertrag ein rechtsgültiger Vertrag folgen sollte, ein hervorragender Aufbewahrungsort für das wertvolle Suhrkamp-Archiv sein.

Die Kompetenz des Deutschen Literaturarchivs für die Erschließung solcher Verlagsmaterialien steht außer Frage. Seine technische und personelle Ausstattung ist exzellent und in seinem Bestand befinden sich schon jetzt etliche Schriftsteller-Nachlässe und -Vorlässe, die den nun avisierten Suhrkamp-Schatz hervorragend ergänzen.

Doch das geplante Geschäft ist andererseits voller Unwägbarkeiten, Fußangeln und Schattenseiten. So fehlt zum Beispiel noch die Zustimmung des Suhrkamp-Mitgesellschafters Joachim Unseld. Da das Archiv zum Geschäftsvermögen des Verlags gehört, dürfte es nach landläufigen rechtlichen Vorstellungen nicht leicht sein, es gegen dessen Willen zu verkaufen. Doch Suhrkamp hat in den letzten Jahren in juristischen Fragen ganz Erstaunliches geleistet, vielleicht stellt also auch das für den Verlag letztlich kein Hindernis dar.

Juristisch bemerkenswert ist zudem ein anderer Punkt: 2002 übergab Suhrkamp Teile seines Archivs an die Universität Frankfurt. Das betraf zunächst die Materialien der Jahre 1950 bis 1959. Weitere Jahrgänge sollten sukzessive in vertraglich festgelegten Abständen folgen.

Der Verlag hatte der Universität und dem Land Hessen dafür allerlei Zugeständnisse abgetrotzt. Bei der Bekanntgabe dieser Vereinbarung, die von mächtigen Fanfarenstößen der PR-Abteilung Suhrkamps begleitet wurde, war ausdrücklich davon die Rede, dass die Zusammenarbeit mit den Frankfurtern auf den Willen des kurz zuvor verstorbenen Verlegers Siegfried Unseld zurückgehe.

Doch zu den geplanten Nachlieferungen ist es bis heute nicht gekommen. Im Gegenteil: Nun kündigt der Verlag an, dass er Frankfurt die 2002 anvertrauten Unterlagen (und dazu das bereits 1984 eingerichtete Uwe Johnsohn-Archiv) wieder entziehen werde, obwohl der seinerzeit geschlossene Vertrag bis heute ungekündigt ist.

Eine Nachricht, die nicht zuletzt die hessischen Steuerzahler interessieren dürfte, da von der Universität in den vergangenen Jahren für die Erschließung und Edition der Materialien Personal- und andere Kosten investiert wurden.

Diese Vorleistungen werden nun dem Literaturarchiv zugutekommen – und man kann nur hoffen, dass die Marbacher wasserdichte Kaufverträge mit Suhrkamp schließen, damit sie nicht auch eines Tages von denkwürdigen letters of intent überrascht werden.

Nachlässe großer Schriftsteller

Zudem hat sich Marbach bislang darauf konzentriert, die Nachlässe großer Schriftsteller oder Gelehrter von den Autoren selbst oder deren Erben zu übernehmen. In diesem Fall jedoch räumt das Deutsche Literaturarchiv – auf Veranlassung des Suhrkamp Verlags – einer anderen, ebenfalls würdigen Kulturinstitution die Kostbarkeiten aus dem Tresor.

Auf die Frage, ob es dafür Vergleichsfälle gebe, muss Archiv-Direktor Ulrich Raulff erst einen Moment nachdenken, bevor er den Ernst-Jünger-Nachlass nennt, der bereits zu Jüngers Lebzeiten wie ein Archiv geführt worden sei, dann aber an Marbach ging. Doch dass dieser Fall mit dem jetzt erzwungenen Standort-Wechsel des Suhrkamp-Horts tatsächlich vergleichbar sei, wird wohl auch er nicht behaupten wollen.

Überhaupt werden sich manche Verlagsleiter, die in den letzten Jahren große Teile ihrer Archive an Marbach gaben, inzwischen fragen, was sie falsch gemacht haben. Denn bislang war es in fast allen Fällen üblich, derartige Bestände ohne Gegenleistungen an das Deutsche Literaturarchiv zu geben. Auch Siegfried Unseld hatte das offenbar beabsichtigt: Der nach seinen Wünschen ausgehandelte Vertrag mit der Universität Frankfurt sah keinen Kaufpreis vor.

Rowohlt und S.Fischer kostenlos in Marbach

Tatsächlich sind in jüngster Zeit die Archive von so namhaften Verlagen wie Rowohlt und S.Fischer kostenlos in Marbach eingetroffen, die S.Fischer-Verlegerin Monika Schoeller hat aus mäzenatischen Gründen sogar große Teile der zu erwartenden Erschließungskosten für die von ihr gestifteten Dokumente übernommen.

Nach dem spektakulären Fall Suhrkamp ist aber wohl damit zu rechnen, dass sich in diesem Punkt die bislang guten Sitten ändern werden. Ulrich Raulff kann sich nur an zwei Fälle erinnern, in denen sein Haus für Verlagsarchive zahlen musste: Der eine betraf die DVA, über den anderen wurde Stillschweigen vereinbart.

Doch beide wurden aus guten Gründen jenseits der Öffentlichkeit abgewickelt. Begeistert ist auch Raulff nicht darüber, dass nun unter den Augen des ganzen Literaturbetriebs ein Präzedenzfall geschaffen wurde, der viele Verlage auf die für die öffentliche Hand kostspielige Idee bringen wird, ihre Archive nicht mehr als Verpflichtung vor der Literaturgeschichte, sondern als Notgroschen für schlechte Zeiten zu betrachten.

Ulla Berkéwicz mit eigenwilligem Stil

Die Suhrkamp-Chefin Ulla Berkéwicz betont gern, dass sie den Verlag, den sie von ihrem Mann Siegfried Unseld erbte, in dessen Sinne fortführe. Sie zeigt dabei allerdings einen eigenwilligen Stil. Unseld hatte sie zu einer Art Aufsichtsrats-Vorsitzenden und Günter Berg zum Geschäftsführer des Bücherhauses bestellt. Nach seinem Tod feuerte sie Berg und bestellte sich selbst zur Geschäftsführerin.

Unseld hatte ihr einen Stiftungsrat an die Seite gestellt, dem so prominente Intellektuelle wie Hans Magnus Enzensberger und Jürgen Habermas angehörten. Den brüskierte sie so gründlich, dass er umgehend zurücktrat. Und Unseld gab das Verlagsarchiv an Frankfurt, da er einen Umzug nach Berlin offenbar nicht für notwendig hielt.

Ulla Berkéwicz jedoch verpflanzt Suhrkamp – in dann wohl drastisch reduzierter Größe – in die Hauptstadt und gibt das Archiv nach Marbach.