Ausstellung

Fotograf Teller wollte Charlotte Rampling nackig

Juergen Teller ist einer der großen deutschen Fotografen. Vor ihm kennen Prominente wie Schauspielerin Charlotte Rampling keine Hemmungen: Warum sie dem Künstler ihr Vertrauen schenken.

Foto: Amin Akhtar

In den Fotos von Juergen Teller geht es ziemlich nackt zu. Die Schauspielerin Helen Mirren („Die Queen“) fotografierte er topless für ein New Yorker Magazin, und Vivienne Westwood legte sich kleiderlos vor ihm auf die Chaiselounge. Für seine Serie „Paradis“, ein Auftrag für das gleichnamige Männermagazin, fotografierte er die britische Schauspielerin Charlotte Rampling (64) und das brasilianische Model Raquel Zimmermann nackt vor der Mona Lisa im Pariser Louvre. Paradis ist derzeit in der Berliner Galerie Johann König zu sehen, seine allerneueste Serie „Männer und Frauen“ bei „032c workshop“ in der Brunnenstraße in Mitte.

Morgenpost Online: Das muss einem Fotografen erst einmal gelingen, Charlotte Rampling nackt im Louvre zu fotografieren. Da musste der Museumsdirektor wohl bestochen werden und Madame auch?

Juergen Teller: Charlotte kenne ich seit 12 Jahren, ich habe schon Selbstporträts nackt mit ihr zusammen gemacht im Pariser Hotel de Crillon. Meine Güte, war ich damals aufgeregt, als ich vor ihr stand. Seitdem wollte ich immer etwas Nacktes mit ihr machen, allein mir fehlte die Idee. Da rief mich der Herausgeber des Magazins Paradis an, ich hätte die Möglichkeiten im Louvre zu fotografieren. Ich dachte, der spinnt. Einige Tage später klingelte er wieder an, fragte, was ich geplant hätte. Da dachte ich sofort an Charlotte.

Morgenpost Online: Und wie reagierte Sie auf ihr Angebot?

Juergen Teller: Ich rief sie an, und sagte: Charlotte, jetzt musst du dich ausziehen! Wir haben eine Nacht im Louvre. Du wirst nackt vor der Mona Lisa stehen. Charlotte Rampling ist von Filmen einiges gewöhnt, ich wusste, sie macht mit.

Morgenpost Online: Oft ist es so, dass Ihre Projekte mit Personen entstehen, die Sie gut kennen und mit denen Sie befreundet sind. Brauchen Sie eine gewisse Nähe, um gut zu sein?

Juergen Teller: Manchmal ist das so, aber eigentlich ist das von Shooting zu Shooting anders. Manchmal ist es wichtig, etwas zusammen gemacht zu haben und dann Dinge weiter zu entwickeln. Helen Mirren kannte ich nicht. Wir haben zuerst unsere Arbeiten durchdiskutiert, dann klappte es. Charlotte hat mir schnell ihre Nummer gegeben, so blieben wir in Kontakt. Wir sprechen über Kinder, es geht schlicht ums Leben. Ihre Schwester hat sich vor Jahren umgebracht, mein Vater auch, das ist ein Thema zwischen uns. Sie ist aber nicht so wie sie wirkt, ehrlich! Sie kichert wie ein kleines Mädchen, wir liegen oft unterm Tisch vor Lachen.

Morgenpost Online: Es gibt Stars, die wollen jedes Foto von sich selbst absegnen, um die Macht über ihre Bilder zu behalten.

Juergen Teller: Nicht so Charlotte, sie weiß immer, was sie macht. Sie will die Fotos nicht sehen, ich muss sie nicht vorlegen. Sie vertraut mir, das ist wichtig für so ein Verhältnis.

Morgenpost Online: Schönheit und Nacktheit sind große Themen in der Kunst. Aber kann man mit Nacktheit in bilderstarken Zeiten wie heute überhaupt noch etwas Neues erzählen?

Juergen Teller: Wissen Sie, diese ganze Diskussion um Schönheit langweilt mich. Ganz einfach: Ich wollte Charlotte mal nackt sehen!

Morgenpost Online: Waren Sie überrascht, als Sie sie sahen?

Juergen Teller: Super, dachte ich. Sie schaut noch gut aus. Es gibt von ihr viele ikonische Fotos, die mich immer beeindruckt haben. Zudem hat sie eine unglaubliche Ausstrahlung. Wenn ich mit ihr zusammen irgendwohin gehe, zieht sie alle Blicke auf sich.

Morgenpost Online: Ein Museum wie der Louvre ist ein magischer, ja erhabener Ort, noch dazu, wenn es leer ist. Hat Sie der Gegensatz von Skulptur und Mensch inspiriert?

Juergen Teller: Schwer beeindruckt hat mich im Museum vor allem, wie das Licht modelliert ist, wie die Figuren in Schatten getaucht werden. Das ist Lichtdramatik. Und, ja, natürlich geht es hier um Schönheit, aber viele Dinge sind ja schön. Ich habe einfach einen speziellen Blick auf Menschen und Dinge. Für mich ist in erster Linie die Person wichtig, die ich fotografiere, ihre Haltung, die Mode – und natürlich die Idee hinter allem. Ich rücke die Menschen ins positive Licht, ein Doppelkinn, das würde ich nie machen. Also fotografiere ich die Leute schön, wenn Sie so wollen. Nichts wird retuschiert. Natürlich kann man einen temporären Pickel weg machen! Beine länger machen? Das hab ich noch nie gemacht.

Morgenpost Online: So ein Charlotte-Termin ist wohl nicht zu toppen. Der Ort, das Museum, die Frau.

Juergen Teller: Ja, da fällt mir gerade wirklich nichts ein! Aber ich kann mich auch selber fotografieren. Und halt, ich komme gerade aus dem Urlaub von den Malediven. Da habe ich Fotos mit meinem sechsjährigen Sohn gemacht. Der war von den Russen dort schwer begeistert, weil sie den ganzen Tag im Fitness-Raum waren. Das sind richtige Männer (er grinst) . Daraus entstand die Serie „Männer und Frauen“.

Morgenpost Online: Vielleicht finden Sie dann auch ein Motiv in Berlin?

Juergen Teller: Da draußen sehe ich einen Müllhaufen. Ich habe ein komisches Verhältnis zu Berlin. Ich bekam einen Minderwertigkeitskomplex als ich – als Bayer vom Land – in die Stadt kam.

Morgenpost Online: Hey, Sie leben seit Jahren in London…

Juergen Teller: Als ich in den Achtzigern nach London kam, habe ich nichts verstanden. Ich konnte kein Wort Englisch, wollte Englisch lernen. Nun bin ich ein richtiger Londoner.

Morgenpost Online: Und der Berliner Komplex?

Juergen Teller: Ist schon weg.

Galerie Johann König, Dessauer Straße 6-7, Kreuzberg. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 30. Januar 2011.

032c workshop, Brunnenstraße 9, Mitte. Mi-Sa, 11-18 Uhr. Bis 16. Februar 2011.