Poker-Selbstversuch

Ruhm, Ehre, Geld - noch nie war das Ziel so nah

Ein Jahr kostenlos an den Pokertischen der Welt um Millionen spielen. Das war am vergangenen Wochenende der Hauptpreis beim ersten internationalen Pokercasting in Wien. Neuling Friedrich Pohl mischte sich unter die Kandidaten. Und träumte den Traum vom Profileben – zumindest kurzzeitig.

" Komm schon", denke ich und starre auf den grünen Bezug des Pokertisches. "Gib mir noch eine Sieben!" Ich habe schon zwei. Drei Karten liegen offen. Zwei fehlen noch. Die Chance steht bei acht Prozent. Trotzdem bleibe ich dabei. "Gib mir jetzt die verdammte Sieben!" Der Kartengeber, "Dealer" genannt, deckt die vorletzte Karte auf. Karo zwei. Mist. Ich setze noch mal 1000 Spielchips. Doch der Japaner mit iPod und Sonnebrille zieht mit. "Jetzt die Sieben! Bitte!" winsele ich innerlich, nach außen regungslos. Es kommt: Pik-König. Ich setze noch mal 1000 und hoffe, dass mein Gegner aussteigt. Fehler. Er lächelt und geht mit. Das war es. Showdown. Er schlägt mich mit einem Paar. Ausgerechnet einem Paar Könige. Er sackt alle Einsätze, den "Pot", ein. Meine Führung ist futsch. Mein Kopf brummt, mein Herz hämmert. Zu Hause am Computer war Pokern stressfreier.

Es ist das erste Mal, dass ich an einem echten Turnierpokertisch sitze. Mit wenigen Tausend Spielchips Startkapital wird hier Texas Hold'em gespielt. Die Pokerart, die derzeit stundenlang auf vielen Fernsehkanälen läuft. In meinen 31 Lebensjahren beschränken sich meine Erfahrungen auf zwei Pokerabende mit Freunden, ein paar Stunden Onlinepoker, ein paar mehr Stunden Computerspielpoker und Strippoker am Amiga in den 90er-Jahren.

Doch jetzt hat mich das Pokerfieber richtig gepackt. Ich will wie diese Berufszocker vom Deutschen Sport Fernsehen (DSF) Tonnen von Chips vor mir liegen haben. Ich will fremden Menschen Millionen abnehmen, in den spektakulärsten Casinos der Welt spielen, in Las Vegas, in Monte Carlo, in Macau. Ich will einfach der sein, der es drauf hat. Ruhm, Ehre, Geld - noch nie war das Ziel so nah wie am vergangenen Wochenende in Wien .

Denn was hier, im edlen Palais Auersperg, veranstaltet wird, hat es bisher noch nicht gegeben. Ein Pokercasting im ganz großen Stil. Wer zu den zehn Gewinnern gehört, wird ein Jahr auf Kosten des Veranstalters Everest Poker bei den größten und teuersten Turnieren der Welt um Millionen spielen. Die er im Gewinnfall auch behalten darf. Everest zahlt das ganze Drumherum inklusive Reisekosten und Antrittsgeldern (Buy-Ins), die nicht selten bei 10 000 Dollar liegen. Zwei Runden werden hier in Wien an mehreren Tischen gespielt. Entscheidend ist nicht nur, wer diese Tische in kurzer Zeit gewinnt, sondern wer eine Expertenjury mit seinen Pokerfähigkeiten und - noch wichtiger - seinem Charisma beeindrucken kann.

Das klingt machbar. Deshalb habe ich mich hier auf die Teilnehmerliste gemogelt. Ich habe nur noch ein paar Probleme. Genauer gesagt knapp 200. Denn so viele Spieler sind vor Ort und wollen Ruhm, Ehre und Geld. Leider haben die meisten von ihnen schon reichlich Turniere gespielt. Einige leben seit Jahren nur vom Pokern.

An meinem ersten Tisch gehen neun Spieler aus fünf Nationen ins Rennen. Rechts neben mir sitzt ein junger französischer Schönling. Er setzt wirr, gewinnt nichts, wirkt arrogant, labert viel, verschläft seine Einsätze, guckt gelangweilt - und scheidet früh aus. Hehe! Der ältere Typ links von mir spielt abgebrüht. Sein Chipbestand ist konstant hoch. Es gibt nur eine Frau in der Runde. Aus Japan. Sehr attraktiv. Sie wirkt wie eine Diva, Mitte 20. Sie steigt während der nächsten zwei Stunden in jeder Runde sofort aus. Oder setzt gleich alles (All In). Natürlich hält dann keiner dagegen, und sie sackt den Pot ein. So hat sie stets genug Chips.

Die ersten Spiele laufen für mich äußerst erfolgreich. Meine Karten sind teilweise sensationell. Der Chiphaufen (Stack) wächst. Unglaublich, ich liege in Führung. Ich bin besoffen vor lauter Adrenalin und frage mich: "Wozu noch die nächsten 34 Jahre als Journalist arbeiten?" Mozarts "Eine kleine Nachtmusik" reißt mich aus meinem Kurztraum: Da-data-datadatadataaa ... vom Band, als Fünf-Sekunden-Trailer. Hier ist sie das Signal, dass die Grundeinsätze (Blinds) erhöht werden. Alle zwanzig Minuten geht es rauf. Erst 100, dann 200 und so weiter bis 1000. Gerne, denke ich, liege ja eh vorn. Es läuft immer besser. Innerhalb der nächsten Stunde schicke ich einen deutschen Landsmann und einen Spanier vom Tisch. Da-data ... Nur noch zwei kleine Nachtmusiken muss ich überleben. Doch der Altzocker neben mir hat was dagegen und nimmt mir einen Stapel Chips ab. Da-data ...

Es folgt die eingangs geschilderte Szene, bei der mich der Japaner mit iPod und Sonnenbrille um noch mehr Chips erleichtert. Mein Stack schwindet bedenklich. Die letzte Nachtmusik erklingt. Jetzt setzt tatsächlich die japanische Diva. "Nicht gegen Dame und Bube", denke ich mir und halte dagegen: "All In!"... Bangen ... Hoffen ... Aus! Sie schlägt mich mit einem Straight, einer Straße. Ausgerechnet sie! Ich muss erst einmal runterkommen. Da-data ... Noch nie hat mich Mozart so sehr aufgeregt.

Den Tisch gewinnt der Zocker neben mir. Ich gestehe ihm, dass dies mein erstes Pokerturnier war. Er sagt: "Du hättest noch härter raisen müssen!" "Raisen" ist Pokersprache und heißt so viel wie "Einsätze erhöhen". Es stellt sich heraus, dass er Alex Lauzon heißt. Der Mann ist seit zehn Jahren Pokerprofi, spielt bei mittelgroßen Turnieren, schreibt ziemlich erfolgreiche Pokerbücher und Pokerkolumnen: "Gib niemals einen festen Job für das Pokern auf!" rät er mir. Und warum hat er dann selber professionell mit Pokern angefangen? "Damals gab es sonst keine Arbeit für mich." Lauzon sagt: "Wenn ich konservativ spiele, nehme ich bei sechs von zehn Turnieren Geld mit nach Hause." Die gefürchteten Pechphasen kennt er gut. "Das Beste, was man dann machen kann, ist einfach auszusetzen und anderes zu tun - ich habe in der Zeit meine Bücher geschrieben."

Ich bin immer noch vom Aus benommen. Und ich spüre das Verlangen, noch einmal anzutreten. Das eben war nur Pech. Nennt man das Pokerfieber? Bin ich jetzt süchtig? Möglich. Aber völlig egal. Es geht mir wie so vielen. Und es ist der Grund dafür, dass sich Internetanbieter wie PartyPoker, Pokerstars, FulTiltPoker oder eben Everest Poker dumm und dämlich verdienen. Spätestens seit den Übertragungen auf DSF ist Poker auch in Deutschland das ganz große Ding. Everest Poker investiert rund eine Million Euro in dieses Pokercasting. "Live the Dream!" ("Lebe den Traum!") nennen sie es.

Es geht an den zweiten Tisch. Diesmal werde ich alles besser machen. Ich warte kurz ab, dann steige ich voll ein. Und raise und raise. Mir gegenüber sitzt ein Franzose, der aussieht wie ein feister Klon des Schnulzenbarden Helmut Lotti. Wieder ein iPod-Nutzer. Lotti hört nicht auf zu setzen. Da er die letzten Runden nachweislich geblufft hat, gehe ich voll mit. Er treibt mich zum All In - und gewinnt. Ich bin raus. So schnell. Endgültig. Wegen meines dämlichen Übermuts.

Am Tisch herrscht Totenstille. Zutiefst gedemütigt stehe ich auf und gehe. Vorhin gab es zum Abschied noch ein paar Handschläge, jetzt gibt es nur mitleidige Gesichter. Ich bin nicht der Einzige, der schon so früh raus ist. Neben unserem Tisch steht Frank Stumpf. Er hat vor ein paar Monaten auf einem Kreuzfahrtturnier eine viertel Million Dollar gewonnen. Er wirkt gelassen. In der Regel könnten Pokerprofis gut mit Niederlagen umgehen, sagt er. Allerdings habe er schon erlebt, wie einer nach einem besonders unglücklichen Spiel durchgedreht sei. Der Verlierer hätte eine Karte genommen, und sie mit der Kante in ein Auge der Kartengeberin geschlitzt. Die bedauernswerte Frau konnte nur noch blinzeln. Ich kann mich gerade noch beherrschen. Obwohl ich merkwürdigerweise immer bei demselben Kartengeber die schlechten Blätter bekommen habe. Aber hier sind die Kartengeber Teil der Jury und beobachten uns sehr genau. Ich halte mich daher besser zurück und unterdrücke meinen Frust. Der wird noch größer, als ich später beim vermeintlich harmlosen Journalistenturnier wieder ohne einen Pot vom Tisch muss. Vernichtend ist das Urteil der Fachleute. Ein Juror schreibt, ich sei eine "Calling Station". Das heißt: "Geht bei jedem Mist mit. Egal wie schlecht sein Blatt ist." Immerhin schreibt eine Kartengeberin hinter meinen Namen: freundlich. Das gibt einen Punkt extra für meine Etikette. Wenigstens das.

Für das Finale haben sich 20 Spieler qualifiziert. Die Jury interviewt noch einmal jeden einzeln. Diesmal 20 Minuten. Wie er sich das vorstelle, ein Jahr lang fast nur zu pokern. Spätestens hier fliegen Vollzeitberufstätige mit Familie raus. Die Stunden bis zur Verkündung laufen die Kandidaten unruhig durch den Palaisgarten.

Siegerehrung: Die Moderatoren verlesen die Namen. Ich fasse es nicht. Der arrogante Franzose vom ersten Tisch ist dabei, Helmut Lotti auch und die japanische Diva. Sie schaut, als hätte sie das schon vorher gewusst. Im Gegensatz zur einzigen Deutschen, die zu den Gewinnern zählt: Stefanie Bergener, 40. Sie weint vor Glück. Bergener kommt aus Offenbach, sie arbeitet halbtags, hat zwei Kinder und spielt seit zwei Jahren. Meistens nur Onlinepoker, ab 21 Uhr, wenn die Kleinen endlich im Bett sind. Ein Dutzend Pokerbücher hat sie schon verschlungen. Aber am meisten vertraut sie einer Freundin, die "seit 20 Jahren" mit dabei ist. Ihre Freude ist aufrichtig.

Ich freue mich für sie. Na ja. Zumindest ein bisschen. Ich verlasse das Palais. Ab heute spiele ich nur noch PC-Poker. Wäre ja auch völlig blödsinnig, sein Geld mit Pokern verdienen zu wollen.