Kartoffelmaschinen und Sex

Berlin zeigt bisher intimste Polke-Ausstellung

Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste, widmet seinem 2010 verstorbenen Freund Sigmar Polke eine ganz außergewöhnliche Hommage: Eine äußerst intime Ausstellung mit Kartoffelmaschinen, Schlangen und Sex.

Für so manchen wäre eine Künstlerfreundschaft mit Sigmar Polke ein Albtraum gewesen. Man schickt ein Fax nach dem anderen durch den Äther in der Bemühung um ein Treffen – und bekommt einfach keine Antwort. Ganz anders Klaus Staeck, Verleger, Galerist und seit 2006 Präsident der Akademie der Künste. Vierzig Jahre war er, der Plakatkünstler mit Massenproduktion mit dem weltweit begehrten Malerstar aus Köln nicht nur befreundet, sondern ein recht produktives Team. Staeck nahm immer wieder Polkes Grafiken in das Angebot seiner in Heidelberg beheimateten Edition auf. Dort ist Polke auch nach seinem Tod im Jahr 2010 noch bestens vertreten.

Insofern ist die von Staeck in der Akademie der Künste in Windeseile organisierte „Hommage“ an seinen verstorbenen Freund, freilich auch Eigenwerbung. Staeck stöberte in seinem umfangreichen Archiv, fand Kataloge, Plakate, Fotos, Rechnungen und an die 100 Faxe. Sie künden von dieser recht eigenwilligen und einseitigen Korrespondenz. „Lieber Sigmar“ schreibt Staeck, „ich sitze auf Kohlen und warte auf Erlösung“. Einen Tag später „spitzt sich die Lage dramatisch zu“, es „drängt jetzt wirklich“, bettelt Staeck seinen Freund um einen Arbeitstermin. Nur drei Mal antwortet Polke.

Herausgekommen ist also eine rundum private, ja zuweilen intime Ausstellung, die ihren Reiz gerade daraus bezieht, dass sie einen heiter-skurrilen Blick hinter die Kulissen des Zeit seines Lebens scheuen, medienskeptischen Malers wirft. Anders als bei Künstlerkollegen wie Immendorff & Co. bekam man von Polke keine Skandal-Schlagzeilen zu Gesicht.

Sie einte das Band der Ironie

Staeck fotografierte seinen Freund, den Spaßvogel, beim Zeichnen, im Atelier beim Mineralwasserkastenschleppen, bei einer wilden Performance mit der Blockflöte oder fläzend auf dem Dielenboden, der mit Entwürfen ausgelegt ist. Da wäre man gern dabei gewesen, die beiden hatten richtig Spaß! „Er war nie verspielt, aber ein Spieler von hohen Graden“, erzählt Staeck. Die kreisende, weltbewegende und absolut dadaistisch konzipierte „Kartoffelmaschine“ (mit Erdäpfeln aus dem Hotel Adlon aufgemöbelt) macht dem alle Ehre. „Die wollte damals keiner haben“, sagt Staeck. Damals war sie 290 Mark wert, heute ist ihr Wert auf 200 000 Euro gestiegen. Sammlerfreund Staeck hat also Glück.

Der erste Arbeitskontakt begann 1969, der erste „Bettelbrief“ an Polke verschickte er 1967. Die beiden tickten ähnlich, auch wenn es phasenweise vielleicht nur eine Zweckpartnerschaft war. „Uns einten politische Interessen, unsere Kritik am System Bundesrepublik und das wunderbare Band der Ironie“, meint Staeck. „Und wir kamen beide ursprünglich aus dem Osten.“

Höhepunkt der Präsentation ist der erstmals vollständig gezeigte, monumentale 10-teilige Werkzyklus „Wir Kleinbürger“, der in den Jahren 1972 bis 1976 entstand und in eine Hamburger Privatsammlung gehört. Ein geradezu rauschhaftes, psychedelisches, radikal politisches Panorama, das den damaligen Zustand Republik facettenreich aufspießt: Terror, Massendemonstrationen, Konsumwahn, Feminismus, sexuelle Revolution, Hippie-, Spießer- und Kleinbürgertum. Ideologien werden karikierend unter die Lupe genommen – dabei sampelte Polke seine Motive aus Underground-Magazinen, Comics oder dem indizierten Anarchist Cookbook. Kurios: Bei Dunkelheit phosphoreszieren einige Figuren, eine grün leuchtende Schlange kündet Böses. Eine Zeit, in der Polke sein Leben veränderte, seine Familie verließ und auf einen Bauernhof zog, den er als offenes Kunsthaus „führte“. Die Zeit seiner furiosen Schlangenlederhosen ist vorbei, Sigmar Polke ist tot, seine Kunst aber lebt. Nicht nur der Terror lauert in allen Ecken – und manche gesellschaftskritischen Fragen Polkes bleiben höchst aktuell.

AKADEMIE DER KÜNSTE, Pariser Platz 4. Tel.: 200571000. Di-So 11-20 Uhr. Bis 13.3.