Wagner-Oper

Staatsoper trifft mit "Rheingold" voll ins Schwarze

Die Staatsoper ist nun im Schillertheater zu Hause, und hier wird "Das Rheingold" unter Guy Cassiers Regie zum furiosen Kammerspiel: mIt sehr guter Akkustik , modernem Tanz, herausfordernden Sängern und dem Orchester als Star.

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Mut muss man haben, und schon wird er belohnt. Dass das kleinste, frischgebackene Opernhaus Berlins, das zur Staatsoper umfunktionierte Schillertheater, seine Spielzeit ausgerechnet mit dem ausgreifendsten Werk der musikalischen Weltliteratur, dem "Ring des Nibelungen" von Richard Wagner, eröffnet, zeugt von Selbstvertrauen, Unternehmungslust und Kunstvermögen: drei Trümpfe, die seit Ewigkeiten zu stechen vermögen. Auch mit "Rheingold", dem "Vorabend des Bühnenfestspiels", wie Wagner sein Werk benannt hat, traf das frisch eröffnete Haus auf Anhieb voll ins Schwarze.

Die Produktion wurde im Mai schon im großen Haus der Mailänder Scala gezeigt. Jetzt im Schillertheater musste sie sich zusammenducken, zum Kammerspiel sozusagen, aber das gelingt ihr mit Delikatesse. Als Wichtigstes vor allem: Das Haus klingt. Die Akustik lässt die Aufführung nicht im Stich. Genauso wenig wie die kühle, frische Luft, die dem Zuhörer von Zeit zu Zeit schubweise unlieb in den Nacken fährt. Schals mitzubringen, ist anzuraten. Sonst wird man zur Winterzeit vielleicht alsbald in Husten und Gekrächz untergehen. Aber so ist es halt immer: ohne eine Lehrzeit von Monaten kommt kein neu eröffnetes Haus aus. Das Erfreulichste: Das Orchester klingt weich und warm, wie in Bayreuth aus dem Boden heraus. Der Gesang kann sich verlässlich in den instrumentalen Vortrag betten. Manchmal vermisst man allerdings die Klangschneidigkeit einer Attacke, eine stärker mitreißende Kraft der Tutti. Man hört Wagner zeitweilig gewissermaßen wie durch einen Weichzeichner. Das befremdet mitunter das Ohr. Doch Wagner erleidet dabei keinen Schaden.

Oper mit sich immer neu verknotendem Tanz

Dafür sorgt schon der kundige und liebreiche Vortrag durch Daniel Barenboim. Er genießt es geradezu hörbar, Wagner zu dirigieren. Zweieinhalb geschlagene Stunden baut er unermüdlich und unersättlich das "Rheingold" auf und schmückt sich und sein Orchester mit ihm. Die Staatskapelle trägt die Aufführung mit feinem klanglichem Bedacht wie auf Händen. Man könnte sie mit Fug und Recht die Hauptdarstellerin des großartigen Abends nennen. Aber das Orchester hat in dieser Produktion noch einen unerbittlich stummen Konkurrenten zur Seite: die neun Tänzerinnen und Tänzer der Eastman Company, die stumm, doch überaus beredsam, mit ihren erzählstarken, schlanken Körpern in der wahrhaft genialischen Choreographie von Sidi Larbi Cherkaoui immer aufs Neue das Werk durchschlingen. Natürlich fragt man sich von vornherein, was denn im "Rheingold" dieser sich immer neu verknotende Tanz zu suchen habe. Aber es ist ja kein freier Tanz, sondern Teil einer großartigen Inszenierungsidee von Guy Cassiers, die ihn nutzt, die Überleitungsmusiken von Bild zu Bild optisch beredt zu illustrieren. Bald finden die schlanken Körper in der Unterwelt zueinander, um sich in wechselnder Verklammerung für Alberich zu Thronsesseln aus Menschenleibern zu fügen, bald setzt es sehnsüchtig hingezeichnete Soli von rätselhaft animierender Aussagekraft. Der immerwährende Fortgang der dramatischen Erzählung vor den abenteuernden Bühnenbildern von Cassiers und Enrico Bagnoli wird von Charkaouis Compagnie immerfort aufs Anregendste unterstützt.

Hinauf ins Walhall oder ins Fiasko "Stuttgart 21"

Die "Singgemeinschaft" der Staatsoper, so darf man das Solistenensemble des Hauses wohl nennen, zeigt sich von ihrer herausforderndsten Seite. An ihrer Spitze stehen Johannes Martin Kränzle als fanatisch-gieriger Alberich, ein Sänger von höchster dramatischer Intensität, und Stephan Rügamer als Loge, dem unermüdlich geschickten Verhandlungsführer im Kampf des wackligen Götterrechts gegen die durchaus berechtigten Forderungen der beiden Riesen, die Freia, die holde Anna Samuil, in Gewahrsam halten. In düsterer Liebe zu ihr entbrannt ist auf todernste Weise Kwangchul Youn als Fasolt. Diese Liebe erschlägt ihn am Ende, nicht allein Fafners Keule, die Timo Riihonen schwingt.

Hanno Müller-Brachmann singt einen jugendfrischen Wotan, der noch nicht ahnt, wohin die Reise der Götter geht: ins frisch erbaute Walhall hinauf oder ins Fiasko "Stuttgart 21" hinab. Anna Larsson, eine aus dem Boden herauffahrende Säulenheilige des Wissens, erteilt ihm als Erda klangvoll guten Rat. Fricka, an Wotans Seite, ist die dunkelstimmige Ekaterina Gubanova. Die drei Rheintöchter hat offenbar die Wolga spendiert. Aber sie fühlen sich anscheinend, ob in der Staatsoper oder dem Schillertheater, glücklich zuhause. Es gibt schließlich auch eine künstlerische Immigration, auf die keiner verzichten möchte und keiner verzichten kann. Sie wird vom Publikum regelmäßig und lauthals mit Dank bedacht. So auch diesmal. Man verlässt das "Rheingold" in der Vorfreude auf "Die Walküre" – und hofft nur, dass sich der unentbehrliche Barenboim bis dahin anderweitig einigermaßen schont.

Staatsoper im Schillertheater, Bismarckstr. 110, Charlottenburg. 200354555. Nächste Termine: 20., 23., 27., 31.Oktober.

Kurzkritik: 5 Punkte

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