Deutsche Oper

Für "Don Giovanni" lohnt der Opernbesuch wieder

An der Deutschen Oper verwandelt sich "Don Giovanni" in eine Aufführung voller Jugendfrische, eine Inszenierung zum Hinsehen mit zugleich berückendem Klang. Am Schluss der Premiere gab es Tumult und Jubel.

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Der ältere, durchaus kultiviert wirkende Herr, schon am Ausgang des Theaterraums stehend, griff in aller exemplarischer Seelenruhe tief in die Tasche, wie um die Brille aus seiner Jacke herauszufischen. Tatsächlich aber hatte er nach der vorsichtshalber mitgebrachten, schrill lärmenden Trillerpfeife gefischt, und die setzte er kurz entschlossen und lautstark nun an die offensichtlich vor Empörung zuckenden Lippen.

Er pfiff Mozarts “Don Giovanni“ nieder, den Neukömmling im Repertoire der Deutschen Oper, von Roland Schwab, dem Regisseur, durchaus nicht auf die herkömmliche, sondern auf exemplarisch aufrüttelnde und wagelustig neudeutsche Weise in Szene gesetzt. Schwab stand am Ende da, wie ein Feldherr nach gründlich verlorener Schlacht. Dabei hatte er sie in Wahrheit gewonnen.

Es lohnt wieder, in die Oper zu gehen. Dieser „Don Giovanni“ versteht, wenn auch nicht immerfort zu entzücken, so doch auf die an- und aufregendste Art zu fesseln. Die Aufführung gleicht geradezu einer Abenteuerreise durch die Herkömmlichkeit und walzt sie mit einer Fülle von Eingebungen nieder.

Wer sich auf Überraschungen im Theater spitzt, ist in diesem „Don Giovanni“ gut aufgehoben. Selbst Mozart ist, dank des dirigierenden Roberto Abbado, der Sorgfalt des Orchesterspiels und einer Fülle glänzender Sänger verlässlich an Bord. Das ist aber auch dringend nötig.

Die inszenatorische See geht von Anfang an pausenlos hoch. Die Bühne, hoch, tief, gähnend leer, nackt und schwarz zeigt sich von Anfang tief aufgerissen. Während der Ouvertüre treten allmählich an die zwanzig schwarz gekleideten Herren einzeln ins Rampenlicht, jeder einen metallischen Golfschläger in den Händen: die Don Giovanni-Luxusmeute sozusagen, die ihren Herrn und Meister unauflösbar umgibt. Sie wälzt später den klapprig hölzernen Durchgang herbei, dessen Inschrift auf Italienisch verkündet, wer durch dieses Tor einträte, müsse alle Hoffnung von vornherein fahren lassen. Publikum eingeschlossen.

Die leere Bühne als akustisches Handicap

Gleich am Anfang wird der Komthur mit den Golfschlägern der Bande niedergeprügelt und totgeschlagen. Er ist das siebte Opfer der kultischen Morde, zu denen Giovanni sich gedrängt sieht. Das siebte und letzte wird er selbst sein. Die ihn umwabernde Mordlust ist nichts als sein einziger einsamer Weg zum Heil. So zumindest wollen es die philosophischen Überlegungen Schwabs, breit, aber wenig überzeugend, im Programmheft dargelegt. Inszenatorisch gipfeln sie in Überraschungen am laufenden Band. Die Strahlendste: „Don Giovanni“ verwandelt sich in eine Oper voller Jugendfrische, der aggressiven Lebendigkeit, der körperfrohen Athletik. Sie hat sich in eine Oper zum Hinsehen, nicht einzig zum Zuhören verwandelt. Dabei kann sie sich aufs berückendste auch hören lassen.

Ein akustisches Handicap ist allerdings von Anfang die riesige leere Bühne. Sie raubt den Stimmen den Schönklang des Nachhalls. Der Vortrag knallt hell und eisig heraus. Die Stimmen klingen dahin ohne menschlichen Schatten. Daran gilt es, sich zu gewöhnen. Piero Vinciguerra, der wendige Bühnenbildner, hat seine Rechnung ohne Musik gemacht. Er springt ihr nicht hilfreich bei. Das geht zu Lasten der hohen Lagen. Die tiefen sind dagegen fein raus. Vor allem der Bassbariton des Leporello. Ihn singt und spielt der einzigartig schmale, leicht bewegliche Alex Esposito, ein Singkomödiant erster Klasse: ein Unterhaltungsfaktor auf Beinen. Man kann sich an seinen Sing-Capricen, seiner Darstellungslaune weder satt hören noch sehen. Neben ihm hat selbst der sonore Giovanni Ildebrando D’Arcangelo, so eindrucksvoll er zu singen vermag, einen schweren Stand. Man möchte wetten, statt mit dem Singarikstokraten hätte sich die Vielzahl der umworbenen Damen weit lieber mit diesem dahinsprühenden Leporello in die Liebesbüsche geschlagen.

Als prachtvolle Sing-Partnerinnen stünden ihm dabei zur Verfügung: Marina Rebeka als Donna Anna, dahinklagend am Arm Yosep Kangs als Don Ottvio, der sich weniger von Giovanni als von einem einzigen unbremsbaren Buhrufer belästigt fühlen musste. Am glorreichsten von allen Damen sang Ruxandra Donose ihre Partie, die der viel gestraften und missbrauchten Donna Elvira, der wie zum gerechten Ausgleich Mozart die schönsten seiner Arien spendiert hat. Die dritte im Bunde, Zerlina, die traurige Hochzeiterin, sang unverzagt Martina Welschenbach anrührend heraus.

Auf der Bühne derweil Tumult in Fülle. Am buntesten auf der Party in Giovannis Schloss mit dem roten und blauen Kreisen zweier denaturierter Sex-Karussels mit ihren uneinsichtig vagen Versprechungen. Wüst auch auf der Strasse, wenn Giovanni, als Leporello verkleidet, seine Verfolger in die Irre schickt und Masetto annähernd zum Krüppel schlägt und sticht.

Wenn er auch im Schlussbild wie beim letzten Abendmal am weissgedeckten Tisch sich zu den Gefährten gesellt: am Grunde darf die Welt sich glücklich preisen, von diesem Don Giovanni nach dreieinhalb Stunden erlöst zu sein. Davon zeugte der Schlusstumult, aber auch der Schlussjubel.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35 in Charlottenburg. Nächste Aufführungen: 21.,23.,26., 29. Oktober 2010 und 4.11.2010. Kartentel.: (030) 343 84 343