Johannes B. Kerner

Dieter Bohlen als Cortison des Musikbusiness

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Christian Pohl

Während die Jugendschützer gegen "Deutschland sucht den Superstar" ermitteln, inszenierte sich Juror Dieter Bohlen bei Kerner gestern zahm wie selten. Sein Dutzfreund Johannes ließ ihn aber auch billig davonkommen. Nur beim Thema Verona fand der Pop-Titan doch wieder markige Worte.

Auf Johannes B. Kerner ist wirklich Verlass. Kaum tut sich ein aktuelles, medienpolitisch brisantes Thema wie die Vorwürfe der Kommission für Jugendmedienschutz gegen „Deutschland sucht den Superstar“ auf, schaltet die höchste Moralinstanz des ZDF sich ein, um knallhart nachzuhaken. Und widmet dem in der Kritik stehenden Dieter Bohlen eine komplette Sendung, um dem mal richtig auf den Zahn zu fühlen. Man sollte ihm sofort den Grimme-Preis für kritischen Journalismus verleihen.

So sah sich Bohlen nämlich gestern von Beginn an einem Trommelfeuer an heiklen Fragen des gnadenlosen Moderators ausgesetzt: „Wie sieht so ein typischer Urlaubstag für dich aus? Musst du eigentlich auch Wodka trinken mit den Russen auf Mallorca? Wäre es für dich auch vorstellbar, Campingurlaub zu machen?“

Es ist unter Journalisten zwar durchaus üblich, bei einem Interview nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen und zunächst einmal für ein aufgelockertes Gesprächsklima zu sorgen. Was Kerner aber da gestern ablieferte, war keine Talkshow, sondern eine reine Farce. Denn spätestens als die beiden nach einer halben Stunde Sendezeit immer noch wie zwei vor Wiedersehensfreude trunkene Schulkameraden in Urlaubserinnerungen schwelgten und im Hintergrund wie bei einem Dia-Abend Bilder von Dieter samt Freundin Carina vor Palmen und azurblauem Meer eingeblendet wurden, fühlte man sich als Zuschauer nur noch "verarscht", um im Sprachduktus des Pop-Titanen zu bleiben.


Völlig kritik- und distanzlos bot Kerner seinem Gast ein Forum zur Selbstdarstellung. Der genoss seinen Auftritt bei Dutzfreund Johannes auch sichtlich und nutzte weidlich die Gelegenheit, sein angeschlagenes Ansehen aufzupolieren.

So durfte man ihn als braven Gläubigen, der „auf den Malediven jede Nacht gebetet“ hat, als besorgten Mitbürger, der Schlägerattacken auf Rentner verurteilt und den die Ausbildungsmisere wütend macht, und als treusorgenden Familienvater erleben. „Meine größte Aufgabe ist es, meinen Kindern ein Wertesystem zu vermitteln.“

Alles schön und gut, natürlich ist Bohlen mehr als die Rolle, die er als brutaler Juror bei DSDS spielt, und auch nicht der für den Sittenverfall im deutschen Fernsehen verantwortliche Dämon, zu dem ihn mancher derzeit gern stempeln würde. Aber zumindest diese letzte Aussage hätte Kerner als Steilvorlage dienen müssen, um ihn endlich zu fragen, wie er so ein Selbstbild denn mit seinem Treiben bei der Casting-Show in Einklang bringen kann.

Stattdessen lenkte er das Gespräch auf den mit seiner selbst gegründeten Firma in Finanznöte geratenen Franjo Pooth. Und Bohlen schoss - wieder ganz der Alte - gegen den zweiten Gatten seiner verhassten Ex-Frau. „Ich hätte ihm gesagt: Ey Alter, lass das. Der Markt ist viel zu schwierig für einen kleinen Jungen, der keine Ahnung hat.“ Verona bemitleidete er nur spöttisch: „Wenn sie mal eine Suppe braucht im Winter: Ich bin immer da!“

Erst als es gar nicht mehr anders ging und Bohlen schon selbst mehrmals auf das Geschehen bei DSDS angespielt hatte, fasste sich Kerner in der letzten halben Stunde ein Herz, zog aber schnell noch eben die Samthandschuhe über. Ob er denn nicht manchmal das Gefühl habe, den talentfreien Kandidaten mit seinen harten Worten seelische Wunden zuzufügen, wollte der sanfte Moderator vorsichtig wissen.

Doch Bohlen konnte ihn schnell beruhigen. Viele der aufgeplusterten Möchtegern-Sänger litten unter chronischer Selbstüberschätzung und bräuchten einfach mal einen Dämpfer: „Ich bin das Cortison des Musikbusiness. Ich nehme denen sofort die Schwellung, befrei' sie vom Übel, dann sind sie wieder gesund.“

Dass bei einem der letzten Castings ein Minderjähriger gar nicht so aussah, als er zitternd auf dem Boden lag und erst von zwei Männern gestützt die Bühne verlassen konnte, musste nun aber wohl oder übel doch noch irgendwie aufs Tapet gebracht werden. Doch bei dieser unangenehmen Aufgabe hielt sich Kerner vornehm zurück und hatte alibimäßig als bösen Bullen Rainer Erlinger engagiert.

Im Publikum sitzend, durfte der Autor einer Kolumne über Gewissensfragen im Alltag dann auch kurz drei Sätze dazu sagen. Erlinger mahnte, dass es für RTL ein Leichtes sei, derartige Szenen aus den Aufzeichnungen rauszuschneiden, damit sich der Junge nicht ewiger Häme wegen der Jahrzehnte langen Präsenz der Bilder seines zugegebenermaßen peinlichen Auftritts im Internet ausgesetzt finde. Das Video von dem Zusammenbruch gab es prompt - natürlich nur der Aufklärung halber - auch noch zu sehen. Allerdings war das Gesicht des Kandidaten unkenntlich gemacht, denn beim seriösen ZDF ist man ja beileibe nicht voyeuristisch.

Bohlen befleißigte sich derweil weiter unwidersprochen des Zerstreuens von Bedenken. Raymond sei ein Simulant gewesen, habe auf diese Art ein Weiterkommen in die nächste Runde erzwingen wollen. „Aber ich lass mich nicht erpressen.“ Außerdem würden die Abgelehnten nach ihrem Ausscheiden betreut, dem 17-Jährigen habe RTL sogar die Nummer eines Psychiaters besorgt.

Ob allein die Tatsache, dass man für eine Unterhaltungssendung derartige Maßnahmen ergreifen muss, nicht vielleicht bedenklich ist, fragte Kerner natürlich nicht. Vielleicht hätte das das Reflexionsniveau seines Gastes allerdings auch überstiegen, der sich in dem ganzen Spiel keinerlei Schuld bewusst zeigte.

„Ich bin der Zahnarzt von DSDS. Ich bin in aller Munde, da kriegt man auch mal Mundgeruch ab.“ Nachdem damit alles glücklich ausgestanden war, konnten Moderator und Gast befreit über einen Rollentausch in der nächsten gemeinsamen Sendung witzeln. Was für eine Erleichterung für die Zuschauer: Man muss sich keine Sorgen machen, dass zwischen den Kumpeln Johannes und Dieter beim gemütlichen Bierchen nach der Sendung dicke Luft herrschen würde. Vielleicht haben die beiden ja dann noch einen gemeinsamen Urlaub geplant.