Deutsches Theater

Ein toter Mann mit sprechendem Hund

Uraufführung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters: „Bakunin auf dem Rücksitz" von Dirk Lauckes - das Stück mit den bislang schrägsten Figuren der Theatersaison.

Die bislang schrägsten Hauptfiguren der frisch angebrochenen Berliner Theatersaison sehen so aus: Der eine, namens Jörg, ist tot. Der andere, namens Bakunin ist: ein Hund. Der erste kann logischerweise nichts mehr sagen, der zweite, unlogischer- aber sinnvollerweise, sehr wohl. Zum Beispiel: „Den Namen hab ich mir nicht ausgesucht“. Ist natürlich dennoch kein Zufall, dass der Köter nicht Hasso heißt, sondern ausgerechnet nach dem maßgeblichen Ideengeber des kollektivistischen Anarchismus benannt ist, Autor Dirk Laucke findet nämlich: „Der Name eines Hundes sagt mehr über seinen Besitzer als über den Hund aus.“

Ebenfalls kein Zufall ist, dass auch bei der Uraufführung von Dirk Lauckes neuestem Stück „Bakunin auf dem Rücksitz“, das als Auftragsarbeit für das Deutsche Theater entstand, wieder Sabine Auf der Heyde Regie führt. Im Frühjahr zeigten die beiden bereits mit „Für alle reicht es nicht“ in der DT-Box, dass ihre leichte, poetische Regiehand ganz hervorragend zu seinen lässig-lakonischen Texten passt. In der aktuellen Koproduktion setzt sich das genau so fort. Herausgekommen ist ein luftig-lustiges Sozialdrama mit knackigen, verdichteten Dialogen, die sich anhören, als seien sie in irgendeinem Kreuzberg-Friedrichshainer Café direkt vom Nachbartisch abgelauscht. Nicht weniger als ein relativ präzises Abbild ist Laucke mit seinem Text gelungen. Aber hätte er die Figuren noch eine Spur über die Realität hinaus entwickelt, ihnen eine entschiedenere Haltung gegönnt, hätte es nicht nur ein unterhaltsamer, sondern sogar ein politisch relevanter Abend werden können.

Lauckes Revier ist der reale soziale Mikrokosmos, dem in diesem Fall durch Jörgs Tod Sand ins Getriebe gerät. Infolge einer Räumungsklage hat Jörg, arbeitslos, alkoholkrank und Johnny-Cash-Fan, den Gashahn aufgedreht und sich umgebracht. Überlebt hat nur Bakunin, der beim schnieken Wohnungseigentümer und Immobilienhai Steven (Moritz Grove) auf dem Autorücksitz landet. Weiter treten auf: Charlotte (Isabel Schosnig), Senatsabgeordnete, die nicht nur Stevens Geliebte ist, sondern auch gerade ein schickes Öko-Car-Loft erworben hat, was ihr im Viertel den Ruf als „Gentrifizierungsschwein“ einträgt und ihren Sohn, den Nachwuchs-Anarcho Jan (Hauke Diekamp) , in die moralische Bredouille bringt, die sich im Anzünden von Stevens Auto entlädt. Und dann sind da noch Moni (Simone von Zglinicki), gute Seele der Trinkerbude „Fette Ecke“ und die outgesourcte Pflegerin Eddi (glänzend berlinisch aufgelegt: Anita Vulesica), die sich früher mal um Jörg kümmerte. Kunterbunte Kiez-Personnage also, die Sabine Auf der Heyde in den Kammerspielen des Deutschen Theaters auf einem nackten Podest den Sozial-Tango tanzen lässt. Im Hintergrund zeichnet eine unsichtbare Hand zeitgleich wechselnde Comic-Kulissen dazu.

Und mittendrin lümmelt herrlich süffisant Bakunin. Matthias Neukirch macht in braunen Nadelstreifen zu rotem Hemd aus der Töle einen wahrhaft coolen Köter. Die Zigarre lässig im Mundwinkel, ist er mit Exkursen, die immer wieder den erzählenden Realismus durchbrechen, der Strippenzieher des Abends, der Stichwortgeber, Kommentator und irgendwie auch Lehrmeister dieser ganzen zwischen Klassenkampf und Ökokapitalismus eingezwängten Großstädter. Dazu gehört zur Not auch eine Bastelanleitung zur Herstellung von Wurfgeschossen aus seinem „Handbuch für Großstadtkommunarden“. Schon sein prominenter Namensvetter hatte ja die „Propaganda der Tat“ gefordert, wäre dabei aber vermutlich nie auf dem Rücksitz einer Immobilienmakler-Karosse gelandet.

DT-Kammerspiele, Schumannstr. 13a, Mitte, Telefon 28441225. Weitere Auffüphrungen: 13., 15., 22. Oktober und 6., 10., 19. November, jeweils um 20 Uhr