Wirtschaftsbelletristik

Spielerischer Umgang mit dem Mittelmaß

Einblick in die Business Class: Martin Suter gilt als die Ausnahmeerscheinung der deutschsprachigen Wirtschaftsbelletristik

Menschen "aufgeräumter Stimmung" trifft man in der Regel dort an, wo gesetztere Herren zugange sind. In der Kanzlervilla etwa, in der Vorweihnachtszeit, wenn der Regierungschef seine Koalitionäre zum ungezwungenen Politplausch lädt. Die klebrig-überhebliche Gemütsruhe ist aber offenbar auch in der Welt des Managements recht weit verbreitet - es sei denn, die innere Ruhe der mittleren und oberen Managementkader droht sich gerade wieder an den Widrigkeiten des realen Lebens aufzureiben. Zum Beispiel dann, wenn ein niederer Kader sich im karrierefördernden Buckeln übt. Oder einem Untergebenen nicht zuhören will. Manchmal ist es aber auch nur der nachlässig frisierte Scheitel, der die Wirtschaftskapitäne und Wirtschaftsmatrosen aus der Fassung bringt. Ihre Profilierungssucht und das Streben nach höheren Büroetagen macht sie mitunter zu wahren Monstern.

Jeden Donnerstag hat Martin Suter den Lesern der Zürcher "Weltwoche" in den vergangenen Jahren auf 95 Zeilen einen luziden Einblick ins Milieu des Schweizer Managements gegeben. Dass es dort mitunter ziemlich ärmlich zugeht, ist auch in dem Buch "Business Class" nachzulesen, einer Sammlung der 75 besten Kolumnen Suters, die nun auch als Hörbuch herausgekommen ist. Suter bildet damit eine absolute Ausnahmeerscheinung, denn ansonsten sucht man im deutschsprachigen Raum das Sujet "Der Manager in der Literatur" vergeblich.

Die geächteten mittleren Kader erkennt etwa Kurt Voegli, einer der Protagonisten Suters, sehr genau daran, dass sich ihre aufgeräumte Stimmung sofort dann verflüchtigt, wenn sie den Frühstücksraum eines Hotels betreten und kein passender Tisch mehr zur Verfügung steht. Das sind dann aus der Sicht Voeglis - selbst Prokurist in einem mittelgroßen Betrieb - "die Männer, die die Wirtschaft am Laufen halten, indem sie Mittelklassewagen fahren, in Mittelklassehotels absteigen, mit anderen mittleren Kadern Vertragsentwürfe vorbereiten und dafür ein mittleres Einkommen beziehen. Sie arbeiten in mittleren Betrieben, tragen mittelgraue Anzüge der mittleren Preisklasse, machen Mittag in mittelmäßigen Restaurants und werden nach Mitternacht Bardamen gegenüber mitteilsam". Mittlere Kader eben.

Aber auch die höher angesiedelten Manager kommen nicht besser weg in Suters Soziogramm der Chefetagen. Zum Beispiel Hunold, Executive Vice President und Familienvater. "Hunold kann auch abschalten und für die Familie da sein. In der Regel Ende Juli." Dann lässt Hunold die Firma Firma sein und geht in die Sommerferien, ganze zehn Tage lang. Den ersten Abend widmet Hunold seiner Frau. "Dann kann sie einmal all das erzählen, wofür ihm sonst seine Managementaufgaben keine Zeit lassen. Das ist der Moment, wo er zuhört, wo er alles wissen will über die kleinen Sorgen und die Sensatiönchen des Alltags einer Mutter zweier Kinder." Und wenn es nicht zu spät wird am Abend, dann intensiviert Hunold "die Beziehung auch noch über das rein Geistige hinaus".

Beißende Ironie trägt jede Episode Suters bis zur lakonischen, oft überraschenden Pointe. Dennoch: Geradezu nachsichtig geht der einstige Werber Suter - heute Kolumnist, Schriftsteller und Drehbuchautor - mit seinen Protagonisten um. Zwar spielt er seine intimen Kenntnisse aus dem Milieu der Mächtigen in "Business Class" erfrischend satirisch bis zur Perfektion aus. Dabei bedient Suter Klischees, spitzt sie zu, überdreht. Aber er lässt nie einen Zweifel aufkommen: Den Charakteren, die er entwirft, ist jeder schon einmal begegnet, oder jeder hätte ihnen wenigstens schon über den Weg laufen können. Insoweit erweckt Martin Suter bei seinen Lesern, die er genüsslich an allen kleinen und großen Unzulänglichkeiten von "denen da oben" teilhaben lässt, auch nicht den Eindruck, hier betreibe jemand eine Generalabrechnung - dazu sind die Geschichten einfach zu spielerisch erzählt.

Martin Suter: Business Class. Geschichten aus der Welt des Managements. Diogenes Verlag, Zürich. 232 S., 33,90 Mark. Als Hörbuch (CD): Audio Verlag, Potsdam, 2001, 32,95 Mark.