Roman

Martin Suters letzter einsamer Großbürger

Seine Geschichte erinnert an Will Smith, der in "I am a legend" allein durch New York streift: Nur ist Adrian Weynfeldt in Martin Suters "Der letzte Weynfeldt" der letzte Überlebende einer reichen Familie. Suter spannt um ihn ein intrigantes, höchst elegantes, cooles Netz um Kunstmarkt, Kunst und Lebenskunst.

Foto: pa/dpa

Im Kino ist gerade ein ziemlich armer Kerl zu besichtigen. Wenn er aufwacht, morgens in Manhattan, weiß er, dass er allein ist. Eine gewaltige Katastrophe hat sich ereignet. Hirsche und Löwen laufen durch die Häuserschluchten, Gras wächst auf den Avenuen. Und Will Smith, ausgerechnet Will Smith ist der letzte unserer Art.

Ein paar bis an die Zähne bewaffnete Zombies gibt es noch. Alle andern Menschen sind tot. Ein trauriger Film eigentlich. Die Geschichte von Adrian Weynfeldt, die Martin Suter in seinem neuen Roman erzählt, könnte auch so eine traurige Geschichte sein. Ist sie aber nicht. Wenn Weynfeldt morgens aufwacht in seiner Wohnung, die noch deutlich größer ist, als die von Berliner Chefkarrieristen (so um die 500 Quadratmeter), aufwacht in seinen Pyjamas, von denen er 14 hat (mit Monogramm, für gerade, für ungerade und für Sonntage jeweils anders farbige), wenn er aufwacht inmitten seiner erlesenen Sammlung von Schweizer Kunst (19. und erstes Viertel 20. Jahrhundert) und Schweizer Möbeln (selbe Periode) – dann ahnt auch Adrian Weynfeldt, dass er allein ist.

Der letzte Züricher Großbürger

Adrian Weynfeldt ist nämlich nicht nur der letzte seiner Familie (extrem altes, extrem viel Schweizer Geld), sondern auch der letzte einer ganzen Art, einer ganzen Kultur. Eine Katastrophe hat sich draußen ereignet (sogar in Zürich), man kann sie Moderne nennen. Jugendliche werfen Cola-Dosen nach Taxis.

Ein paar Zombies der Bürgerlichkeit gibt es noch, die versuchen, sich von Weynfeldts Geld zu ernähren. Geld, das er denen, die er seine Freunde nennt (oder die ihn ihren Freund nennen), gern gibt, vor allem, weil er nicht als überheblich und knauserig gelten will. Eine ganze Schar dieser erfolgloser Kulturzombies füttert Weynfeldt durch, der bei einem Auktionshaus als Experte für Schweizer Kunst arbeitet, obwohl er es eigentlich gar nicht müsste.

Weynfeldt ist ein in der Zeit verrutschter Großbürger, der darauf besteht, sich zum Nachtessen daheim noch einmal umzuziehen und im Stresemann zu Beerdigungen zu gehen. Wie in einem vergoldeten Gefängnis lebt er in dieser seiner und unsrer Zeit. Und unbewusst hat er genau jenen Lebensmechanismus sehr verfeinert, den Gefängnisinsassen (und Will Smith in „I am a Legend“) zur Abwehr von drohendem Wahnsinn entwickeln: Gegen den Verlust der Kontrolle über sich selbst hilft hinter Gittern nur eiserne Konsequenz im täglichen Einhalten von Ritualen. Adrian Weynfeldt hat auch aus dieser Konsequenz eine Philosophie gemacht: Regelmäßigkeit, ständige Wiederholung, sagt er, bringt die Zeit zum Stillstand. Adrian Weynfeldt hat sich, seine alte Welt, sein stilles Leben sehr gut unter Kontrolle.

Zwei Frauen und ganz viel Verwirrung

Und genau deswegen ist er ein leichtes Opfer. Für Martin Suter. Der liebt solche Typen. Und er liebt es sie und ihr Leben durcheinander zu bringen. Ihr Leben – da müssen wir jetzt einen Vergleich bemühen, der so derart abgenutzt ist, dass er jeden Schweizer Schriftsteller zu Recht auf die Palme bringt, leider passt er auf die Romane des Martin Suter so perfekt – ihr Leben tickt ab wie ein Schweizer Uhrwerk.

Martin Suter führt es vor, dieses Leben, und seine Mechanik. Dann schraubt er das Werk auf, entnimmt die Unruhe und setzt statt einer gleich zwei wieder ein. Anschließend schaut er – wahrscheinlich als eine Art Abwehrzauber gegen einen möglichen eigenen Kontrollverlust – zu, was passiert. Suter verkomplizierte die Mechanik des kontrollierten Lebens seiner Figuren bisher schon durch Amnesie, durch Drogenmissbrauch, Alzheimer. Der Auslöser für Adrian Weynfeldts Verwirrung ist verhältnismäßig alltäglich.

Während draußen vor Tür ein falscher, weil verfrühter Frühling herrscht, fallen Weynfeldt, der sich ewig vorwirft, Daphne, der Liebe seines bisherigen Lebens nicht aufgehalten zu haben, als sie gehen wollte, gleich zwei Damen in den Schoß. Die eine ist sehr real, heißt Lorena und droht gleich am Anfang von Weynfeldts Balkon zu springen. Sie scheint Daphne aufs Haar zu gleichen. Weynfeldt verfällt ihr, sie macht ihn für sich verantwortlich.

Ein libidonöses Verhältnis zu einem Akt


Die andere sitzt nackend vor einem Salamander genannten Ofen und ist mindestens zwei Millionen Franken wert. Sie stammt von Félix Valloton. Und gehört einem von Adrians Zombies. Adrian, der gelernt hat die Welt durch Bilder zu sehen, soll die „Femme nue devant une salamandre“ von 1900 verkaufen.

Für einen Freund, der ein eher libidonöses Verhältnis zu dem ausgesprochen reizvollen Akt hat. Zwischen diesen beiden – soweit sei es verraten – nicht ganz echten Frauen spinnt und spannt Martin Suter über Adrian Weynfeldt ein höchst intrigantes, höchst elegantes, cooles Netz um Kunstmarkt, Kunst und Lebenskunst, Authentizität und Fälschung und so seltsam altmodischen Haltungen wie Korrektheit und Verantwortung.

Vermeintlich offen arbeitet Suter dabei, begleitet nahezu ein halbes Dutzend Figuren, allen voran selbstverständlich Adrian, hinein in seinen Erzählknoten. Ganz offensichtlich schlingt sich dieser Intrigenknoten um den sehr ausnahmefähigen und ausgabefreudigen Weynfeldt (gleich zu Anfang kauft er Lorena für 12000 Franken Kleider). Am Ende jedoch ist alles so, wie Weynfeldt schließlich sein ganzes Leben scheint – um einiges überraschender und uneindeutiger.

Ein ganz besonderer Coming-of-Age-Roman ist „Der letzte Weynfeldt“. In derlei Romanen ist Suter Experte. Denn mit verspäteter Pubertät hat seine lebensmechanische Feinarbeit nicht nur am letzten Weynfeldt einiges zu tun. Sie dient einem ausgesprochen guten Zweck. Die zusätzlich eingebaute Unruhe bringt Suters Protagonisten nämlich in Bewegung, holt sie aus ihren Festungen, lässt sie ihre ehernen Regeln auf den Prüfstand stellen, ihre wahre Identität finden.

Wie die im Fall von Adrian Weynfeldt aussieht, mit dem man einige Stunden verbracht hat, die so ähnlich angenehm waren wie der Genuss von Louis Roederer Cristal, seinem Lieblingschampagner, das sei hier nicht verraten. Tot jedenfalls wie Will Smith ist er am Ende nicht.

Martin Suter: Der letzte Weynfeldt. Diogenes, Zürich. 272 S., 19,90 Euro.