Neu auf CD

Liza Minnelli singt Klassiker zum Klavier

Cee-Lo Green singt Soul mit Sternchen. Shugo Tokumaro spielt mit sich. Und Kein Hass Da deutscht die legendären Bad Brains ein.

Liza Minnelli : Confessions (Decca) – Jeder ernst zu nehmende Musiker hält seine jüngste Platte für die schönste. Selbst Liza Minnelli gibt zu Protokoll, das aktuelle Album sei auch ihr persönlichstes. Sie hat sich ans Klavier gestellt, wo Billy Stritch, ihr Hofkapellmeister, schon saß, und Klassiker gesungen wie „Confessions“ von Howard Dietz und Arthur Schwartz und „He’s A Tramp“ von Johnny Burke und Peggy Lee aus dem Trickfilm „Susi und Strolch“ von 1955. Nichts und niemand störte sie und ihren Pianisten. Keine Geigen, keine Gäste. „Es gab schon lange diese Abende in meinem Haus, für gewöhnlich am Wochenende, an denen Leute wie Tony Bennett oder Janet Jackson vorbeikamen und wir einfach am Klavier gesessen und gesungen haben“, erzählt Liza Minnelli.

Sie hatte es nie leicht. Von ihrer Mutter Judy Garland nach „Liza (All the Clouds’ll Roll Away)“ benannt, von Ira und George Gershwin, war sie geradezu verdammt zum großen Auftritt und zur übertriebenen Geste. Manchmal klingt ihr Tremolo noch bei der Hausmusik wie eine Lehrvorführung. Aber schon die Wahl der Stücke wirkt bescheiden. Es sind eher vernachlässigte Songs von Jerome Kern und Irving Berlin - nicht die, mit denen sich die Sängerinnen ihrer Liga in der Regel aneinander messen. Dafür nimmt sie heute jeden Song persönlich. Nur für sich, nichts Großes. (vier von fünf Punkten)

Cee-Lo Green : The Lady Killer (Elektra) – Was in diesen Tagen auch zu sehen war: Rihanna schmückt ihr Dekolleté gelegentlich mit einer „Fuck You“-Kette. „Bild“ bewertete den Auftritt mit drei Sternen und schrieb: „F*** You“. Cee-Loo Green singt: „F**k You“. Damit sind die rücksichtsvoll verschämten Platzhalter zum Ornament geworden, zumal auf dem dritten Soloalbum Cee-Lo Greens das vorgeschriebene Etikett vor expliziter Lyrik warnt. Die umfangreichere Hälfte des bizarren Popduos Gnarls Barkley meldet sich mit „F**k You“ eindrucksvoll zurück. Statt Damengarderobe trägt der frühere Rapper diesmal einen weißen Abendanzug, wuchtige Ringe und eine verspiegelte Pilotenbrille.

Cee-Lo geht als Soulsänger. Er singt auch so, und die Musik wird von leibhaftigen Musikern gespielt und nicht am Heimcomputer wie bei seinem ehemaligen Partner Danger Mouse. Seltsamerweise klingt der analoge R&B entschieden heutiger als Software-Soul mit digitaler Patina. Die Künstler, denen Cee-Lo Green schon seine Stimme überließ, P.Diddy, Seeed oder Santana, wussten, warum sie sich mit ihm schmückten. Solomon Burke, der Soulkönig ist tot. Der König lebt, er nennt sich Cee-Lo und kommt aus Atlanta. „Mein Name tut nichts zur Sache“, spricht er zur Eröffnung seines dritten Soloalbums, das sich „F**k You“, seinen besten Song, als Bonustitel gönnt. Er spricht wie ein Geheimagent. Wer zählt die Sternchen, nennt den Namen? (vier von fünf Punkten)

Shugo Tokumaru : Port Entropy (Souterrain Transmissions) – Das kommt dabei heraus, wenn man in Tokio 1980 auf die Welt kommt, Mozart am Klavier spielt, bei den Eltern die Kassetten von den Beatles findet und japanische Musik im Radio hört: Danach brachte sich Shugo Tokumaru eigenhändig das Gitarrespielen bei. Als Gymnasiast gründete er die erste Band, mit der er auch schon an die Grenzen stieß, die Rock und Punk, gegen die Zumutungen der behaglichen Musik errichtet haben.

Tokumaru schloss sich in sein Zimmer ein, mit allen Instrumenten, die er sich beschaffen und die er bedienen konnte. Vor sechs Jahren debütierte er mit „Night Piece“, und zwei Alben später scheint er da zu sein, wo er vermutlich immer hin wollte. „Port Entropy“ klingt wie die Quintessenz aus Mozart und den Beatles, wie sie nur Japaner ziehen können, die während der Neunziger erwachsen wurden, als die Popmusik begann, in sich zu kreisen. Shugo Tokumaru bläst verschiedene Flöten, spielt Akkordeon und singt dazu von Bahnhöfen und Rolltreppen, die selbstverständlich nur Allegorien sind. Ein Album, das verstanden hat, was Entropie bedeutet: eine höhere Ordnung. (fünf von fünf Punkten)

Kein Hass Da : Hirntrafo (Collusion) – Der deutsche Elvis hieß Peter Kraus, die deutschen Beatles waren die Rattles, und Bushido wäre gern der deutsche Eminem. Die hiesige Popgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg lebt von Übersetzungen. Die deutschen Bad Brains sind vier Musiker aus Hamburg mit dem ungelenken Bandnamen Kein Hass Da. Sie versuchen sich an hanseatischen Versionen der Bad Brains aus Washington, die in den frühen Achtzigern den Hardcore-Reggae aus der Taufe hoben. Wie bei jeder Übersetzung sind auch hier Verluste zu beklagen. „Attitude“ heißt „Billigflug“ und „Bail Out“ „Rettungspaket“. Kein Hass Da mangelt es am heiligen Ernst der Vorbilder.

Dafür gewinnt der Rasta-Aktivisten-Punk der Amerikaner ausgerechnet in der deutschen Fassung an Humor und Irrsinn. Zur Erklärung seiner meist hysterisch vorgetragenen Gesänge hat der Bandgründer Karl Nagel einen Comic-Band herausgegeben, um die Songs zu illustrieren. Darin tritt ein deutscher Alice Cooper auf, Abraham Lincoln neben Mario Barth und Nosferatu neben Micky Maus. Vor allem aber geht es um den „Hirntrafo“, der dafür sorgt, dass deutsche Musiker sich immer wieder als Vertreter ihrer internationalen Säulenheiligen verstehen. Immerhin haben Kein Hass Da den Bassisten der Bad Brains mit ihren Interpretationen überzeugt. „Wie Regen im Meer“ hat Darryl Jenifer bereits in eine Dub-Version verwandelt. (drei von fünf Punkten)