Thriller-Autor

Zwei neue Biografien entzaubern Stieg Larsson

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Lars-Broder Keil

Ein Mitstreiter und ein Lektor Stieg Larssons finden das Erfolgsgeheimnis des Bestsellerautors - im Faktenfetischismus.

Tote können sich nicht wehren, heißt es treffend. Nicht gegen übertriebene Verehrungen, nicht gegen geschmacklose Angriffe. Wer tot ist, muss alles mit sich geschehen lassen, es sei denn, er hat Vertraute oder Aufzeichnungen hinterlassen, die sein Erbe wahren und vor Fehldeutungen schützen. Nehmen wir Stieg Larsson. Am 9. November 2004 starb der Schwede mit 50 Jahren an einem Herzinfarkt.

Erst danach kamen seine Krimis "Verblendung", "Verdammnis", "Vergebung" heraus, von denen bislang rund 26 Millionen Exemplare in mehr als vierzig Ländern verkauft wurden. Kaum mehr als fünf Jahre nach seinem Tod erschienen die ersten Biografien: Die des kurdischstämmigen Journalisten und Larsson-Mitstreiters Kurdo Baksi und die von Jan-Erik Pettersson, dem Lektor Larssons.

Larsson war parteiisch

Baksi beschreibt Larsson als oft wütenden, leicht chaotischen Idealisten. Er schwärmt von dessen unerschrockenem Kampf gegen Rechtsradikalismus, Rassismus, Gewalt und ist beeindruckt von Stiegs Arbeitspensum. Kritisch sieht Baksi die journalistischen Arbeiten, die er als "parteiisch" beurteilt. Zu den Krimis weiß er nicht viel zu sagen - bis auf die Tatsache, dass er in "Vergebung" selbst vorkommt. Überhaupt hält er sich mit der Erzählung seiner eigenen Rolle in Larssons Leben nicht gerade zurück. Baksi sieht sein Buch als Mittel gegen die Gefahr, "dass Stiegs Kampf um die Menschenrechte nach seinem großen Erfolg als Autor nicht mehr die verdiente Aufmerksamkeit erhält".

Auch Jan-Erik Pettersson legt sein Buch als politische Biografie über die öffentliche Person Larsson an. Er beschreibt ihn als Menschen mit festen Überzeugungen. Pettersson ist nach Nordschweden gereist, wo Stieg Larsson von seinen politisch links engagierten Eltern und Großeltern geprägt wurde. Er erfährt von Larssons Leidenschaft für Science-Fiction-Romane und Krimis (seine Lieblingsautorin war Elizabeth George), seinen frühen Schreibversuchen (mit zwölf) und dem zeitigen Verlassen des Elternhauses (mit 17).

Pettersson reist Larssons Spuren hinterher in Krisengebiete, er zeichnet Larssons Karriere nach vom Grafiker einer Nachrichtenagentur zum Mitbegründer des antirassistischen Magazins "Expo", das Larsson zu einem gefragten Fachmann für rechtsradikale Gruppen in Europa machte - und zu deren Zielscheibe. Er tauchte auf Todeslisten auf, was seinen Eifer noch beflügelte. Daneben schrieb er fast im Stillen seine Romane, zur Entspannung, wie er selbst sagte. Pettersson verschweigt nicht Larssons Schwächen, der zwar auf Kooperation setzte, sich aber wenig sagen ließ, der anderen seinen Arbeitsrhythmus aufzwang und als Workoholic Raubbau an seinem Körper trieb. Voller Lob ist er aber für die Krimis.

Entgegen seiner sonstigen Zurückhaltung war Larsson überzeugt, dass seine Romane Erfolg haben würden, obwohl sie sprachlich nicht brillant sind und Strukturmängel aufweisen. Erleben durfte Stieg nicht, dass sich seine Prophezeiung erfüllte. Was das Geheimnis dieses Erfolgs ist, wie der Sog seiner Romane zustande kommt, weiß auch Petterson nicht. Für Pettersson hat das mit der Mischung aus wilden Fantasien und extremem Faktenfetischismus zu tun. Auch mit Lisbeth Salander, der Hauptfigur, die weibliche Leser anspreche und die er in Anlehnung an Pippi Langstrumpf "Cyperpunkpippi" nennt. Überzeugend ist das nicht.

Was sagt die Co-Autorin?

Man kann Kurdo Baksis Entzauberung von Larsson sehen, wie man will. Weil er lange eng mit ihm zusammen gearbeitet hat, verströmt seine Schilderung mehr Empathie als Petterssons Annäherung. Stellenweise liest sich sein Buch wie eine historische Abhandlung über die schwedische Nazi-Szene. Gleichwohl zeigt Pettersson deutlich die Wechselwirkung zwischen Larssons Leben und Werk und woher die Vorbilder für seine Charaktere und Milieus stammen.

Nun darf man auf das Buch von Larssons Lebensgefährtin Eva Gabrielsson gespannt sein. Die Architektin will es "Mein Jahr nach Stieg" nennen. Wir werden erfahren, dass Larsson seine Krimis nicht alleine geschrieben hat. "Wenn ich in den Büchern lese, kann ich nur schwer unterscheiden, was ausschließlich von Stieg war und was nur von mir."

Kurdo Baksi: Mein Freund Stieg Larsson. A. d. Schwed. v. Susanne Dahmann. Heyne, München. 224 S., 18,95 Euro.Jan-Eric Pettersson: Stieg Larsson. Aufbau, Berlin. 300 S., 19,95 Euro.