Silvesterkonzerte

Philharmoniker gegen Staatskapelle 1:1

Berliner Philharmoniker und Sächsische Staatskapelle lieferten sich am Silvesterabend ein Fernduell im TV. Morgenpost-Online-Autorin Martina Helmig machte den Versuch, beide Konzerte zu verfolgen. Ein Abend mit Zaubermacht, Überraschungen und abgewürgtem Duett.

Papier, Stein, Schere, oder was sollen wir machen? Die Silvestertruppe kann sich nicht entscheiden. Berliner Philharmoniker oder Staatskapelle Dresden? Es gibt nicht genug klassische Musik im Fernsehen, wirklich nicht. Nur an diesem Nachmittag senden ARD und ZDF zeitgleich und live zwei hochkarätige Silvesterkonzerte. Ein wohl einmaliger Vorgang in der Fernsehgeschichte.

Fingermuskeln locker machen: Wozu gibt es die Fernbedienung? Am Anfang ist es ganz einfach, denn die Berliner beginnen fünf Minuten früher. „Ich bin‘s nur, der Ansager“, beginnt Dieter Moor die Führung durchs Programm. Mach hin, Mann, sonst schalten wir um. Mal sehen, nein, im Zweiten sind noch die Fernsehköche mit lustigem Silvesterhütchen und goldenem BH am Werk.

Die Traditionalisten in der Silvestertruppe wollen das Weltspitzenorchester aus Berlin, das seit 34 Jahren zum Jahreswechsel im Fernsehen kommt. Im letzten Jahr sind die Philharmoniker vom ZDF in die ARD umgezogen, und damit begann der Schlamassel. Die Abenteuerlustigen möchten nun das Orchester der Semperoper erleben, das das Zweite als Silvesternovizen ins Rennen schickt.

Dem Zweiten gelang ein erstaunlicher Coup

Das Erste platzt nicht gleich mit der ganzen Silvesterfreude heraus. Ganz verhalten setzt „Le Carnaval romain“ von Hector Berlioz ein. Sehnsuchtsvolle, weit geschwungene Melodiebögen bauen die Spannung langsam auf. Gerade kommen die Philharmoniker quirlig mit Piccolo und viel Blech in Fahrt, da rufen die Abenteurer: Aber nicht, dass wir die Netrebko verpassen!

Da ist dem Zweiten nämlich ein ganz besonderer, erstaunlicher Coup gelungen. Die Dresdener wollten dasselbe Konzert ohne Fernsehen schon am Silvestervorabend geben, nur steckte Stargast Renée Fleming im New Yorker Schneechaos fest. Als „Ersatz“ für La Diva Renée erschien die amtierende Soprankönigin Anna Netrebko, und sie brachte gleich noch ihren Verlobten mit, den Bariton Erwin Schrott. Ausschnitte daraus konnte das Fernsehen nun vor dem eigentlichen Live-Konzert zeigen. Renée Fleming musste die Konkurrenz ansagen und uns viel Vergnügen wünschen.

Schulterfrei, mit tiefem Dekolleté versprüht die Netrebko ungarisches Temperament. „Heia, heia in den Bergen“ singt sie mit der „Csárdásfürstin“. Sie wirft die Arme in die Luft, tanzt kokett, zeigt dem Publikum den nackten Rücken. Dann steht da breitbeinig Erwin Schrott und durchleidet mit der ganzen Wucht seiner Opernstimme ein wildes Tangodrama. Irgendwie ruft niemand nach der Fernbedienung.

In ihrer Paraderolle als Carmen ist die Garanca unschlagbar

Diesem Anfang wohnt kein verhaltener Zauber inne. Er stürzt sich sofort und kopfüber in den Silvesterabend. Das ist nicht wie bei den Berlinern. Eigentlich würde man es eher andersherum erwarten. Bei den Berliner Philharmonikern dirigiert Gustavo Dudamel, der junge venezolanische Shootingstar mit Rhythmus und Feuer im Blut. Christian Thielemann, der kommende Chefdirigent der Dresdner Staatskapelle, steht dagegen für alte Kapellmeistertugenden und süffigen Klang.

Wenn Dudamel nun den gediegenen Maestro spielen möchte und Thielemann den furiosen Draufgänger, bitteschön, warum nicht. Der Rollentausch hält allerdings nicht lange an. Im Verlauf des Nachmittags scheren die Dresdner mit Ausschnitten aus Franz Lehárs „Die lustige Witwe“ in die konventionelle Operettenschiene ein, während die Berliner mit dem Wechsel vom französischen ins spanische Kolorit ihr Feuerwerk zünden.

Die Berliner werfen die fulminante Lettin Elina Garanca in die Waagschale. Sie trägt schulterfreies Schwarz zu ihren blonden Locken und dem vollmundigen Samtklang ihres Mezzosoprans. Als Dalila betört sie ihren Samson. So klingt die abgründige Liebe, herrlich. Da fließt das Herzblut in mächtigen Strömen. Aber danach geht es erst richtig los. Dirigent Dudamel tänzelt auf den Zehenspitzen, signalisiert Spannung und Rhythmus mit flatternden Fingern. In ihrer Paraderolle als Carmen ist die Garanca unschlagbar. Die stolze Zigeunerin übt sich in sinnlicher Verführungskunst. Sie flirtet auch mit dem Dirigenten. In der Großaufnahme bleibt nichts verborgen. Sie zaubert ein nachhaltiges Lächeln auf sein Gesicht.

Soooo seltsam wird es wohl auch nicht wieder

Ein zärtliches Orchesterzwischenspiel folgt in den schönsten Pastellfarben. Du schaltest ja gar nicht mehr um, beschwert sich jemand aus der Dresdner Fraktion der Silvestertruppe. Ach so, naja. Zappzarapp, das „Viljalied“ aus der Dresdner Semperoper mit dem amerikanischen Stargast Renée Fleming. So viel Schmelz, so viel Sentiment. Große Emotionen in den höchsten Lagen. Nur der Schlusston ist verwackelt. Abstrafen durch Umschalten?

Im Ersten zündet Dudamel das ultimative orchestrale Leuchtfeuer mit de Fallas „Dreispitz“ sowie spanischen Zugaben mit rollendem R und rasselnden Kastagnetten. Applaus, Applaus, dann hat Christian Thielemann mit seinen sprechenden Händen und Lehárs champagnerseliger Leichtigkeit den Rest der Sendezeit für sich. Die Silvestertruppe befindet mehrheitlich, dass beide Parteien gewonnen haben. Die Berliner punkten mit einer spannenden Konzertdramaturgie, einer zaubermächtigen Solistin, einem durch und durch stimmigen Konzerterlebnis. Die Dresdner sorgen für Abwechslung mit Überraschungsgästen, größerem Ensemble, Chor und dem populäreren Programm.

Aber was ist das? Das Dresdner Konzert wird mitten im Duett abgewürgt, damit vor der Heute-Sendung noch ein bisschen Werbung laufen kann. Damit man sieht, was wirklich wichtig ist. Der medienbewusste Pedant Thielemann wird toben. Aber seine TV-Silvester-Feuerprobe hat er so oder so bestanden. Und soooo seltsam wie in diesem Jahr wird es wohl auch nicht wieder.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.