Kino

Bart Simpson nackt und andere Katastrophen

Die Fernsehserie über die comicgelbe Anarcho-Familie mündet in einen ersten Kinofilm. Darin schließt Vater Homer ein Ferkel in sein Herz. Beim Entsorgen von dessen Exkrementen vergiftet Homer das Trinkwasser seines Ortes Springfield. Warum das Konzept des finsteren Witzes und der flammenden Botschaft funktioniert.

Foto: Communications!GmbH

Zumindest ist jetzt klar, wo Springfield nicht liegt. Als Ned Flanders, Homer Simpsons frommer Nachbar, dessen Vaterpflichten übernimmt und den vernachlässigten Sohn über die Hügel führt, weist er in alle Himmelsrichtungen und zählt die angrenzenden Bundesstaaten auf: „Ohio. Nevada. Maine. Kentucky.“

Aufmerksame Zuschauer der Fernsehserie hatten die Familie Simpson aufgrund magerer Hinweise im Staat Kentucky angesiedelt. Andere im bedeutenderen Springfield von Ohio. Heute breitet sich die Stadt als geografische Groteske auf der Kinoleinwand aus. Wer Homer und die Seinen bisher dringend in der Wirklichkeit verorten wollte, muss nach 18 Sendestaffeln nun erfahren: Springfield liegt nicht einfach irgendwo, sondern exakt im Herzen von Amerika. Die Simpsons wohnen mitten in der Popmythologie.

Groening wollte auch etwas zu sagen haben


Gerade Jenen, die ihr Leben mit den Simpsons teilen, schien ein Kinoauftritt unvorstellbar. Regelmäßig wurde die Gemeinde von Gerüchte aufgeschreckt. Es gab 2001 horrende Gagenforderungen durch die Sprecher, weil auch Filmprojekte ins Vertragwerk aufgenommen werden sollten. Es gab unansehnliche 3D-Animationen. Es gab die Vollzugsmeldung nach jahrelanger heimlicher Akkordarbeit im Studio.

Und es gab eine bedrohliche Entschuldigung des Produktionsteams um Matt Groening und Al Jean: „Wir wollten auch etwas zu sagen haben.“ Angst ging um. Wie soll ein ungelenk gezeichneter, vom Fernsehen und den primitiven Trieben des Familienoberhaupts gesteuerter Cartoon-Alltag die Leinwand füllen? Und vor allem einen Kinoabend?

So: Die Perspektive weitet sich, es geht um Springfield, seine Bürger und die Umwelt. Homers Grundkonflikt erreicht globale Dimensionen. Für den weiten Spannungsbogen ist es nicht damit getan, ihn in das Abenteuer einer Blitz-Intelligenz zu stürzen oder in ein Rock’n’Roll-Camp.

Homer schließt ein Ferkel in sein Herz

Homer Simpson wächst im Film zum Moralisten und zum Helden einer Odysee, die Homers Namen alle Ehre macht. In einem Fast-Food-Restaurant entdeckt er Mitleid und Moral: Er wirft sich zwischen Schwein und Schlachter, schließt das Ferkel in sein Herz und widmet sich dem Neumitglied seiner erschütterten Familie mit Begeisterung.

Als Homer dessen üble Exkremente kurzerhand im See entsorgt, löst er eine gewaltige Ökokatastrophe aus. So bringt der Tor die ganze Stadt gegen sich auf. Das führt zu überwältigenden Lynchmob-Szenen auf der Leinwand. Mit Schattierungen und Schlagschatten. Es stößt eine dramatische Geschichte an, die durch das Rattern der Pointen noch beschleunigt wird, Bart Simpson erstmals nackt zeigt und nach knapp 90 Minuten wieder im vorübergehenden Familienfrieden endet.

Selbstverständlich werden nicht nur Homers Wege länger und beschwerlicher, bis nach Alaska und zurück. Die Themen werden ganzheitlicher, wie der Althippie Matt Groening zu sich sagen würde, wenn ihn niemand hört.

Witzdichte sorgt für waches Publikum

Um auch verhärtete Gemüter zu solch großen Themen hinzuführen, folgt der Film einem bewährten Trick des Disney-Kinos: Disney kocht sein Publikum am Anfang jedes Films mit Trauer und Entsetzen weich. Bei Fox und Groening sorgt die anfangs unfassbare Witzdichte für wache Zuschauer. Bereits im Studiologo taucht der winzige Ralph Wiggum auf und schmettert: „Tätärätätä!“ Dann wird der Kater Scratchy aus dem Weißen Haus vom Mäusepräsidenten Itchy mit Atomraketen massakriert.

Die Simpson sehen ihre Lieblingsserie als Film im Kino. Aber Homer schimpft, der Bildschirm sei zu riesig für so eine Sendung - und dann nicht einmal umsonst zu sehen wie vom Fernsehsofa aus. Da lacht sogar die Filmkritik.

Den Prominentenauftritt absolviert die Punkband Green Day. Sie spielt für die Bürger Springfields, bis die Bühne vom erzürnten Volk im Schlamm versenkt wird, weil der Sänger schüchtern an den Umweltschutz erinnert. Anschließend erleidet Homers Vater einen religiösen Anfall in der Kirche. Flanders dankt beim Anblick einer Mutation dem Herrgott fürs „Intelligent Design“.

Vom Glauben an das Gute

Als zupackender Präsident dient Arnold Schwarzenegger, und der Chef der Umweltschutzbehörde heißt Russ Cargill. Kurzer Einwurf aus dem echten Leben: Das allmächtige Familienunternehmen Cargill produziert zwar Bioenergie, holzt aber in Brasilien eifrig Regenwälder ab, um Soja anzubauen. „Ich bin ein reicher Mann, der etwas zurückgeben will“, erklärt die Zeichentrickfigur Russ Cargill und lässt eine schusssichere Glocke über Springfield stülpen.

Die Zerstörung wird beschlossen. Mit Tom Hanks wird für die Attraktion eines Grand Canyon auf dem früheren Stadtgebiet geworben. An der Kirchentafel steht: „We told you so“, wir haben’s euch gesagt. Und Homer? Homer Simpson liegt bei einer alten Squaw und faselt: „Um mich selbst zu retten, muss ich Springfield retten.“

Religion und Politik, Ökologie, Familienwerte, Rigorismus und die wagnerhafte Filmmusik Hans Zimmers. Und je finsterer der Witz im Kino, umso flammender die Botschaft: Sieh das Schlechte, glaube an das Gute. Wem dieser Appell im Fernsehen allerdings bisher entgangen ist, sucht Springfield heute noch mit Google Earth.