Sex und Religion und großer Kitsch

Madonnas erstes Deutschland-Konzert im Rahmen ihrer aktuellen Tour, natürlich mit Kreuzigungsszene: Mit dieser Inszenierung hatte die 47-Jährige für einen Sturm der Entrüstung gesorgt. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf hatte angekündigt, den Auftritt genau beobachten zu wollen. Wir von WELT.de haben das auch gemacht.

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Um 21.42 Uhr wird das Disco-Kreuz, auf das Madonna sich gelegt hat, aufgerichtet. Um 21.46 Uhr steigt sie wieder vorwurfsvoll herab und legt sich bäuchlings auf die Bühne, um zu büßen. Nach nur vier Minuten angeblicher Blasphemie, das wären vier von 120.

Seit nun 13 Wochen ist Madonna auf ihrer Tournee „Confessions on a Dancefloor“ unterwegs. Am vorvergangenen Sonntag musizierte sie in Rom, seither herrscht helle Aufregung unter professionellen Christen. Einen „Akt offener Feindseligkeit“, erkannte der römische Kardinal Ersilio Tonini. Das Erzbistum Köln beklagt die juristisch zu großzügig festgeschriebene Freiheit der Kunst. Und die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann wettert: „Sich selbst an die Stelle Jesu zu setzen, ist eine Selbstüberschätzung ungeheuren Ausmaßes.“ Ihres Boykottaufrufs zum Trotz bleibt in der Düsseldorfer LTU-Arena allerdings kein Klappsitz frei.

Der Märtyrer im Swimmingpool

Es ist wie immer in den letzten 23 Jahren, wenn Madonna sich auf ihren alten Themenfeldern Religion und Sexualität um Aufmerksamkeit bemüht. Wie eine Scheinriesin in der Geschichte von Jim Knopf. Von fern betrachtet wirkt Madonna mächtig und der Ärger groß. Vor Ort erscheint der Anlass winzig. Auf der Bühne steht also für wenige Augenblicke ein gefliestes Kru-zifix, an dem die Künstlerin mit Reithosen und Dornenkrone lehnt und „Live to Tell“ in ein dort amtlich angebrachtes Mikrophon singt. Man erinnert sich, wenn überhaupt an irgendetwas, an den Märtyrer im Swimmingpool, also an Pop. Auch dass Madonna an den Heiland denkt, scheint ausgeschlos-sen. Sie denkt an Madonna. An ihre Passion. Schon deshalb zeigt die Videorückwand Kinder, die an Aids erkrankt sind, oder hungern. Ihre aktuelle Rolle sieht Madonna darin, plötzlich mildtätig und umsichtig als Weltgewissen aufzutreten und dass jeder sie so wahrnimmt. Nicht nur im Konzert. Ansonsten gilt für sie auch weiterhin das oberste Gebot im Pop, der großen Pseudoreligion: „Du sollst nicht langweilen!“

Bis sie am Kreuz hängt, teilt sie aus dem Dunkel erst den Menschen mit, sie werde abendfüllend über Liebe sprechen. Dazu möge man die eigene kleine Existenz, „Forget your life!“, vergessen. Dann erscheint sie: Eine Diskokugel schwebt durch die Arena wie ein Sputnik, lässt sich auf dem Laufsteg vor der Bühne nieder, öffnet sich wie eine Lotosblüte. Ihr entsteigt Madonna im Kostüm der Reiterin. Die „Beichten auf dem Tanzparkett“ werden auf dieser Reise ohnehin bevorzugt zwischen Pferdebildern und mit Peitsche vorgetragen. Das hat mit dem Posten von Jean Paul Gaultier zu tun, der wieder für Madonnas Garderobe sorgt, im Hauptberuf aber für Hermès traditionsbeflissene Rittmeister-Bekleidung für das Neue Bürgertum entwirft. Noch mehr hat es mit den geschlechtsspezifischen Betrachtungen zu tun, die sich Madonna auch mit 48 Jahren unverändert zuschreibt. Vorbild für die ehrgeizige Dame, für den Herren strenge Domina.

Jaulendes Inferno

Madonna wäre nicht die Weltmutter des Pop, wenn sie vergäße, jeden Auftritt mit Bedeutung aufzuladen. Mit einer Bedeutung, die so ungefähr bleibt, dass sich jeder die ihm passende zurechtsucht. 1989 küsste sie im Video „Like a Prayer“ einen schwarzen Christus wach und tanzte in der Kirche zwischen blutenden Reliquien. Für die Kirche war das Frevel, für den MTV-Zuschauer die Erlösung einer damals faden Popkultur. Wer sich ganz dumm stellt, stößt auf die tatsächliche Bedeutung jeder weiteren Madonna-Inszierung. Ein Mädchen aus Michigan mit Migrationshintergrund verwandelt sich in die wohl öffentlichste Frau mittleren Alters. Wenn das kein Versprechen ist. Mick Jagger hat es einmal so gesagt: „It’s good to be me.“ Je unfassbarer dieses Ich über die Bühne wirbelt, umso unterhaltsa-mer. Madonna holt die Welt nicht in die Disco wie es üblich wäre. Sie erklärt, dass sie die Welt in eine Tanzfläche verwandle. Wer Madonna Hybris vorwirft statt sich überwältigen zu lassen, sollte sie wohl wirklich mit Missachtung strafen wie die Kirche es empfiehlt.

Es ist nicht wahr, dass sich Madonna immer neu erfunden hat, um nie zu schrumpfen. Sie spielt sich nur als erfahrene Zeitgeist-Tante auf, die jeden Trend und jede Stimmung an die Oberfläche zerrt, wo sie zu Hause ist. Für ihren gegenwärtigen Auftritt heißt das: Wenn man sie nicht ganz und gar als zynisches Gesamtkunstwerk empfindet, tritt das Zynische nur noch als Spurenelement hervor. Ihr altes „Like a Virgin“ beispielsweise bietet sie an einer Tischtanzstange dar mit auf- und abgleitendem Pferdesattel.

Über alles stellt Madonna heute ihr Gewissen, das sie sich erworben hat auf den Karriere-Nebenwegen zu Familie, Kabbala und Alteuropa. Videobilder und Kostümwechsel rückt sie nun in den Dienst der guten Sache. Tänzern lässt sie jüdische oder muslimische Symbole auf die nackten Bäuche malen, um sie zu verbrüdern. Jemand bläst ein Widderhorn. Madonna stürzt in Käfige, um sich verzweifelt Windende von Burkas zu befreien. Und dann flimmern alle Schurken dieser Welt, die Diktatoren, Terroristen oder kriegerischen Präsidenten durch die LTU-Arena. Das ist selbstverständlich Kitsch. Aber es handelt sich um großartigen, hinreißenden, kurz: madonnahaften Kitsch, der wieder weniger bedeutet, als er zu behaupten scheint. Der gutmenschelnde Kitsch vertreibt die Kälte ihrer früheren In-szenierungen und trägt sie näher an ihr Publikum heran im allumfassenden Poptheater. Und jetzt darf Madonna dafür auch noch nett gefunden werden wie eine schon etwas schrullige Verwandte, die nun sogar selbst Gitarre spielt und schöner singt als je zuvor.

„I Love New York“ verknüpft sie mit dem spirituellen Hymnus „Ray of Light“, indem sie beides strahlend auf einer elektrischen Gitarre donnert wie die Debütantin einer Schulkapelle. Das Gerumpel lässt sie fröhlich im Inferno münden – und in tosendem Applaus für ihre handwerkliche Leistung. Ihre Stimme hat sich mit den Jahren in einen Charakter-Alt verwandelt. Hinterm Berg hält sie auch damit nicht. Bevor Madonna diese Stimme vorführt und „Drowned World“ zur Bandbegleitung singt als wäre sie schon immer eine echte Sängerin gewesen, hockt sie auf einer kristallbesetzten Bühnentreppe, plaudernd, um noch einmal durch-zuatmen. Hier sagt sie den schönsten Satz, den Treppenwitz der Nacht: „We are all one“. Natürlich ist nur sie eins und zwar mit sich selbst.
Aber wir sehen ihr begeistert dabei zu.

Noch einmal am 22.8. in Hannover