Kinostart

Sandmännchen-Film ist nichts für die Älteren

Das einstige DDR- und nun gesamtdeutsche Sandmännchen kommt ins Kino. Die Filmemacher sind ein Risiko eingegangen, haben dem bärtigen Wicht sogar eine Stimme gegeben. Ein Spaß für die Jüngsten - aber nicht für die einstigen Zuschauer.

Immer die anderen. Über 50 Jahre lang ging es immer nur um die anderen, um Pittiplatsch und Schnatterinchen, um Herrn Fuchs und Frau Elster und all die vielen Nachkommen. Aber nie ging es um ihn. Dabei kam der Sandmann brav jeden Abend angefahren, mit immer neuen, immer gewagteren Fortbewegungsmitteln aus seinem offensichtlich reichhaltigen Fuhrpark. Aber er war halt immer nur der Bote, der eine Geschichte mitbrachte. Er selber hatte keine. Über ein halbes Jahrhundert lang. Jetzt wird ihm späte Gerechtigkeit zuteil. Endlich. Morgen kommt „Das Sandmännchen – Abenteuer im Traumland“ in unsere Kinos.

Sandmann, lieber Sandmann

es ist noch nicht so weit!

Wir sehen erst den Abendgruß,

eh’ jedes Kind in Bettchen muss,

du hast gewiss noch Zeit.

Wenn diese Melodie erklang, wurden alle Kinder selig. Und das, kurios genug, nicht nur in der DDR, sondern auch auf der anderen Seite der real existierenden Mauer. Der Sandmann war eine der wenigen Errungenschaften, für die es sich lohnte, auch einmal das Ost-Fernsehen einzuschalten. Und das taten nicht wenige. Nach der deutschen Einheit löste denn auch die Einstellung des Ost-Sandstreuers wahre Proteststürme aus – hüben wie drüben. Und so wurde kurzerhand das West-Sandmännchen in Rente geschickt und das Ost- zum gesamtdeutschen Einschlafhelfer. Das Land war perdu, aber die Marke hielt sich. Das ist sonst nur dem Rotkäppchensekt, dem Ampelmännchen und dem Rechtsabbiegerpfeil gelungen.

Garantierter Nostalgielieferant

Dabei war Deutschlands beliebteste Zipfelmütze eigentlich eine Ausgeburt des Kalten Krieges, der bis in die Kinderzimmer tobte. Weil der ostdeutsche Fernsehfunk in einer Programmvorschau las, dass der SFB in Kürze ein Sandmännchen ausstrahlte, musste innerhalb kürzester Zeit ein eigenes entwickelt werden. Und wirklich konnte der Osten seine filmtechnische Überlegenheit unter Beweis stellen: Neun Tage, bevor der SFB am 1. Dezember 1959 „Sandmännchens Gruß für Kinder“ startete, ging der von Gerhardt Behrendt gestaltete Ost-Sandmann am 22. November 1959 auf Sendung.

In dem Wicht in Rot war unschwer Walter Ulbricht zu erkennen, der andere große Zickenbart der DDR. Und dass der dem Arbeiter- und Bauernnachwuchs Sand in die Augen streute, machte tiefen ideologischen Sinn. Zwar war der Wicht ja eigentlich ein Republikflüchtling, fuhr er doch sieben Mal die Woche in weit entlegene Gegenden, in die keiner seiner Zuschauer reisen durfte. Aber dafür besuchte er auch mal – schön linientreu – Jungpioniere, NVA-Grenzer oder Plattenbauarbeiter.

Sandmann, lieber Sandmann hab nur nicht solche Eil!

Dem Abendgruß vom Fernsehfunk

lauscht jeden Abend alt und jung,

sei unser Gast derweil.

Dass der staatspolitische Auftrag nicht noch klarer im Vordergrund stand, hatte einen klaren Grund: Devisen. Der Sandmann wurde nicht nur in Ost und West gern geguckt, sondern auch nach Dänemark, in die Schweiz und bis nach Griechenland verkauft. Da musste man sich auch jenseits der sozialistischen Brüderländer kosmopolitisch geben.

Dass der Ost-Sandmann auch im Westen lieber geguckt wurde als der eigene, hatte einen anderen Grund: Qualität. So liebevoll und aufwendig wie im Sandmännchen-Studio in Mahlsdorf wurde beim SFB nicht produziert. Planwirtschaft, das hat die Historie gezeigt, setzt sich nicht durch, Qualität schon. Und so, wie die Konkurrenz-Sandmänner traurige Relikte des Eisernen Vorhangs waren, wurde der Ost-Sandmann zur Symbolfigur der Vereinigung: Die Generation 1991 wuchs nur noch mit einem auf.

Die beliebteste Zipfelmütze Deutschlands

Der ist nun das älteste, das vertrauteste Gesicht des deutschen Fernsehens. Und waltet seit über 50 Jahren seines Amtes. Dass der erste Kinofilm mit ihm nicht pünktlich zu seinem Jubiläum im vergangenen November startete, das haben die Rechteinhaber, nun ja, verschlafen. Sie standen dem Kinoprojekt erst mal skeptisch gegenüber, sie mussten sich wohl auch den Sand aus den Augen reiben, bevor sie ihr Okay gaben.

Wirklich ist es ja auch ein Risiko, ein Format, mit dem sich gleich mehrere Generationen identifizieren, auf die große Leinwand zu hieven. Und die Macher des Films, die Regisseure Sinem Sakaoglu und Jesper Moller, muten ihrem Publikum auch einiges zu. Kein Pittiplatsch! Kein Schnatterinchen! Und der Sandmann hat nicht nur – eine Schönheits-OP der jüngsten Zeit – Augenbrauen und bewegliche Pupillen; nein, er kann auch sprechen. Bislang war er ein stummes Wesen, nur im Abspann war zu hören:

Kinder, liebe Kinder,

das hat mir Spaß gemacht.

Nun schnell ins Bett

und schlaft recht schön,

dann will auch ich zur Ruhe gehn.

Ich wünsch euch gute Nacht!

Nun hat er plötzlich eine Stimme, und dann auch noch die erdschwere von Volker Lechtenbrink. Die wirkt noch älter als der schlohweiße Bart, klingt wie ein ober-über-pädagogisches Sprachorgan. Jeder Satz ein Aphorismus. Und schlimmer noch: Der Sandmann kriegt zwar seine eigene Geschichte, aber selbst hier wird er zur Nebenfigur degradiert.

Dem Rotkittel wird gleich zu Beginn sein Allerheiligstes geklaut, der Traumsand. Von einem üblen Traum, der den Kindern nur noch Albträume bescheren will. Und der Sandmann scheint auch nicht in der Lage, ihn allein zurückzuholen. Dazu muss er sich nicht nur mit einem Schlafschaf verbünden, das selbst beim Zaunspringen fürs Schäfchenzählen versagt. Nein, er braucht auch noch Verstärkung aus der Wachwelt. Deshalb gibt es anfangs reale Szenen mit einer echten Familie, deren Junge dann ins Traumland von Sandmann & Co. wandert. Damit die lieben Kleinen auch eine Identifikationsfigur haben. Zumindest die Jungs.

Sandmann ohne Sand - bleiben alle wach?

Die „Abenteuer im Traumland“ sind ein hübscher Trickspaß. Noch einmal wird hier die gute alte Stopmotion-Technik bemüht, Computer-Effekte nur am Rande verwendet. Das gibt dem Ganzen etwas liebevoll Altmodisches. Die vielen Fahrzeuge des Sandmanns gerinnen hier zu einem einzigen, polyamphibisch sich wandelnden Fortbewegungsmittel. Zudem werden wunderschöne Kulissen erschaffen: Traumgefilde von Softeisbergen bis Kopfkissenlandschaften. Und man versucht sich sogar an einer kindgerechten Aufbereitung tiefenpsychologischer Traumdeutung, was sich in der Figur von Professor Träumchen zeigt. Statt Walter Ulbricht jetzt also Sigmund Freud.

Und doch: Die älteren Sandmännchen-Liebhaber werden sich nicht angesprochen fühlen. Die erhofften Wiederbegegnungen mit guten alten Bekannten, sie bleiben leider aus. Und der Zickenbartträger klingt didaktischer als ein Ulbricht bei der Verkündung eines Fünfjahresplans. Der neue Sandmann ist leider kein Spaß für die ganze Familie, sondern lediglich für die Jüngsten, die nur Geschichten und noch keine Historie kennen.

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