Neue Nationalgalerie

Willem de Rooij installiert Alte Meister

Holländische Vogeldarstellungen und Kriegsgott-Masken aus Hawaii sind seit Sonnabend in Berlin zu sehen. Der niederländische Konzeptkünstler Willem de Rooij präsentiert in der Neuen Nationalgalerie Alte Meister neu.

Foto: AFP

In alle Himmelsrichtungen flattern die Hühner. Ein Adler hat sich ihren Hahn gegriffen. Seine Krallen drohen ihn zu killen. Ein zweiter Raubvogel packt eine Henne und entschwindet mit ihr durch die Lüfte. Dramatische Szenen wie diese spielen sich auf den Gemälden von Melchior d' Hondecoeter ab. Doch was macht seine Vogelschar aus dem 17. Jahrhundert in der Neuen Nationalgalerie?

„Das ist das erste Mal, dass wir im Mies-van-der-Rohe-Bau Alte Meister haben“, erklärt Museumsleiter Joachim Jäger. Die außergewöhnliche Schau, die ergänzt wird durch Feder-Masken aus ethnologischen Museen, hat sich der niederländische Konzeptkünstler Willem de Rooij ausgedacht. Der 41-Jährige tritt dabei nicht selber malend in Erscheinung, sondern gibt Denkanstöße als Kurator. Seine neue Arbeit nennt er „Intolerance“. Es ist ein komplexes (Forschungs-)Projekt, zu dem auch eine dreibändige Publikation zählt.

In seinem künstlerischen Werk kombiniert Willem de Rooij Bilder und arbeitet dabei medienübergreifend mit Skulptur, Film und Text. Während seine früheren Filminstallationen skulpturale Qualität erlangten, entwickelte er seine letzten Ausstellungen stets als eigenständige Kunstwerke, die häufig Objekte und auch Werke anderer Künstler einschlossen. De Rooij arbeitet im Sinne der so genannten Appropriation Art, indem er sich ganz bewusst bereits vorhandene Dinge oder Kunstwerke aneignet und zu einem Teil der eigenen künstlerischen Arbeit macht.

Inspiriert haben den in Berlin lebenden Niederländer zahlreiche Museumsbesuche vor Jahren, als er noch Stipendiat des deutschen Akademischen Austausch-Dienstes (DAAD) war. Insbesondere im Ethnologischen Museum blieb er hängen und im Bode-Museum. Dort begegnete er dem Bild eines majestätischen Pelikans, das ihn nicht mehr los ließ. Den „Pelikan und andere Wasservögel“ präsentiert Willem de Rooij jetzt in der mystisch abgedunkelten oberen Halle der Neuen Nationalgalerie. Die Flattermänner erscheinen wie das friedliche Pendant zur eingangs geschilderten Szene und stammen ebenfalls vom Vogelmaler Melchior d' Hondecoeter (1636-1695).

Der lässt Ornithologenherzen höher schlagen, denn rund um seine Majestät, den Pelikan, sind jede Menge Entenarten zu studieren. Doch mit all den Vögeln nicht genug. Der Konzeptkünstler hat mehr im Sinn: Exotisches Federvieh war einst so begehrt wie Tulpenzwiebeln, nicht nur von Hand des Herrn Hundeköter. Es wurde verschifft und ausgestopft oder zu gemalten Statussymbolen. Doch wer ahnt die Zusammenhänge von Kolonialismus und Macht, wenn er vor solch einer unbeschrifteten Installation steht? Den Blick vom Pelikan auf den Kriegsgott Kukailimoku richtet, den nicht mal ein Schildchen identifiziert? De Rooij, der in Amsterdam studierte und seit 2006 Professor für Freie Bildende Kunst an der Frankfurter Städelschule ist, entdeckte ihn in Dahlem.

Dass er den Federkopf, der im vorchristlichen Hawaii (vor Entdeckung der Inseln durch James Cook 1779) bei Prozessionen mitgeführt wurde, nun in seine Großinstallation zu 18 Alten Meistern gesellt, ist der gleiche Wink mit dem Zaunpfahl: Das rituelle Objekt mit den hübschen Beißerchen mutierte einst zur Trophäe des „Exotischen“ und nun zur Kunst. Und der Sinn des Ganzen? „Ich wollte Forschung initiieren“, sagt der Künstler. In der Diskussion über das Humboldt-Forum werde sehr viel über Forschung geredet, aber niemand mache sie. So ist es dem Kreativen überlassen, Fragen zu stellen. Warum kann Kunst nicht auch Wissenschaft sein?, fragt de Rooij und ließ im Auftrag der Nationalgalerie Leihgaben aus aller Welt einfliegen.

Natürlich muss sich die Antworten jeder selber zusammenreimen. Die „freie, wissenschaftliche Collage“, wie Jäger die Ausstellungsinstallation de Rooijs nennt, scheint ohnehin mehr Hinweis und Aufgabe fürs Fachpersonal. So wurde erstmals ein Werkverzeichnis der rund 200 Gemälde aus der Werkstatt d' Hondecoeters erarbeitet sowie ein Buch über hawaiianische Federmasken. Ethnographica hatten ja ursprünglich eine Funktion, wurden nicht als Kunst gesehen. Im Museum bestaunt zu werden, ist für sie so befremdlich wie sie für uns fremdartig bleibt. Genau diese Reflexion über die Ausstellungspraxis beabsichtigt de Rooij: Wie wird in Zukunft mit ethnographischen Exponaten umzugehen sein? Der Künstler plädiert für den interdisziplinären Blick über den Tellerrand.

Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, Berlin-Tiergarten. Bis 2. Januar 2011, Di/Mi/Fr 10-18 Uhr, Do 10-22 Uhr. Sa/So 11-18 Uhr.