Rede und Antwort

Günther Jauch und sein Nähkästchen

Günther Jauch war von der "Hochschule für Jüdische Studien" nach Heidelberg eingeladen worden, zur Reihe "Heidelberger Hochschulreden". Allerdings interessierte weniger die Rede, als vielmehr die Möglichkeit Fragen an den Moderator stellen zu dürfen. Der wollte frei und ohne Zensur antworten.

Herren (und sehr viel seltener Damen) im gesetzteren Alter wenden sich selbst bei dichtem Terminkalender immer mal wieder gern der Jugend zu, auf dass der Nachwuchs teilhaben darf an ihrem hart erkämpften Erfahrungsschatz.

Das tut dem Ego gut und ist immer so gewesen, zumal in altehrwürdigen Universitätsstädten, wo Prominente, Honoratioren und Ehemalige mit wahrer Lust vom Podium herab dozieren über gestern, heute und morgen, während Studierende mit großen Augen staunend lauschen.

Nach Marcel Reich-Ranicki, Horst Köhler, Joschka Fischer, Angela Merkel, Harald Schmidt und Kardinal Karl Lehmann hat sich daher also auch Günther Jauch von der „Hochschule für Jüdische Studien“ nach Heidelberg einladen lassen, zur Reihe „Heidelberger Hochschulreden“.

Nun ist Jauch nicht gerade der Prototyp des „gesetzteren Herren“, trotz seiner immerhin 53 Jahre und dreieinhalb Jahrzehnte Vorzeige-Karriere. Wie der Jeans-und-Pullover-Träger in Heidelbergs ehrwürdiger Alter Aula auch erschreckt feststellen musste, sind mittlerweile selbst die Studenten durchweg besser gekleidet als er.

Und ein Modell von gestern wie so mancher Ex-Industriepräsident, der zur Egopflege die Vortragsreihen quer durch die Republik abklappert, ist Jauch auch nicht. Im Gegenteil: Einer großen Umfrage der „Fernsehwoche“ zufolge ist der Journalist, Moderator und Fernseh-Produzent gegenwärtig Deutschlands absoluter TV-Liebling.

64 Prozent würden Jauch sogar gern noch öfter auf dem Bildschirm sehen, während Johannes B. Kerner, lang der Favorit in deutschen Wohnzimmern, nur noch auf Platz 10 (von 20) landete. An Dieter Bohlen haben sich die Zuschauer eh längst bis zur Übelkeitsgrenze sattgesehen, und auch Thomas Gottschalk möchte nur noch jeder Vierte öfter von der Couch aus beobachten.

Weil der Heidelberger Auftritt nun aber jenseits der Anreise keinen Aufwand bescheren sollte – etwa in Form von Vorbereitung, Gott bewahre – beschloss Jauch, statt eines Referats nur Antworten zu liefern.

Drei Studenten und die Pressesprecherin der Jüdischen Hochschule durften dem Fernsehstar Fragen stellen, das Thema lautete: „Zwischen Anspruch, Quote und wirtschaftlichem Erfolg - Was Sie schon immer über das Fernsehen wissen wollten." Und fürs Publikum, das die Alte Aula Heidelbergs natürlich bis zum letzten Platz gefüllt hatte, wurde das Mikrofon dann auch noch freigegeben.

Interessanter als die Antworten waren an diesem Abend daher also die Fragen an Günther Jauch. Was würde wohl das (überwiegend studentische) Publikum einer aufgeklärten, humanistischen Universitätsstadt schon immer vom Fernsehen gewusst haben wollen?

Jauch versicherte zudem zur Eröffnung des Abends verheißungsvoll, jeder könne ihn alles fragen, egal ob zu Beruf oder Privatleben, ob zu Sendungen und Einstellungen. Ob er dann antworte, entscheide er von Fall zu Fall, aber keiner solle ein Blatt vor den Mund nehmen.

Tatsächlich wich der geborene Münsteraner, der in Berlin aufwuchs, dann nur einer einzigen Frage mit viel Wortwolkenschieben aus. Jener nämlich, ob er sich nach all den Querelen eine Rückkehr zum Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk vorstellen könne.

Er würde ja offener reden, wenn da nicht sechs Journalisten im Raum säßen und alles akribisch notierten, versicherte Jauch treuherzig. Um orakelnd zum Thema Öffentlich-Rechtlich anzufügen, dass „die Beziehung nicht völlig erloschen ist“ und „die Jahre vergehen“, es aber dann wiederum auch „nicht so ist, dass ich ununterbrochen darauf spechte, dass sich die Dinge verändern.“ Jauch, so sagte er, wäre „nicht unglücklich, wenn alles als großer, ruhiger Fluss so weitergehen würde.“ Keine Antwort ist auch eine Antwort.

Was verwunderte an diesem Abend, waren also die Fragen. Beziehungsweise die Fragen, die nicht kamen. Jauch, auf den ein Bodyguard in der Alten Aula der Heidelberger Uni aufpasste, Jauch, der seine vier Kinder und sein Privatleben verbissen von der Öffentlichkeit abschottet, Jauch, der mehr als 2000 Sendungen allein bei RTL moderiert hat und so ziemlich über alles Bescheid weiß, was sich hinter öffentlich-rechtlichen oder privaten TV-Kulissen abspielt, der seit Jahrzehnten auf der Mattscheibe den netten Kerl gibt und behauptet, in Wahrheit gar keiner zu sein, dieser Jauch hatte also angeboten, mal so richtig aus dem Nähkästchen zu plaudern.

Dennoch kam keine einzige Frage etwa zum Einfluss der Politik auf die Medien. Oder was man denn so verdient als Showstar. Stattdessen wurde er konsequent nach dem gelöchert, was der Showmaster gerade zum 60. Geburtstag der ARD sowieso in jedem Interview erzählt.

Etwa, wie er die Kritik von Reich-Ranicki an der miesen Qualität des Fernsehangebots finde. „Weltfremd.“ Er schätze MRR sehr, aber Ahnung vom Fernsehen habe der nicht. Es hätte dem Literaturkritiker daher bei der Preisverleihung seinerzeit gut angestanden, zu sagen: „Ich verstehe das alles nicht, danke für den Preis und belästigen Sie mich nicht weiter.“ Oder ob er auch schon mal einen Flop gelandet habe: Ja, die Erste-Hilfe-Show zum Beispiel.

Ob er seine eigenen Sendungen anschaut? Nie nie niemals. Beim Blick auf sich selbst würde er nur Komplexe entwickeln.

Ob ihn seine Kinder auf dem Bildschirm bewundern: Nein, die seien völlig abgestumpft und eher genervt, von Lehrern oder Mitschülern auf Sendungen mit Vater Günther angesprochen zu werden.

Ob er daheim noch genießerisch Fernsehen schauen könne? Nein, er rufe bei Talkshows dem Interviewer immer die richtigen Fragen zu und ärgere sich, wenn die nicht kämen.

Warum die 5000-Euro-Frage immer so peinlich einfach sei? Je unterirdischer die Frage, desto mehr Leute rufen an.

Ob er mit seiner Produktionsfirma (99 Festangestellte, rund 50 Freie) auch mal Aufträge ablehne? Ja, wenn sie nicht interessieren. Die Datingsendung „Bachelor“ sei ihm angetragen worden, das habe ihn nicht gereizt.

Wie er als seriöser Journalist Fernsehformate wie „Big Brother“ oder „Super Nanny“ finde: Damit sei er „mit Einschränkungen und Bauchschmerzen einverstanden“. Denn bei „Big Brother“ machten schließlich alle alles freiwillig. Und die „Super Nanny“ oder auch Schuldenberater Zwegat böten „Einblicke ins Unterschichtenelend“, die ihn zwar schauderten, aber für die er auch dankbar sei. „Ich bin froh, dass sich das Fernsehen jenseits der bürgerlichen Hochkultur damit beschäftigt.“

Wo Jauch indes die bürgerliche Hochkultur im Fernsehen heute noch verortet, sagte er nicht. Stattdessen viel Lob für seine Sendeplattform RTL, die ihn angeblich völlig frei schalten und walten lässt. Die Themen von Stern TV werden Jauch zufolge erst zwei Stunden vor der Sendung vorgelegt und nie auch nur ansatzweise zensiert.

Höchstens mal, dass eine Airline von der Werbeabteilung wissen wolle, ob denn der Jauch am Abend was zum aktuellen Flugzeugabsturz machen werde. Dann werde aber der Werbespot aus dem Programm genommen, nicht der Beitrag zum Absturz.

Bei anderer Gelegenheit, als er mit einem Kandidaten bei „Wer wird Millionär?“ über die Nachteile eines bestimmten Automodells geulkt habe, seien Werbeaufträge im sieben- bis achtstelligen Millionenbereich bei RTL gecancelt worden. Doch der Sender habe ihm das nicht mal mitgeteilt, das habe er durch Zufall erfahren. „Die halten das aus.“ Wie vorbildlich.

Grundsätzlich ist Jauch, auch das ist bekannt, der Meinung, dass jede Demokratie „die Regierung und das Fernsehen hat, die beziehungsweise das sie verdient.“ Damit man das nicht als die glatte Rüge an unserer Gesellschaft auslegen kann, die es eigentlich ist, fügte er eilends an, im internationalen Vergleich stehe Deutschland bei beidem schließlich gar nicht so schlecht da. Dass das moderne Fernsehen seine Konsumenten verblöde, will Jauch denn auch so nicht formuliert wissen. „Wir verblöden nur so weit, wie wir das zulassen.“ Wie weit das ist, darauf ging er nicht näher ein. Schließlich saßen ja sechs Journalisten im Publikum.

Ohnehin hält Günther Jauch, der abgebrochene Jura- und Geschichtsstudent, nichts von „geschäftsführenden Kulturpessimisten“: „Was sollen wir machen? Zensur? Test? Eine Sonderdosis Arte verordnen? Missionieren? Bevormunden?“ Jeder könne sich tottrinken. Oder totrauchen. Und eben auch verblöden lassen. Dagegen sei das Fernsehen als Anbieter nicht gefeit. Und das sei auch nicht seine Aufgabe.

Zu Hause indes, soviel verriet Jauch dann schon, sieht er das deutlich strenger: Seine Kinder, zumindest die drei jüngeren, dürfen den Fernseher nicht selbstständig einschalten. TV-Konsum muss bei den Eltern angemeldet werden. Stattdessen setzte Günther Jauch auf emphatische Vorlesestunden, als seine Töchter noch klein waren. Das allein hätte indes vielleicht nicht viel geholfen, doch dann kam zum Glück Harry Potter, den die Kinder liebten. Und in Potsdam, wo Jauch wohnt, war die bürgerliche Hochkultur des Lesens gerettet.

Im Oktober steht übrigens Guido Westerwelle als Gast an. In dessen Nähkästchen - wie sich jüngst bei der Zeitschrift "Bravo" lesen ließ - findet sich sicher auch so manch Aufschlussreiches für junge Leute.