Cannes 2010

Tote Chinesen am Strand

Im zweiten Teil seines Wettbewerbs nimmt Cannes endlich Fahrt auf.

Würde die Berlinale ebenso lange brauchen wie Cannes dieses Jahr, um zwei diskutable Filme zu präsentieren - nämlich bis zum Beginn der zweiten Festivalhälfte -, die Wettbewerberlisten würde dem Auswahlgremium um die Ohren geschlagen. Doch nun gibt es zwei Filme, die zumindest satisfaktionsfähig sind. Der eine kommt aus Spanien und der andere aus Frankreich.

Der spanische stammt von einem Mexikaner, von Alejandro González Inárritu, der spätestens seit dem weltweit angelegten Drama "Babel" eine beachtliche Anhängerschaft besitzt.

Im Gegensatz zu seinen bisherigen Filmen (neben "Babel" "Amores perros" und "21 grams") hat er für "Biutiful" keine episodische Struktur gewählt; alles dreht sich um Javier Bardem, der in Barcelona eine - so sagt man wohl - prekäre Existenz führt. Seine Frau leidet an bipolaren Störungen, er muss sich um seine kleinen Kinder kümmern, und sein Geld verdient er als Mittelsmann diverser nicht gerade gesetzlicher Aktivitäten. Das ist ein wiederkehrendes Thema bei Inárritu, der durchaus ein offenes Auge für die Ungleichheiten der Welt hat. Teil seiner Erzähltechnik ist auch, dass er seinen Protagonisten alles nur denkbare Unglück aufbürdet.

Als sei seine Situation nicht prekär genug, erfährt Javier Bardem von seinem Arzt, dass er an Krebs leidet und nur noch einige Monate zu leben hat. Des weiteren kauft er die billigsten Heizlüfter für illegale chinesische Leiharbeiter, die im Keller einer Fabrik übernachten - und eines Morgens sind alle erstickt, weil die Geräte defekt waren.

Das ist ein typisches Inárritu-Konstrukt: eine verzwickte Globalisierungs-Situation, in der überforderte Einzelne unbeabsichtigt Schuld auf sich laden. Auch die Art und Weise, in der sie abgehandelt wird, ist bezeichnend für den Mexikaner: Letztlich löst sich bei ihm am Ende alles in einem falschen Trost auf. Ursachen hin, Schuld her, Inárritu entdeckt stets einen Sonnenstrahl, eine - billige - Hoffnung. Insofern ist er der Wahrer des Hollywood-Happy-Ends unter neuen, globalen Bedingungen.

In "Biutiful" - der Titel ist Programm - versucht er uns einzureden, dass letztlich alles doch irgendwie seine Ordnung habe, auch wenn Dutzende toter Chinesen am schönen Strand von Barcelona angeschwemmt werden. Die Verantwortlichen bekommen ihre Strafe - einer wird mittels einer völlig unmotivierten Volte von seinem Liebhaber erschossen, der zweite von der Polizei gefasst, und der dritte erliegt dem Krebs - glücklich, hat er doch vorher noch den Familienring seines Vaters an seine Tochter weiter gegeben. Soviel Sentimentalität und Pseudotragik ließ die eine Hälfte des Publikums kopfschüttelnd zurück - die Andere ließ sich nur zu gern in die bittersüße Falle locken.

Da ist Xavier Beauvois' "Des Hommes et des Dieux" (Von Menschen und Göttern) aus anderem Holz geschnitzt. Wir schreiben die Mitte der Neunziger, und acht Trappistenmönche in einem Kloster im moslemischen Nordafrika finden sich in einer zunehmend feindlichen Umgebung wieder; die Übergriffe islamistischer Extremisten nehmen zu. Sie schwanken eine Weile, ob sie das Land verlassen sollen, beschließen dann aber, ihre humanitäre Arbeit fortzusetzen.

Anders als Inárritu, der noch im schrecklichsten Schicksal das schöne - "biutiful" - Leben zu erblicken sucht, präsentiert Beauvois unerbittliche Alternativen. Seiner Mission treu bleiben oder desertieren, Eigenwohl oder Gemeinwohl, Schutz durch eine korrupte Armee oder kein Schutz und letztlich: Gehen oder Sterben. Der Film beruht auf einem Massaker, das damals zwar in Frankreich, aber nicht in Deutschland Aufsehen erregte, weil die Konfrontation der Religionen noch nicht in den Schlagzeilen gelandet war. Jetzt ist sie da, und die Kunst von Beauvois' Film liegt darin, dass er eine christliche, humanitäre Position bezieht - ohne den Islam im Geringsten zu verunglimpfen. Die Klarheit seiner Stellungnahme spiegelt sich in der Klarheit seiner filmischen Mittel - man könnte auch sagen: in der Kargheit -, welche die Handlung mit Gebetsgesängen punktiert; die Musik spielt auch bei dem unvergesslichen letzten Abendmahl eine entscheidende Rolle.

"Des Hommes et des Dieux" ist eine Lektion in Standfestigkeit, so wie "Die Blechtrommel" einst ein Aufruf zur Versöhnung war. Drei Jahrzehnte nach der Verfilmung des Grass-Romans ist Schlöndorffs Version an die Stelle ihres größten Triumphes zurückgekehrt: In Cannes gewann sie - ex aequo mit "Apocalypse Now" - 1979 die Goldene Palme. Schlöndorff hat, wie schon Coppola vor einigen Jahren, einen Director's Cut geschnitten, 25 Minuten länger als die Kinofassung, und die "neuen" Szenen fügen sich nahtlos in einen Film, der nicht gealtert scheint. Der Regisseur hat erzählt, wie seine 18-jährige Tochter viele der geschichtlichen Ereignisse in der "Blechtrommel" nicht genau einzuordnen wusste und wie er deshalb bei der Neubearbeitung einige historische Eckpunkte eingefügt hat - der einzigartige Fall, dass ein Director's Cut die Entwicklung des Geschichtsbewusstseins dreißig Jahre nach der Premiere mit berücksichtigt.