Kino

Julia Roberts kocht am Familienkrisenherd

| Lesedauer: 2 Minuten
Cosima Lutz

Mutter frustriert, Vater frustiert, Sohn wegen Vater und Mutter frustriert. so kann kein fröhlicher Film entstehen. Das amerikanische Filmdrama „Zurück im Sommer" hat mit Julia Roberts, Willem Dafoe, Ryan Reynolds und anderen tolle Darsteller. Doch das Werk versinkt in Ambition und Kitsch.


Jede Familie, sei sie nun auf ihre Art glücklich oder unglücklich, ist viel besser und zugleich viel schrecklicher, als es Außenstehende wie Betroffene eingestehen wollen. Auch Dennis Lees Spielfilmdebüt „Zurück im Sommer“ („Fireflies in the Garden“), das auf der letzten Berlinale den Zorn der Kritiker auf sich zog , ist noch viel furchtbarer und zugleich gar nicht so schlimm, und wer dies widersprüchlich findet, ist auch schon mittendrin in dieser Film gewordenen Durchschnittsfamilie.


Schöner geht’s eigentlich kaum, was die respektable Besetzung betrifft: Julia Roberts (verhärmt), Emily Watson (aschenputtelhaft), Carrie-Ann Moss (als Alkoholikerin) und Hayden Panettiere (jung) sind trotz aller Widrigkeiten sanft, sexy und bei Bedarf hausfraulich tätig und prägen die Hauptfigur Michael (als Kind: Cayden Boyd; als Erwachsener: Ryan Reynolds) zum selbstmitleidigen Frauenfreund; Michaels tyrannischer Vater (maskenhaft: Willem Dafoe) versaut dagegen allen den Spaß, und heraus kommt: fade autobiografische Kunst.

Das trifft auf Michaels Roman, von dem lediglich behauptet wird, seine Veröffentlichung könne die ganze Familie verletzen, wohl ebenso zu wie auf den Film selbst, dem Lee einiges aus seinem eigenen Leben untergeschoben haben will. Es gibt einen missglückten ödipalen Vatermord-Versuch, den Tod der schönen Mutter (Roberts) kurz vor einem Familienfest und eine süßliche Versöhnung.


Vielversprechend scheint da noch die erste Sequenz. Ein Junge rennt durch ein verregnetes Getreidefeld, als jage ihn der Teufel. Dieser Teufel ist der Vater, und Lee rettet den Kleinen mit einem großen Sprung in die Zukunft, wo er als Mittdreißiger ein erfolgreicher Schriftsteller ist, aber schon von Berufs wegen ständig zurück in die Vergangenheit muss. Auch wenn Sukee Chews Kamera mit größter Ruhe die Gesichter betrachtet und die darüber träufelnden Klavierklänge mit Nachdruck winseln:


Die Begegnungen täuschen eine Abgründigkeit vor, die sich entweder im Klischee verliert oder einer Amputation zum Opfer gefallen ist. Denn sogar der Familien-Makel, etwas zu verschweigen, haftet „Zurück im Sommer“ an. Statt der einst angekündigten 120 Minuten sind nur 101 zu sehen. Von einer herausgeschnittenen Inzest-Geschichte wird gemunkelt.

Zu zeigen, dass dieses Gehüpfe um eine Leerstelle letztlich ein bloßes Spiel der Formen und Figuren ist, das zu nichts als zur ewigen Reproduktion führt, mag nicht die Absicht Lees gewesen sein, ist aber eine klugee Auskunft über das Erzählprinzip Familie.