Liederatur

"La Paloma" ist so schön wie "O sole mio"

| Lesedauer: 12 Minuten
Rainer Moritz

Zwei Dauer-Gassenhauer gingen um die Welt. Jetzt wurde die unendliche Geschichte der beiden niedergeschrieben: Zum Buch über „La Paloma" gibt es vier CDs voll absonderlicher Versionen des Liedes. Bei „'O sole mio" ist vor allem wichtig, dass die Sonne toll ist.

Wann wird ein Lied zum Ohrwurm? Wann setzt es sich in den Köpfen und Herzen seiner Zuhörer fest und passt sich den unterschiedlichsten Kulturkreisen an, bis zuletzt seine Entstehungshintergründe gänzlich in Vergessenheit geraten? Selten lassen sich dafür rationale Erklärungen finden; mitunter sind es groteske Zufälle oder sanfte Verschiebungen im kollektiven Hörgedächtnis, die aus harmlosen Ohrwürmern unverwüstliche Evergreens machen.

Die Schriftstellerin Brigitte Kronauer beispielsweise weiß davon zu berichten, wie sie 1996 Gast am germanistischen Institut der Universität Porto war und ein einheimischer Chor nach einem Empfang drei alte deutsche Volkslieder anstimmte – darunter zur Überraschung der Autorin Drafi Deutschers „Marmor, Stein und Eisen bricht“, das in Portugal plötzlich mit „Im schönsten Wiesengrunde“ konkurrieren durfte.

Fröhlich-naive Lieder

Bei aller Verbreitung, die diesem grammatikalisch kühn formulierten Gassenhauer widerfuhr: mit zwei, nun in Buchform detailliert beschriebenen Liedern wird er sich nicht messen können, mit „La Paloma“ und „'O sole mio“. Einigkeit, wem nun die Krone der musikalischen Schöpfung gebührt, herrscht dabei keineswegs. Die Filmemacherin Sigrid Faltin, deren „La Paloma“-Dokumentation demnächst zu sehen sein wird, und der Journalist Andreas Schäfler kennen keinen Zweifel: „Es ist das Lied der Superlative: Kein anderes Musikstück wurde bis heute weltweit so oft gesungen, gespielt, interpretiert, arrangiert und aufgenommen wie ,La Paloma’.“ Eine Behauptung, die Paquito Del Bosco (dessen Vornamen der Wagenbach-Verlag auf dem Buchdeckel konsequent falsch schreibt), nicht goutieren dürfte, denn für ihn steht fest: „Es gibt kein Lied auf der Welt, das häufiger gesungen worden wäre als ,’O Sole Mio’.“

Entscheiden wollen wir diese Streitfrage nicht, zumal Spielverderber durchaus andere Titel – „Happy Birthday“ oder „Stille Nacht“ – ins Rennen schicken könnten. Wie dem auch sei: Beide Lieder, die immer wieder auch als A- und B-Seiten ein und derselben Schallplatte vertrieben wurden, verfügen über einzigartigen Reiz und weisen eine bisweilen abenteuerliche Rezeptionsgeschichte auf, die wieder einmal zeigt, dass die Emotionalität bestimmter Gesangsstücke jede andere Kunstform beiseite zu drängen vermag.


Vermutlich auf das Jahr 1857 lässt sich das Entstehen von „La Paloma“ datieren, ohne dass man die Umstände dieses genialen Wurfs exakt rekonstruieren könnte. Der Baske Sebastián Iradier (auch: Yradier) galt seinerzeit als angesehener Komponist, der mit seinen fröhlich-naiven Liedern Ansehen in Europa genoss und der mit dem von Georges Bizet für „Carmen“ adaptierten „El arreglito“ 1862 einen weiteren Welterfolg schuf. Auf einer Kubareise, so scheint es, brachte er seinen Einfall zu Papier und schrieb „La Paloma“, eine langsame Habanera, deren Text von hoffnungsvollem Partnerglück erzählt und von einer Taube, die als Personifizierung des Liebsten ans Fenster klopft.

Des Habsburgers Henkerslied

Faltin und Schäfler beschreiben, deutlich am Filmdrehbuch orientiert, wie sich dieses Lied rund um den Erdball verbreitete und zu unterschiedlichsten Zwecken mit kühnen Textvarianten versehen wurde, oft fernab von Iradiers Grundidee. Dieser stirbt 1865, ohne von den künftigen Expeditionen seiner Taube etwas zu ahnen. So etwa von dem Echo, das sie in Mexiko auslöste, wohin Maximilian von Habsburg 1864 auf Geheiß Napoleons III. mit seiner Frau Charlotte aufbrach. Seine Amtsgeschäfte als Kaiser von Mexiko waren nicht von Erfolg gekrönt, doch immerhin lernte er, vermutlich durch die Sängerin Concha Méndez, Iradiers Komposition kennen und lieben.

Als sich die politische Situation zuspitzte und ein Bürgerkrieg drohte, kursierten alsbald „La Paloma“-Spottverse, die den österreichischen Kaiser als dürren Esel schmähten. 1867 wurde dieser – eine Schmach für ganz Österreich – standrechtlich erschossen, eine von Edouard Manet in einem berühmten Bild festgehaltene Szene. Natürlich soll es, so die Legende, Maximilians letzter Wunsch gewesen sein, noch einmal sein Lieblingslied von der weißen Taube zu hören.

Die Habanera galt in der Mitte des 19. Jahrhunderts vielen Europäern als verruchter Tanz und erfreute sich nicht zuletzt deshalb bei Musikverlegern großer Beliebtheit. Kräftige „La Paloma“-Spuren lassen sich so bis heute in Tschechien oder im Banat nachweisen, aber auch in Sansibar oder Hawaii eroberte dieses „zwischen Schnulze und Anspruch“ (Klaus Doldinger) lavierende Lied die Gehörgänge. Die Rezeption im deutschsprachigen Raum, die bereits von Rüdiger Bloemeke in seinem Buch „La Paloma. Das Jahrhundert-Lied“ (2005) beschrieben wurde, nimmt einen höchst eigenartigen Gang: 1880 beauftragte der Mainzer Verleger Schott den Orchesterleiter Heinrich Rupp damit, eine deutsche Textfassung zu erstellen.

Eine Taube als Meerestier

Rupp orientierte sich an einer französischen Übersetzung und stellte eine Verbindung her, von der in Iradiers Urfassung keine Rede ist: Mit einem Mal wandelt sich die kubanische Örtlichkeit in eine urwüchsige maritime Szene, die mit deutscher Gefühlsschwere aufgeladen wird: „Auf Matrose, ohe! / In die wogende See! / Schwarze Gedanken, sie wanken / Und fliehn geschwind / Uns wie Sturm und Wind.“

Wie es die Taube, seit jeher Symbol der Liebe, des Friedens oder des Heiligen Geistes, schaffte, zum bekanntesten Tier im Meeresliedgut zu werden, ist rätselhaft. Denn am salzigen Element findet sie in der Regel keinen Gefallen – eine Mésalliance, die dazu führte, dass nicht wenige „La Paloma“-Plattencover in ihrer Not auf geifernde Möwen zurückgriffen. Generationen von Schülern und Männergesangsvereinen arbeiteten sich am Text Heinrich Rupps ab.

Erst 1944 entstand eine konkurrierende Version, als Helmut Käutner für seinen von den Nazis ungeliebten Film „Große Freiheit Nr. 7“ einen Text schrieb, der den nahenden Untergang des Dritten Reichs kaum verhüllt anklingen ließ. In der Interpretation von Hans Albers („Auf, Matrosen, ohè! / Einmal muss es vorbei sein ... / Seemanns Braut ist die See / Und nur ihr kann er treu sein“) wurde „La Paloma“ endgültig zur Hymne des Nordens, zum maritimen Fernwehschmachtfetzen.

"La Paloma" zieht immer

Kein Wunder also, dass im Mai 2004 an den Hamburger Landungsbrücken eine Höchstleitung für das „Guinness World of Records“-Buch erbracht wurde: Unter Anleitung des Obermatrosen Freddy Quinn sangen, so das amtliche Ergebnis, 88.599 Menschen Iradiers Lied – ohne dass sich Tauben an den Ort des wunderlichen Geschehens verirrt hätten.

Ungezählt sind die Einspielungen, die „La Paloma“, diese „Matrosenplatte“ mit dem „damischen Namen“ (Karl Valentin), im Lauf der vergangenen 150 Jahre erfahren hat. Dem Buch sind dankenswerterweise vier der bislang vorliegenden sechs CDs des Trikonts Verlags beigegeben, die es erlauben, beeindruckende wie absonderliche Versionen nachzuhören. Das Spektrum umfasst klassische Aufnahmen von Richard Tauber oder Benjamino Gigli, Jazzversionen von Carla Bley und Coco Schumann sowie Schlageraneignungen von Rosita Serrano, Lieselotte Malkowsky und Caterina Valente.

Spätestens wenn man die Aufnahme einer „unbekannten Harfenistin in der Pariser Metro“ aus dem Jahr 1995 hört, resigniert man vor diesem unbegrenzt wandelbaren Lied. Obwohl dessen Zenit vielleicht überschritten ist, steht zu erwarten, dass die arme Taube noch oft auf Reisen geschickt werden wird. Schlagertexter Georg Buschor brachte das auf eine simple Formel: „Wenn einem nichts mehr einfällt, macht man ,La Paloma’, das zieht immer.“

Meine Sonne, deine Sonne

Zu den nicht wenigen Interpreten, die sowohl „La Paloma“ als auch „'O sole mio“ aufnahmen, zählt Elvis Presley. Hatte er im Musikfilm „Blue Hawaii“ Iradiers Lied zu „No more“ umgeformt, so gelang ihm 1960 mit der englischen Fassung der neapolitanischen Kanzone sein größter Plattenerfolg: „It’s now or never“. Auch hier bestand kaum ein Bezug zu dem, was 1898 ausgerechnet in Odessa an der Schwarzmeerküste entstanden war.

Dorthin hatte es den Komponisten Eduardo Di Capua verschlagen, und weil dieser sich, wie es sich für einen Neapolitaner gehört, sofort nach der Sonne seiner Heimat verzehrte, griff er zu den mitgeführten Versen Giovanni Capurros und kleidete diese in ein anschmiegsames musikalisches Gewand. Worauf der Zauber dieses Liedes letztlich beruht, ist kaum zu sagen. „’O sole mio sta ’nfronte a te!“ (Meine Sonne leuchtet aus deinem Gesicht) – allein neun Mal werden diese Zeilen wiederholt, in einem Textgefüge, das keinen nachvollziehbaren Handlungsstrang aufweist und nichts weiter als die herrliche Lebensfreude gleißender Sonnenstrahlen zu feiern hat.

Paquito Del Bosco, Kanzonenfachmann im RAI-Schallarchiv, zeichnet in manchmal schwerfälliger Diktion nach, wie „’O sole mio“ binnen kurzer Zeit Verbreitung fand. Nicht zuletzt Enrico Caruso war das zu verdanken: 1916 nahm er das Lied in Camden / New Jersey, auf, und als „Idol der italoamerikanischen Kolonie“ nutzte er jede Gelegenheit, seine Zuhörerschaft mit dem Sonnenhymnus zu begeistern. Weniger Glück war dem Komponisten und dem Texter beschieden: Während sich Verleger Bideri an immensen Tantiemen erfreute, verfiel Di Capua dem Lottospiel und sah zu, wie bis zu seinem Tod 1917 seine musikalische Schaffenskraft zunehmend versiegte. Nicht besser erging es Giovanni Capurro, dessen Stern als Journalist bei der Zeitschrift „Roma“ früh sank. 1920 starb er, verarmt und vergessen.

Essen im "'O sole mio"

Wie „La Paloma“ wurde „’O sole mio“ von nahezu allen namhaften Sängern aufgenommen, sei es von Mario Del Monaco, Joseph Schmidt, Fritz Wunderlich oder Jan Kiepura. Die Drei Tenöre oder Andrea Bocelli durften in diesem Aufgebot nicht fehlen, Elvis Presley trug, wie gesagt, entscheidend zur Reanimation bei, und selbstverständlich ließen es sich deutsche Schlagertexter nicht nehmen, Versionen wie Gert Böttchers „Ich komme wieder“ vorzulegen, die für sonnenarme Regionen an Ruhr und Weser geeignet waren. Selbst die Literatur zollte dem Phänomen Tribut: Luis Murschetz und Herbert Rosendorfer veröffentlichten 2001 die von Historikern noch nicht verifizierte Geschichte „O sole mio oder warum die Drei Tenöre immer noch singen“.

„'O sole mio“ ist längst ein Markenbegriff, der sich von seinem Ursprung, der Kanzone, völlig gelöst hat. Ungezählt die Restaurants und Pizzalieferdienste, die unter diesem Namen firmieren, und wer am eigenen Herd Musikbeschallung benötigt, ist mit der CD „Pasta e musica“ gut bedient, auf der sich natürlich eine „’O sole mio“-Einspielung findet. Ein Glück, so möchte man ausrufen, dass die Urheber diese seltsamen Blüten nicht miterleben mussten. Andererseits: Zeigen nicht auch diese Begleiterscheinungen, wie sich der Siegeszug einer Melodie verselbständigt? „Keine Zähne im Mund, aber La Paloma pfeifen“ – sprichwörtlich im Volk verankert zu sein, was kann einem alten Lied Schöneres passieren?

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Sigrid Faltin, Andreas Schäfler: La Paloma. Das Lied. Marebuch, Hamburg. 191 S., 4 CDs (Trikont), 48 €

Paquito Del Bosco: 'O sole mio. A. d. Italien. v. Dieter Richter. Wagenbach, Berlin. 141 S., 15,90 €.