Sido

Ein böser Rapper wird brav

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Foto: sas/mt / DDP

Und dieser Kerl soll jetzt Deutschlands gefährlichster Rapper sein? Ohne seine abgelegte Markenzeichen-Maske sieht Sido, der in Wirklichkeit Paul Würdig heißt, absolut harmlos aus. Im Interview mit Morgenpost Online erklärt Sido, warum er jetzt weicher ist, warum er die Maske abgelegt hat und warum er nicht mehr im Märkischen Viertel wohnt.

Rundes Jungengesicht, Brille, kurze Haare, weiche Züge. Alles in allem wirkt der 27-jährige Rapper Sido ("Mein Block") trotz beeindruckender Tätowierungen eher wie ein Geisteswissenschaftler im Grundstudium. Sein neues Album "Ich & meine Maske" steht jetzt auf Platz 1 der Charts. Wir trafen Sido im Büro seiner Kreuzberger Plattenfirma "Aggro Berlin". Mit Sido sprach Steffen Rüth.

Morgenpost Online: Sido, das ist jetzt Ihre dritte Soloplatte. Wie viel Aufregung und Vorfreude und Anspannung spüren Sie da noch?

Sido: Es wird sogar aufregender. Man muss um jede verkaufte Platte kämpfen und bangen. Aber was die Finanzen angeht, könnte ich eigentlich darauf scheißen, wie viele Alben ich verkaufe. Allerdings sage ich auch: Wenn es zu wenig werden, höre ich auf und verdiene auf andere Weise mein Geld, zum Beispiel beim Pokern.

Morgenpost Online: Sie sind also nicht Rapper aus Leidenschaft, sondern wegen des Geldes?

Sido: Ich liebe die Musik, natürlich. Aber sie nur aus Leidenschaft zu machen, wäre eine brotlose Kunst. Wenn du Geld verdienen willst, dann musst du dich anpassen und dazugehören.

Morgenpost Online: Wer ist denn Ihr bester Ratgeber?

Sido: Meine Mutter. Die hat immer sehr auf mich geachtet. Natürlich, als ich anfing zu kiffen, habe ich ihr das nicht unbedingt auf die Nase gebunden. Aber als sie es dann wusste, ist sie auch locker damit umgegangen. Mutter hat mich ansonsten immer auf die richtige Bahn gelenkt. Ich bin auch sehr empfänglich dafür, was meine Mutter sagt. Ich vertraue meiner Mama bedingungslos.

Morgenpost Online: Fragen Sie sie auch bei deiner Musik um Rat?

Sido: Mama war der erste Mensch, der das neue Album gehört hat.

Morgenpost Online: Wie findet sie es?

Sido: Sie sagt, sie findet es sehr gut. Sehr erwachsen, hat sie mir gesagt.

Morgenpost Online: Viele kritisieren Sie, weil sie denken, dass Sie die Jugend verrohen, speziell in sexueller Hinsicht. Was sagen Sie dazu?

Sido: Das ist natürlich Unsinn. Ich spiegele nur eine Sexbesessenheit wider, die es ja sowieso schon gibt. Die meisten Leute verstehen meine Lieder, weil die genauso drauf sind. Ich meine, wer ist denn nicht geil auf Sex? Ich bin eigentlich nicht anders als die Leute, die meine Musik hören. Aber was die Jugendkriminalität angeht, da möchte ich klar sagen, dass ich nicht der Typ bin, der die Kids dazu anstiftet. Dass es kriminelle Jugendliche gibt, ist wirklich nicht meine Schuld. Ich erzähle in meinen Songs nur, dass es so etwas gibt.

Morgenpost Online: Machen Sie sich Sorgen um Ihren Sohn? Dass er auch an falsche Leute oder auf die schiefe Bahn gerät?

Sido: Mein Sohn hat keine materiellen Nöte, von daher muss er nicht die Jacke von einem anderen Kind klauen, um selbst eine zu haben. Mein Sohn ist wohlbehütet, und vor allem haben seine Mutter und ich immer ein Ohr für ihn. Wir hören ihm zu. Zuhören ist sowieso das Allerwichtigste.

Morgenpost Online: Sind Ihre Texte milder geworden, seitdem Sie mit deiner Freundin Doreen Steinert zusammen sind, der ehemaligen Sängerin der Castingband "Nu Pagadi"?

Sido: Nee. Doreen steht ja auf meine harten Texte. Die fährt ab auf den Bad Boy in mir. Ich denke zumindest, dass es so ist. Ich frage sie das nicht.

Morgenpost Online: Sind Sie stolz auf Ihre Herkunft?

Sido: Ich werde in keiner anderen Umgebung akzeptiert. Ich wohne jetzt in einer besseren Gegend. Die älteren Herrschaften bei mir im Haus, die gucken den tätowierten Jungen schief an. Die trauen mir nicht über den Weg. Ich bin für die ein Rowdy, obwohl sie mich gar nicht kennen. Ich will aber mich gar nicht an die Bonzen anpassen.

Morgenpost Online: Warum wohnen Sie nicht mehr im Märkischen Viertel?

Sido: Geht nicht mehr. Weil es sich rum spricht, wo ich wohne. Ich verrate auch nicht, in welchem Viertel ich jetzt bin. Sonst habe ich wieder die Leute vor meinem Haus, die alle reinwollen.

Morgenpost Online: Wie viel Spaß macht das Berühmtsein?

Sido: Mir war das mal wichtig. Als ich kein Star war, wollte ich unbedingt einer sein. Aber den Rummel, den wollte ich nie. Autogramme geben und den ganzen Scheiß mache ich auch heute noch äußerst ungern. Deshalb trat ich ja früher auch nur mit der Maske auf. Ich wollte die haben, damit ich undercover bleiben konnte. Und meine Plattenfirma fand das als Strategie geil.

Morgenpost Online: Warum haben Sie sie abgenommen?

Sido: Es ging irgendwann nicht mehr. Dieses Rennen, mich ohne Maske zu fotografieren, hat mich wahnsinnig gemacht. Bei manchen Auftritten setze ich die aber noch auf.

Morgenpost Online: Wollen Sie ein Vorbild sein?

Sido: Nein. Ich warne die Leute immer. Ich bin ein schlechtes Vorbild. Sage ich ja auch immer offen. Wer die Sachen nachmacht, die ich mache, der ist doch blöd. Ich bin kein Erzieher, ich bin ein Künstler. Man kann sich aber mein Durchsetzungsvermögen zum Vorbild nehmen. Mein Wille, etwas zu erreichen, der ist schon vorbildlich.

Die CD Sido: Ich und meine Maske (Aggro Berlin)

Das Konzert 21. September, 19.30 Uhr, Postbahnhof Am Ostbahnhof.