"Up in the Air"

George Clooneys neuer Film ist reif für den Oscar

Überall Krise: Beim Filmfestival in Toronto verhandeln die Wettbewerbsbeiträge gesamtwirtschaftliches und privates Scheitern. Hochunterhaltsam macht das vor allem George Clooneys neuer Streifen "Up in the Air", der sich in Toronto als Oscar-Kandidat etabliert.

Foto: Paramount

Solche Gesichter sieht man selten in einem Hollywood-Film. Blass, abgearbeitet, erschöpft und vor allem: entsetzt. "Warum ausgerechnet ich?" fragen die meisten, als sie hören, dass sie nach zehn, 20 oder 30 Dienstjahren ihren Arbeitsplatz räumen müssen. Es sind die Gesichter der Krisenverlierer, mit denen Jason Reitmans "Up in the Air" beginnt.

Menschen, die auch in Wirklichkeit Job und Existenz verloren haben und sich nun für die Kamera noch einmal kündigen lassen. Wie ein Ausrufezeichen wirken diese ersten Minuten, die den Film mit dem verträumt wirkenden Titel fest in der Realität verankern, bevor er seinen Blick auf das unwirkliche Gesicht George Clooneys richtet.

Dabei nimmt "Up in the Air", der beim 34.Toronto International Filmfestival uraufgeführt wurde, eine gezielt unpopuläre Perspektive auf das Thema Wirtschaftskrise ein. Clooney spielt den versierten Mitarbeiter einer Consulting-Firma, die sich auf Kündigungen spezialisiert hat. Sind die Chefs zu feige, die jahrelangen Mitarbeiter zu feuern, fliegt Ryan Bingham ein und erledigt das mit Diskretion und psychologischem Geschick.

Die Wirtschaft kollabiert. Das Geschäft boomt. Aber auch hier drohen Rationalisierungen. Demnächst soll online per Videoschaltung entlassen werden und der Lifestyle des überzeugten Flugmeilensammlers gerät ins Wanken.

Die Krise ist noch zu jung, um sich im träge arbeitenden Hollywoodbetrieb thematisch wiederzuspiegeln. Oliver Stone dreht gerade in New York die Fortsetzung von "Wall Street", der sich explizit mit dem Börsencrash auseinandersetzen wird. Das Drehbuch von "Up in the Air" war schon längst fertig, bevor die Weltwirtschaft ihre Talfahrt aufnahm. Aber Jason Reitman hat sein Skript aktualisiert und mit halbdokumentarischem Material angereichert.

Hochunterhaltsam und ohne moralisches Zeigegefingere verhandelt "Up in the Air" den abgehobenen und entwurzelten Lebensstil des "Corporate America" und spielt sich als intelligentes "Feel Better Movie" in miserablen Zeiten weit nach vorne in die Reihe der Oscarkandidaten.

Auch wenn die Wirtschaftskrise abgesehen von Michael Moores schlichter, aber notwendiger Polemik "Capitalism: A Love Story" nur selten explizit benannt wurde - als Krise männlicher Lebensentwürfe war das Thema in diesem Festivaljahrgang omnipräsent.

Brian Koppelmans und David Leviens "Solitary Man" katapultiert Michael Douglas als ehemals erfolgreichen Autohändler ins ökonomische und gesellschaftliche Abseits, Tim Blake Nelson schickt Edward Norton als angehenden Harvard-Professor nach Oklahoma auf einen Heimaturlaub mit verheerenden Folgen und sogar eine historische Figur wie Charles Darwin wird in Jon Amiels gründlich misslungenem Eröffnungsfilm "Creation" als kriselnde Zombieexistenz vorgestellt, die mit den theologischen Auswirkungen der eigenen Erkenntnisse hadert.

Neuer Streich der Coen-Brüder

Selbst die Gebrüder Coen machen da keine Ausnahme. Auch wenn sie in ihrem neuen Streich "A Serious Man" nicht ohne nostalgische Gefühle in die eigenen Kindheitswelten der jüdischen Gemeinde im Mittleren Westen des Jahres 1967 reisen, laden sie ihrem Helden mit unterhaltsamer Erbarmungslosigkeit tonnenweise Unglück auf die Schultern. Der Mathematikprofessor und Familienvater Larry Gopnik (hervorragend: Michael Stuhlbarg) ist einer, der alles richtig machen will im Leben und doch immer tiefer in den Sog des Schicksals gezogen wird.

Mit ungeheurer Lust am destruktiven Detail und staubtrockenen Pointen richten die Gebrüder Coen einen liebevoll-ironischen Blick auf die jüdischen Lebenswelten ihrer Kindheit. Kein Meisterwerk im Format von "No Country for Old Men", aber eine gelungene und sehr persönliche Kinominiatur.

Während die Herren der Schöpfung im amerikanischen Kino zumeist zum Scheitern verurteilt sind, nehmen die Frauen den Kampf gegen widrigste Verhältnisse auf. In Lee Daniels' "Precious" erringt eine übergewichtige, afroamerikanische Analphabetin, die - gerade einmal 16 - zum zweiten Mal von ihrem Vater schwanger ist und von der Mutter misshandelt wird, ihren ganz eigenen Sieg über die sozialen Verhältnisse.

Um den halben Block ging vor der Roy Thompson Hall Torontos die Schlange der vorwiegend afrokanadischen Filmfans, die vergeblich hofften, noch ein Ticket für die Premiere zu ergattern. Als idealer Oscar-Kandidat in der Obama-Ära wurde "Precious" von der Talkshow-Königin Oprah Winfrey produziert.

"Wir haben die Titten, wir haben die Macht"

Eine starke Frau der ganz anderen Art präsentierte der ebenfalls hochgehypte "Jennifer's Body" von Karyn Kusama. "Wir haben die Titten, wir haben die Macht" ruft Jennifer (Megan Fox) ihrer Freundin bei einem Konzert in einem Provinzpub zu. Kurz darauf wird sie Opfer eines satanistischen Rituals und verwandelt sich in eine High-School-Vampirette, die männliche Teenager im ganz wörtlichen Sinne zum Frühstück isst.

Auch wenn der Film recht effektiv mit den Geschlechterklischees des Horrorfilms jongliert, hätte man von Drehbuchautorin Diablo Cody, die im vergangenen Jahr mit dem Oscar für "Juno" ausgezeichnet wurde, doch etwas mehr Dialogfeuerwerk erwartet.

Ähnliches lässt sich auch für Atom Egoyans neuen Film "Chloe" feststellen, der die fabelhafte Julianne Moore in eine verhängnisvolle Affäre mit einer jungen Prostituierten verstrickt, die eigentlich das Treueverhalten des Ehemannes (Liam Neeson) auf die Probe stellen soll. Trotz optischer Brillanz und hervorragender Schauspielerleistung fällt das erotische Verwirrspiel (frei nach Anne Fontaines "Nathalie") deutlich subtextarmer aus, als man es von dem verschlungenen Geschichtenerzähler Egoyan gewohnt ist.

Von den wenigen deutschen Beiträgen im Programm des Festivals, das schon Caroline Links "Nirgendwo in Afrika" und Florian Henckel von Donnersmarcks "Das Leben der Anderen" den Weg zum Oscar geebnet hat, wurde vor allem Fatih Akins "Soul Kitchen" in der kanadischen Multikulti-Metropole gefeiert. Die Verhandlungen für einen Filmstart in den USA sind noch im Gange.

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