Film

Romy Schneider in der Hölle - jetzt zu sehen

1964 drehte der Regisseur Henri-Georges Clouzot sein größtes Projekt. "L'enfer" wollte das Kino neu erfinden. Mit der 24 Jahre alten Romy Schneider als Star hätte es eine Sensation werden können, aber der Film wurde nie fertig. Jetzt waren erstmals Szenen daraus zu sehen.

Ein unvollendetes Kunstwerk gehört seinem Schöpfer noch viel weniger als ein fertiges; aus mehreren Gründen. Einerseits, weil er seine Vorstellungen nicht umsetzen, ihnen keine endgültige Form geben kann. Vor allem aber, weil die Fantasie des Betrachters es vollends an sich reißt. Nicht von ungefähr war das Fragment während der Romantik ein Gegenstand außerordentlicher Verehrung. Es setzt der Vorstellungskraft keine Grenzen, es kann im Übrigen seiner mythischen Aura nicht mehr widersprechen.

Die Filmgeschichte ist reich an solchen nicht zu Ende geträumten Träumen. Sie steckt voller Phantomfilme, die für Kinoliebhaber zu einem Fetisch geworden sind, der unterstreicht, dass die Sehnsucht ein Grundimpuls des Mediums ist. „L’enfer“ (Die Hölle) von Henri-Georges Clouzot war der Gegenstand des vielleicht legendärsten Gerüchts des französischen Kinos. Seit dem Abbruch der Dreharbeiten im Herbst 1964 war das gedrehte Material unter Verschluss.

Odette und Marcel in der Hölle

Der Film war Clouzots ehrgeizigstes Projekt; zweifellos hätte er seiner Karriere und der seines Stars Romy Schneider eine ganz andere Wendung gegeben. Wie ein Komet ist dieser Film nun wieder aufgetaucht – für einen Nachmittag. Als Hommage zum 100. Geburtstag des Regisseurs wurden Ausschnitte im bis auf den letzen Platz besetzten Auditorium des Louvre in Anwesenheit von Clouzots Witwe Inès und Mitgliedern des damaligen Teams gezeigt.

Im Mittelpunkt des Films sollte ein jungverheiratetes Ehepaar mit den an Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ erinnernden Namen Odette und Marcel stehen. Die Eifersucht, bereits ein zentrales Thema und ein zerstörerischer Impuls in Clouzots „Der Rabe“ und „Die Teuflischen“, wurde in „L’enfer“ zum Gegenstand einer akribischen, klinischen Studie.


Clouzot wollte dem Publikum ungeahnte Innenansichten von Wahn und Besessenheit eröffnen, in denen er mehr von sich selbst preisgab, als ihm bewusst war. Über Monate tauschte er sich intensiv mit dem ehemaligen Psychiater seiner ersten Frau Vera aus, den er nach deren Tod selbst konsultierte, um seine Depression zu behandeln.

15 Stunden abgedrehtes Material

Aber schon vor Drehbeginn schien ein Fluch über dem Projekt zu liegen. Der erste Drehbuchautor erlitt einen Herzinfarkt. Clouzot war depressiv und erschöpft, weil seine Mutter kurz zuvor gestorben war. Der Druck, der auf ihm lastete, war ungeheuer: Er musste nicht weniger als drei Teams überwachen, die gleichzeitig drehten.

Nach etwas mehr als einer Woche wurde jedoch Serge Reggiani, der männliche Hauptdarsteller, ins Krankenhaus eingeliefert. Clouzot musste stehenden Fußes einen Ersatz finden. Jean-Louis Trintignant war der aussichtsreichste Kandidat. Aber bevor er anfangen konnte, erlitt Clouzot einen Herzinfarkt. Die Versicherungsgesellschaft entschied, die Dreharbeiten unwiderruflich abzubrechen. Die Produktionsfirma „Orsay Films“ meldete Konkurs an.

Das gedrehte Material – rund 15 Stunden – lagerte Jahrzehnte lang in 183 Filmbüchsen im Staatlichen Filmarchiv in Bois d’Arcy. Die vollkommen unübersichtliche rechtliche Situation verhinderte bislang Aufführungen.

Die Grenzen des Kinos sprengen

Dank der Hilfe von Inès Clouzot und der Versicherung konnte jetzt der leidenschaftliche Filmsammler Serge Bromberg die Rechte erwerben. Er ist eine jener charismatischen Vermittlerpersönlichkeiten, wie sie nur die französische Cinéphilie hervorbringt: Er besitzt die Gabe, ein breites Publikum mit seinem Enthusiasmus anzustecken, ohne die historische Präzision zu kompromittieren.

Der von der Nouvelle Vague als Klassizist gescholtene Clouzot wagte mit „L’enfer“ einen kühnen Registerwechsel. Die Ausschnitte verraten, dass er ans Erzählkino wie an einen Experimentalfilm herangehen wollte. Er hatte sich von der kinetischen Kunst Victor Vasarelys inspirieren lassen; Karlheinz Stockhausen hatte er für die Musik kontaktiert.

Die vertraute Grammatik des Kinos wollte Clouzot aus den Angeln heben. Auf hundertfache Weise verfremdet er in den Szenen, in denen er den Wahnvorstellungen seines Helden Marcel Ausdruck verleihen wollte, die Realität: Er verbiegt sie, splittert sie auf, die Konturen und Farben scheinen verrückt zu spielen. Wie minuziös er jede Kameraeinstellung vorbereitet hatte, demonstrierte Bromberg an Hand einer Szene, die nach Clouzots Vorgaben montiert ist und in der Marcel misstrauisch Odette in die Stadt folgt. Clouzot hat sie als eine Choreographie der Blicke und des Verbergens inszeniert, in der jede Kamerafahrt zielstrebig auf die Bewegungen der Figuren abgestimmt ist.

Die Sinnlichkeit der Romy Schneider

Die Probeaufnahmen, die er über Monate hinweg mit Romy Schneider machte, sind atemberaubend. Die damals 24jährige strahlt eine ungekannt anzügliche Sinnlichkeit aus. Sie wirkt mitunter so verrucht, als wollte sie mit einem Schlag ihr „Sissi“-Image ablegen. Ihre Gesten, ihr Gang sind von provozierender Freizügigkeit.

In einigen Testaufnahmen werden ihr Gesicht und ihr Körper im Wortsinne zu einer Projektionsfläche: Auf einem Rad hatte Clouzot mehrere Scheinwerfer anbringen lassen, welche die Schauspielerin in rasch wechselnde Farben tauchen.

Dass ihr die Sprache entzogen ist, lässt ihre Figur, ihre Leinwandaura noch mysteriöser erscheinen. Wir glauben zu erraten, was in ihr vorgeht – und kommen ihrem Rätsel doch nie auf den Grund. Dieses Wechselspiel von Entrücktsein und Immanenz machten den Kinonachmitag zu einen einzigartigen Erlebnis. Ein uneingelöstes Versprechen des Kinos schien für Momente wahr zu werden. Aber der Fantasie sind dennoch keine Grenzen gesetzt.