Kino

Der Ausputzer – Clooney in "Michael Clayton"

Er ist ein gerissener Anwalt, der Klagen verhindert. Er hat keine Moral und keine Skrupel. George Clooney spielt "Michael Clayton", einen Mann, der lernt, dass er auf der falschen Seite steht. Tony Gilroys intelligenter Debütfilm ist ein Verschwörungs-Thriller, der keinen Mut macht.


Es war einmal, da entdeckte eine Anwaltsgehilfin namens Erin Brockovich, dass ein Konzern giftiges Chrom ins Grundwasser leitete. Sie überzeugte ihren Kanzleichef, sich des Falles anzunehmen, und am Ende wurde das Unternehmen zu 333 Millionen Dollar Schadensersatz verurteilt.

Erin Brockovich, der reale Fall, und „Erin Brockovich“, der Film, liegen erst ein rundes Jahrzehnt zurück, aber es scheint wie eine Ewigkeit, wenn man „Michael Clayton“ sieht. Wieder gibt es einen Helden im Titel, wieder ein alleinerziehendes Elternteil, und wieder arbeitet es in einer Anwaltskanzlei.

"Ich bin ein Hausmeister, der aufwischt"

Die allerdings ist selbst ein kleiner Konzern. Der bezahlt Horden von Advokaten, und die sind nicht damit beschäftigt, Großkonzerne zu verklagen, sondern sie vor Klagen zu schützen. Sie leisten sich einen „Ausputzer“, der mit Geldbündeln im Koffer unterwegs ist und inoffiziell regelt, was auf offiziellem Weg nicht zu regeln ist.

Er ist die zivilisierte Version von Harvey Keitel in „Pulp Fiction“. Dieser pflegte sich so einzuführen: „Mein Name ist Winston Wolfe. Ich löse Probleme. Du hast eine Leiche in deinem Auto, ohne Kopf, in der Garage. Bring mich hin.“ Michael Clayton ist gleich effektiv, aber bescheidener. „Ich bin kein Wundertäter“, sagt er einem Klienten, der Fahrerflucht begangen hat. „Ich bin ein Hausmeister, der aufwischt.“

Michael Clayton, das ist so sehr George Clooney wie Julia Roberts einst Erin Brockovich. Er bringt den Clooney-Nimbus ein, trägt den gedeckten Anzug, die geschmackvolle Krawatte, ist gut rasiert, fährt Mercedes – und doch scheint er die Fassade nur aufzubauen, damit sie bröckeln kann.

George Clooney braucht die Krise

Vergangenes Jahr wurde bei einer Aids-Gala ein Clooney-Kuss noch für 350.000 Dollar versteigert, doch George zählt nun 46 Lenze, und das ist der Zeitpunkt, an dem männliche Stars ihrem Glamour-Image selbst ein paar Kratzer beifügen müssen, bevor das Alter dies besorgt. Für weibliche kommt dieser Moment ein Jahrzehnt früher, und Julia Roberts tat gut daran, als Erin Brockovich früh zu diversifizieren.

Dieser Clayton ist geschieden, hat seinen Sohn an Samstagen zu Besuch, muss fix 75.000 Dollar für den verschuldeten Bruder auftreiben und pokert illegal in Chinatown. Clayton ist kein Mensch, der automatisch das Richtige tut. Sein moralischer Kompass ist durch zu langes Verweilen in Designer-Büros und holzgetäfelten Clubs ins Kreiseln geraten. Es braucht die Krise, um ihn wieder einzunorden.

Die bricht aus, als Clayton Ausputzer für einen Kollegen spielen soll. Arthur Edens hat jahrelang den Chemiegiganten U/North betreut, der wissentlich die Umwelt verschmutzt haben soll. Nun jedoch sind ihm Unterlagen in die Hände geraten, die beweisen, dass U/North schuldig ist – und Edens spielt nicht mehr mit. Clayton soll ihn wieder auf Kurs bringen. Doch der Ausputzer ist selbst ins Zweifeln geraten.

Ein erstaunliches Regiedebüt

Das Bild der Krise ist allgegenwärtig in Tony Gilroys erster Regie. Der Sohn des Bühnenautors Frank Gilroy – der schrieb für Elizabeth Taylor und Warren Beatty „Das einzige Spiel in der Stadt“ und für Shirley MacLaine „Verzweifelte Menschen“ – hat Hollywood zehn Jahre lang Drehbücher geliefert, darunter die „Bourne“-Trilogie.

Das Beste scheint er mit „Michael Clayton“ für sich selbst aufgehoben zu haben, denn es bringt die alte Geschichte vom kompromittierten Helden, der sich besinnt, auf den neusten Stand. Das bedeutet: statt einer Kleinkanzlei ein Anwaltsunternehmen, statt einer neutralen Position im Rechtsprozess eigene wirtschaftliche Interessen und statt eines Chefs mit Jagdinstinkt (Albert Finney in „Erin Brockovich“) ein Anwaltsunternehmer (Regisseur Sydney Pollack in einer seiner willkommenen Rollen vor der Kamera), dessen größter Ehrgeiz darin besteht, sich großzufusionieren. Es geht zuerst ums Player-Sein, dann um Recht.


Der Anwaltsfilm, lange Territorium unverdrossener Einzelkämpfer, ist mit „Michael Clayton“ in der Konzernära angekommen. In der ist für eigenwillige Wege kein Platz mehr und für Männer mit unruhigem Gewissen sowieso nicht. Und so erlaubt uns George Clooney, seinen Zerfall zu beobachten: die Linien, die sich ins unrasierte Gesicht schleichen, die ergrauenden Strähnen, die dunklen Augenringe. Es ist immer noch ein attraktives Zerfallen, dafür sorgt der Kameramann Robert Elswit, der ihn zum dritten Mal in einer ähnlichen Rolle – nach „Good Night and Good Luck“ sowie „Syriana“ – fotografiert hat.

Es ist kein Film mit Botschaft

Das ist nicht mehr der „Hey, was kostet die Welt“-George aus den „Ocean“-Filmen. Auch das Spielerische des Geschlechterkampfes mit Catherine Zeta-Jones aus seiner anderen Anwalts-Rolle in „Ein (un)möglicher Härtefall“ ist gewichen. Dieser Ausputzer ist nicht schockiert von der Korruptheit um ihn herum, er hat nur genug davon. Michael startet keinen Kreuzzug wie Erin, sondern versucht, dem Schlamassel heil zu entgehen. Das stellt sich als so lebensgefährlich heraus wie in „Syriana“, wo er von einer Rakete seiner früheren Chefs getötet wird; hier geht der Mercedes im Feuerball einer Autobombe auf.

„Michael Clayton“ erinnert an das New Hollywood der Siebziger mit seinen Medien-, Politik- und Verschwörungsthrillern; Tom Wilkinson spielt den außer Kontrolle geratenen Arthur Edens wie einst Peter Finch den zornigen Propheten Howard Beale in „Network“. Was „Clayton“ von „Network“ oder den „Drei Tagen des Condors“ oder den „Unbestechlichen“ unterscheidet, ist dies: Damals erhofften wir aus Empörung noch Besserung, heute trauen wir Konzernen und Liechtensteinflüchtigen und Geheimdiensten jede Schlechtigkeit zu.

Insofern ist „Michael Clayton“ kein Film mit Botschaft, weil die längst auf zynische Ohren stößt. Aber es ist ein Film, der Zeugnis davon ablegt, dass Clooney wohl der intelligenteste Star ist, der dieser Tage im Filmgeschäft arbeitet.