Interview

Markus Kavka ist schon wieder der Älteste

| Lesedauer: 11 Minuten
Antje Hildebrandt

Foto: ddp / DDP

Er galt als der letzte Mohikaner bei MTV. Dann schickte der ehemalige Musiksender seinen dienstältesten Moderator aufs Altenteil. Jetzt soll Markus Kavka ausgerechnet dem ZDF helfen, das Publikum zu verjüngen. Im Interview mit Morgenpost Online spricht er über die Kunst, mit dem Zweiten besser zu sehen.

Morgenpost Online: Herr Kavka, bei MTV galten Sie mit 41 Jahren schon als der Betriebsopa. Müssen Sie jetzt beim ZDF als Berufsjugendlicher herhalten?

Markus Kavka: Nein, die Leute, mit denen ich jetzt zusammenarbeite, sind so Anfang 30. Es ist ein bisschen wie bei MTV: Ich bin schon wieder der Älteste.

Morgenpost Online: Das klingt, als seien Sie es langsam Leid, diese Rolle zu spielen.

Kavka: Nee, gar nicht. Ich war ja auch schon alt, als ich 2000 bei MTV angefangen habe – mit 33 Jahren. Mich hat das nicht gestört. Ich war ja kein Teenie-Club-Show-Moderator, der mit bunten Klamotten durch bunte Kulissen gesprungen ist. Ich hatte ein musikjournalistisches Fundament. Die MTV-News waren der Versuch, seriösen Musikjournalismus zu machen – mit den entsprechenden Zwischentönen in der Moderation.

Insofern hätte ich mir für mich vorstellen können, da auch noch ein Weilchen weiterzumachen. Musikjournalist, das ist ein Job, den kann man bis ins hohe Alter machen.

Morgenpost Online: Außer bei MTV. Oder hat Sie die Kündigung tatsächlich überrascht?

Kavka: Am Anfang war ich schon geschockt. Die Hauptsendungen verschwanden innerhalb von einer Woche. Ich hatte gedacht, dass man das alles ein bisschen entspannt ausklingen lassen kann bis Ende des Jahres.

Morgenpost Online: Haben Sie Panik bekommen?

Kavka: Panik würde ich es nicht nennen. Es gab schon vorher Angebote von Sendern, die ich aber immer abgelehnt habe, weil ich ja bei MTV vollzeit beschäftigt war.

Morgenpost Online: Zum Beispiel?

Kavka: In der Popstars-Jury bei Pro Sieben aufzutauchen. Aber das wäre kein Job für mich gewesen. Ich hatte schon eine ungefähre Vorstellung, in welche Richtung es gehen könnte: Eher öffentlich-rechtlich als bei irgendeinem Privatsender.

Morgenpost Online: Warum?

Kavka: Es wäre nicht mein Ding gewesen, in irgendwelchen Chartshows herumzuturnen, zusammen mit Leuten, die nur noch von ihrem C-Prominententum leben. Ich habe mich nie als Entertainer gesehen, sondern immer als moderierender Redakteur.

Morgenpost Online: Weshalb Sie Anfang 2008 einen Auftritt in der Talkshow „Maybrit Illner“ genutzt haben, um den Sender an seinen Bildungsauftrag für Jugendliche zu erinnern – und sich selber als Moderator zu empfehlen.

Kavka: Das hätte ich mir nicht angemaßt. Wenn ich wüsste, wie man junge Zuschauer bindet, könnte ich gleich ZDF-Intendant werden. Ich wollte dem Sender eher kleine Impulse geben. Sagen, was man im Wahljahr machen könnte, um junge Menschen für Politik zu erwärmen.

Morgenpost Online: Was stört Sie denn an der politischen Berichterstattung im ZDF?

Kavka: Dass Politik auf eine Art und Weise passiert, die große Teile der Bevölkerung ausgrenzt – sei es aus Alters- oder aus Bildungsgründen. Da ist für mich dann dieser Grundversorgungsauftrag gefährdet, bzw. nicht erfüllt.

Es ist nicht damit getan, Politiker von einer Talkshow in die andere zu karren, damit die da ihre Parolen wiederkäuen. Es fehlen die Typen, um Politik gerade jungen Menschen nahezubringen. Es ist ja nicht so, dass die alle politikverdrossen sind.

Morgenpost Online: Diese Erfahrung haben Sie ausgerechnet bei MTV gemacht?

Kavka: Auch. Es gab bei MTV immer so genannte Social-Awareness-Programme. Da ging es zum Beispiel um die Europa-Wahl. Dann gab es die Staying-Alive-Konzerte, die das Bewusstsein für AIDS wecken. An dem Zuspruch darauf habe ich gemerkt, dass sich junge Menschen sehr wohl für gesellschaftliche und politische Probleme interessieren. Deshalb habe ich auch dieses Gegen-Rechts-Blog gegründet: den Störungsmelder.

Morgenpost Online: Ende April hat der ZDF Infokanal die Premiere von „Kavka“ gezeigt – live aus einem Kreuzberger Club, in dem Sie sonst Platten auflegen. Es ging um das Thema Arbeit. Für wen war der Kulturschock größer: für das ZDF – oder für Sie?

Kavka: Weder noch. Ich hatte auch den Fehler gemacht, dass man das ZDF als einen Kanal sieht, der journalistisch zwar hochkompetent ist, der aber ein bisschen gesetzterer Natur ist. Dass die Menschen, die da arbeiten, vielleicht gar nicht wissen, wer ich bin. Geschweige denn, irgendwann mal MTV geguckt haben. Das ist aber falsch.

Die Leute, mit denen ich die Sendung zusammen gemacht habe, die könnte man 1:1 zu MTV verfrachten. Die sind größtenteils sogar jünger als ich und haben auch eine ganz konkrete Vorstellung davon, wie man den Laden wieder verjüngen könnte.

Morgenpost Online: Stimmt, sogar das Publikum erinnerte an MTV. Lauter kreative Freiberufler, die so aussahen, wie sich der ZDF-Zuschauer den hippen Berlin-Mitte-Bürger vorstellt.

Kavka: Na klar haben wir alle unsere Freunde eingeladen, mich selber eingeschlossen. Aber gut die Hälfte der Gäste hatten sich beworben. Zufälligerweise war das genau die Klientel, die wir ansprechen wollten.

Morgenpost Online: Wen?

Kavka: Leute zwischen Anfang zwanzig bis Mitte vierzig. Politisch interessiert. Die Bildung möchte ich gar nicht so sehr in den Vordergrund stellen. Aber wenn so ein gewisses politisch-gesellschaftliches Interesse da ist, kann man schon aus so einer Sendung was mitnehmen.

Morgenpost Online: Vorausgesetzt, man kann den ZDF-Infokanal empfangen.

Kavka: Für das ZDF ging es darum, herauszufinden, ob man sich das irgendwann mal im Hauptprogramm vorstellen kann. Es war ja schon eine bewusste Entscheidung, den Piloten live zu senden. Wir wollen irgendwann eine Zuschauerbeteiligung über Skype haben. Man muss der Tatsache Rechnung tragen, dass die Informationsbeschaffung bei Leuten unter 30 Jahren in erster Linie über das Internet funktioniert.

Morgenpost Online: Sie selber besitzen angeblich erst seit zwei Jahren einen Laptop. Was sieht das ZDF in Ihnen, dass man Ihnen zutraut, die Brücke zur Jugend zu schlagen?

Kavka: Ich glaube, da geht es gar nicht so sehr darum, dass ich einen Computer auseinander- und wieder zusammenbauen kann. Es geht eher darum, eine Ansprache zu finden. Ich bin auf dem Stand eines normalen Typen, der zwar schon mit dem Internet arbeitet, der aber relativ spät darauf gekommen ist, da selber mal was reinzustellen.

Morgenpost Online: In dem Spot aus der Reihe „Mit dem Zweiten sieht man besser ...“ in dem Sie für das ZDF werben, kratzen Sie sich so verschämt an der Augenbraue, als wollten Sie sagen: Dass ich da mal landen würde, hätte ich selber nie gedacht.

Kavka: Ich fand die Dreharbeiten tatsächlich ein bisschen absurd: Plötzlich habe ich eine Geste gemacht, die sonst nur die Großen machen.

Das Verschämte kam ein bisschen dadurch, dass der Sender Versatzstücke aus dem Dreh zusammengeschnitten hat. Man muss dazu wissen, dass bei dieser Geste nichts dem Zufall überlassen wird. Man wird auf einer DINA4-Seite genau instruiert: Wann kommt die Hand hoch? Wie wird die genau positioniert? Und wenn man es dann noch nicht gecheckt hat, dann gibt es auch noch eine VHS-Kassette, auf der Peter Hahne diese Geste Stück für Stück vormacht.

Morgenpost Online: Spätestens da hatten Sie die noch Gelegenheit gehabt, zu überlegen: Bin ich hier richtig.

Kavka: Nee, gerade das fand ich lustig. So eine gewisse Ernsthaftigkeit, mit der Dinge beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen gepflegt werden. Nächste Woche moderiere ich mit Steffen Seibert zusammen die Verleihung des Bayrischen Fernsehpreises. Da habe ich es mit Leuten zu tun, die sehr genau wissen, was sie tun. Das ist für mich eine sehr komfortable Situation. Bei MTV habe ich alles selber gemacht und selber entschieden.

Morgenpost Online: Ist das nicht viel reizvoller?

Kavka: Einerseits schon. Andererseits kann stößt man schnell an eine Grenze: Man kann nicht alles selber machen.

Morgenpost Online: Was hat denn bei MTV nicht funktioniert?

Kavka: Die Produktionen sind deutlich geringer budgetiert. Wenn man bei großen Produktionen wie „Rock am Ring“ tagelang von neun Uhr morgens bis zwei Uhr nachts vor der Kamera steht und sich um noch selber darum kümmern muss, dass die Bands rechtzeitig zum Interview da sind, geht man auf dem Zahnfleisch. Dann weiß man, warum das ZDF für eine dreiviertelstündige Sendung drei Trucks mit 50 Leuten losschickt. Und warum die zehn, fünfzehn Leute bei MTV nie ausreichen.

Morgenpost Online: Und jetzt können Sie es sich auf der ZDF-Versorgungscouch bequem machen. .

Kavka: Nee, gar nicht. Es ist ja nicht so, dass ich bis zu meinem 67. Lebensjahr versorgt bin, weil ich für die einen Piloten machen durfte. Mir geht es einfach darum, Sachen auszuprobieren, die ich bisher nicht machen konnte.

Morgenpost Online: Wie sieht denn Ihr Vertrag mit dem ZDF aus?

Kavka: Der ist nur projektbezogen. Nach der Verleihung des Bayrischen Fernsehpreises kommt im Juni die Europawahl, dazu mache ich eine weitere Ausgabe von „Wahl im Web“. Dann im August die nächste Ausgabe zu den Landtagswahlen und im September zur Bundestagswahl.

Morgenpost Online: Hat Ihre Oma die ZDF-Sendungen angesehen?

Kavka: Nein, die ist schon lange tot. Aber die ganze Familie hat vor dem Fernseher gesessen. Die waren ganz aus dem Häuschen, weil ich neben dem ZDF-Logo saß.

Morgenpost Online: Wahrscheinlich haben sie gedacht: Endlich macht der Junge was Seriöses.

Kavka: Ähm, meine Eltern haben schon gedacht, dass das ein nächster Schritt sein kann ...

Morgenpost Online: ...in welche Richtung?

Kavka: Weg von der teenager-bezogenen Musik-Unterhaltung. Die Reise geht eher in eine gesellschaftlich-politische Richtung.

Morgenpost Online: Auf die Zigarette, die Sie sich am Ende der ersten Folge „Kavka“ angezündet haben, müssen Sie dann aber wohl verzichten. .

Kavka: Da wäre ich gar nicht so sicher. Ganz und gar nicht. Die sind da sehr entspannt.