Late Night

Deutsch-türkische Aufsteigergeschichten

| Lesedauer: 6 Minuten
Johanna Merhof

Foto: sv / dpa

Der Dokumentarfilm "Türkisch – Deutsch – Erfolgreich" erzählt vier Karrieren türkischstämmiger Migrantenkinder. Der Film macht Hoffnung, auch wenn er manchmal in eine allzu harmonische Stimmung abgleitet. Zum Glück bringt Schriftsteller Feridun Zaimoglu Tempo in die Doku.

In Deutschland leben 2,6 Millionen Türken und türkischstämmige Deutsche und bilden damit die größte Bevölkerungsgruppe unter den Migranten. Doch das Image der Türken ist nach wie vor eher schlecht. Der Dokumentarfilm „Ganz oben: Türkisch- Deutsch- Erfolgreich“ von Neco Celik setzt ganz bewusst auf positive Gegenbeispiele und erzählt anhand von vier Karrieren deutsch-türkische Aufsteigergeschichten.

Der Blick richtet sich zu Anfang ganz nach oben. In den blaublauen Himmel mit weiß dahin getupften Zuckerwattewölkchen. Eine ironische Anspielung auf die jederzeit drohende Gefahr, den Boden unter den Füßen zu verlieren? Oder eine Verortung der vier vorgestellten Menschen, die in ihrem jeweiligen Metier zur Meisterschaft gelangt sind? Neco Celik porträtiert den Schrifsteller Feridun Zaimoglu, den Musikproduzenten Mousse T., den Sternekoch Ali Güngörmüs und die Unternehmerin Kadriye Cigir- ganz ohne Kommentare aus dem Off. Es sind vor allem Geschichten über die genutzte Chance, sich mit Selbstbewusstsein, Disziplin, Talent und Leidenschaft über soziale und kulturelle Grenzen hinwegzusetzen und über sich hinauszuwachsen. So unterschiedlich diese vier Menschen auch sein mögen: Sie alle haben für ihren Erfolg gekämpft. Sie alle leben heute gerne in Deutschland und sagen das auch.

Ist Deutschland heute gar ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten? Wohl kaum, denn bekanntlich herrscht in den Köpfen vieler Deutschen immer noch das Bild vom geduldeten Gastarbeiter, die Klischees sitzen tief. Viele Türken verschanzen sich in einer Parallelwelt, sind nur mäßig integriert und haben schlechte Bildungschancen. Celiks konsequent positiver Blick ist guter Ansatz. Diese interkulturellen Vorreiter sind ein Paradebeispiel für eine moderne Gesellschaft der Weltbürger.

Zaimoglu redet gegen das Kuschelgefühl an

Gegen das Kuschelgefühl gibt es zum Glück Zaimoglu: Der Schriftsteller, der einst als Malcolm X der Literatur Furore machte und sich inzwischen als gefeierter deutscher Autor einen Namen gemacht hat, posiert am Kieler Hafen. Sonnenbrille, Zigarette, lässiges Grinsen. Ein Ausnahmetalent oder ganz profan: ein cooler Hund. Schnitt in seine Wohnung. Er sagt: „Man kann von mir erwarten, dass ich als Deutscher der deutschen Sprache mächtig bin. Dieses Land als mein Land ansehe. Doch ich mache keinen Hehl daraus, dass der Begriff Integration Ekelgefühle in mir hervorruft.“

In diesem Moment wünscht sich der Zuschauer einen Interviewer, der nachhakt. Stattdessen sehen wir Porzellanfiguren- später Gartenzwerge. Ein selbstironischer Umgang mit dem Inbegriff deutscher Spießigkeit. In einer anderen Szene befreit Zaimoglu seinen Sammlerstolz von Staubflöckchen. Ein Bild für die Götter.

Zaimoglu hat einen entspannteren Blick auf Deutschland als so mancher Deutsche: “Dieses Land hat mich zu dem gemacht, was ich bin, meinen Eltern habe ich es zu verdanken, Gott habe ich es zu verdanken. Außerdem bin ich einer, der gerne flitzt. Einer, der gerne kämpft. Um Poesie, um Vorankommen. Ich glaube, Deutschland macht solche Vögel wie mich erst möglich.“ Dennoch: Bloß als Mann der Kunst betrachtet zu werden und nicht erstmal als Mensch fremder Herkunft, sei nicht drin.

Wir sehen Mousse T. im Studio, seine Plattenerfolge zieren die Wand. Er sagt: „Man definiert sich über Erfolg. Als ich für den Grammy nominiert war, haben die Deutschen gejubelt: Einer von uns holt den Grammy. Die Türken haben jedoch dasselbe gesagt. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass ich zwischen zwei Welten pendele.“ Eigentlich sollte Mousse T. Arzt werden wie sein Vater. Er hat Abitur gemacht und studiert, bevor die Musik sein Beruf wurde. Sein Vater konnte kein Wort deutsch als er nach Hagen kam, um als Arzt zu arbeiten. Vor dessen Leistung hat Mousse T. tiefen Respekt. „Das hat mir gezeigt, dass Sachen möglich sind.“ Er findet, dass Menschen aus mit gemischtem kulturellem Background oftmals kreativer seien: „Die denken nicht so klein, ihre Eltern denken nicht so klein.“ Die Porträtierten eint das Wissen, dass sie als Deutsch-Türken auch für weniger erfolgreiche Migranten und Migrantenkinder sprechen.

"Von nix kommt nix"

Auch Ali Güngörmüs wird daher nicht nur als Sternekoch gefeiert, sondern auch als einer, der mit zehn Jahren nach Deutschland kam und die Sprache nicht beherrschte. Und in atemberaubender Geschwindigkeit zu den Besten seines Fachs avancierte. Er findet: Von nix kommt nix. Er kann es schwer verstehen, wenn Migrantenkinder, die hier geboren wurden, ihre Lehrstelle nicht beenden. Das ist eben Einstellungssache, meint Güngörmüs.

Kadriye Cigir hat den Traum einer gelungenen Integration eines Gastarbeiterkindes gelebt. Sie machte Abitur und studierte BWL. Zu Hause übernahm sie dabei den Part einer Dolmetscherin und setzte sich dabei auch für junge unterdrückte Frauen ein. Heute ist sie eine erfolgreiche Unternehmerin, sie kann sich die Topjobs auswählen. Sie sagt: „Ich wollte immer reisen können und persönliche Freiheit haben. Beides ist wahr geworden.“

Immer wieder fährt Celik mit der Kamera in den Himmel, filmt kreisende Möwen. Erfolg verleiht Flügel- lernen wir.

Die treffendsten, kritischsten Worte findet Zaimoglu, der für die Art wie er lebt, schreibt und liebt, offensichtlich brennt. Er erzählt von dem problematischen Schicksal der Migranten zweiter Generation, seiner Generation, deren Eltern oftmals wieder in die Türkei zurückkehren wollten: „Sie hatten da ein Häuschen gekauft. Es gab das gelobte Land und hier nur schlammigen Boden. Man kann auszurutschen, klar, doch es gibt nur eine Möglichkeit herauszukommen: Man kämpft. Jede Stunde, jeden Tag. Man kämpft um die Sprache. Sprache ist dann nicht nur dein Büchsenöffner, es ist dein Vehikel, deine Kriegswaffe. Damit eroberst du die Leute. Man muss doch bitteschön ‚Ich liebe dich’ sagen können.“ Allerdings. Zaimoglus Leidenschaft ist ansteckend. Zum Abspann explodiert ein Feuerwerk im Nachthimmel. Kurz ist man wieder überzeugt: Anything goes, auch ein faires Miteinander der Kulturen.

Die Sendung läuft heute Nacht nochmal um 0.45 Uhr in der ARD