Omer Fast

Wahlberliner gewinnt Preis der Nationalgalerie

Der Medienkünstler Omer Fast hat den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst erhalten. Der in Jerusalem geborene Wahlberliner konnte die mit 50.000 Euro dotierte Trophäe mit nach Hause nehmen. Fasts Film-Dreiteiler beschäftigt sich mit politischen Themen - einem reichen Afrika etwa, das keine europäischen Flüchtlinge aufnehmen möchte.

Foto: Sergej Glanze

Es ist vollbracht. Der fünfte Berliner Preis der Nationalgalerie für junge Kunst, der bedeutendste seiner Art, ist in festen Händen: Der in Jerusalem geborene und in Berlin lebende Medienkünstler Omer Fast erhielt die mit 50 000 Euro dotierte Trophäe: ein von Joseph Beuys 1968 signiertes Holzkistchen.

Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann überraschte bei der Gelegenheit sogar mit der Ankündigung einer Kooperation mit der Deutschen Filmakademie.

So war es denn auch Filmschauspielerin Jasmin Tabatabai, die den Abend der feierlichen Preisverleihung im Hamburger Bahnhof moderierte. Als stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Filmakademie verkörpert Tabatabai beides: Glamour und Köpfchen. Zunächst aber lobte Bernd Neumann, Staatsminister für Kultur und Medien, vor rund 900 geladenen Gästen die "rasante Entwicklung" der Stadt und ihrer Museen. Am Aufstieg Berlins habe auch der Verein der Freunde der Nationalgalerie, jener honorige Förderkreis, der den Preis auslobt, wesentlichen Anteil: mehr als 55 Millionen Euro gaben die Mäzene in den vergangenen 20 Jahren für Kunst-Ankäufe aus.

Auch der Sponsor des zweijährlich vergebenen Preises, ein Autohersteller, sagte weiteres Engagement zu - ausdrücklich für "Streitbares". Zumal Jury-Mitglied und Hausherr Udo Kittelmann betonte, dass kaum ein anderer Preis so polarisiere wie dieser. Das betraf auch die Arbeit der fünfköpfigen Preis-Jury. Sie begann ihre Sitzung am Tag der Verleihung um 14 Uhr. Um 16 Uhr stand es noch "unentschieden", man besuchte nochmals die Ausstellung der zur Wahl stehenden Werke. Erst gegen 18 Uhr einigte man sich schließlich.

Gewinner-Arbeit wird angekauft

Für Gabriele Knapstein, als Kuratorin des Hamburger Bahnhofs in der Jury, lohnte die Mühe. Da die Hälfte des Preisgeldes dem Ankauf der Gewinner-Arbeit dient, hat Knapstein jetzt ein spannendes Werk mehr zur Auswahl, wenn sie Ausstellungen plant. Sie schätzt Omer Fasts Arbeit als "ein Konzeptstück, das moralische Konfliktfelder berührt". Die offizielle Jury-Begründung trug Christine Macel, charmante Direktorin des Pariser Centre Pompidou - Musée national d'art moderne, vor: "Omer Fasts Projekte zeichnen sich durch eine virtuose Auseinandersetzung mit dem Medium Film aus."

Denn Fast kreiert in seinem filmischen Dreiteiler "Nostalgia" eine Meta-Ebene, auf der die Protagonisten das Werk besprechen. Das ist aber nicht alles: Der Künstler arbeitet mit harten Gegensätzen. So erzählt ein nigerianischer Flüchtling aus dem Off, wie man ihn mit 15 Jahren zum Krieger machte. Zeitgleich zeigt der Monitor, wie ein britischer Förster aus einem Baumtrieb eine Falle bastelt.

Im nächsten Film besprechen zwei Akteure das Vorhaben Fasts, zum Thema Migration ein Werk zu schaffen. Der dritte Film ist Satire: Afrika als Hort des Wohlstands zeigt sich unwillig, einen europäischen Flüchtling aufzunehmen. Das ist pikant, drastisch und politisch - auch Christina Weiss, Vorsitzende der Freunde der Nationalgalerie, hätte diese Arbeit gewählt, sagte sie auf Nachfrage.

Und auch der junge Künstler überzeugt. Omer Fast, 1972 geboren, ist ein schüchterner Mann, der sich oft an die nachdenklich gefaltete Stirn fasst. Bevor er etwas sagt, blitzen hinter der Harry-Potter-Nickelbrille intelligent die Augen auf, dann kommen bescheidene Sätze wie: "Es war wichtiger für mich, bei der Ausstellung dabei zu sein, als jetzt den Preis zu haben." Er spricht fließend deutsch, lebt seit acht Jahren in Berlin - und kam der Liebe wegen in die Stadt. "Ich traf meine Freundin in New York und folgte ihr nach Berlin", lächelt er. Belastet es ihn mitunter als Juden, in Berlin zu leben, weil es auch die Hauptstadt des Holocaust war? "Der Gedanke spielt keine aktive Rolle", meint er, die Stirn runzelnd. Auszuschließen sind Gefühle, auch gemischte, aber nie.

Gemischte Gefühle gab es auch bei den drei verbliebenen Nominierten, von denen die aus Tel Aviv stammende Keren Cytter vielen als Favoritin galt. Sie ergänzt psychologisch-skurrile Filme mit Zeichnungen, während sich die Stuttgarterin Annette Kelm mit verschiedensten Motiven der Fotografie widmet. Danh Vo, aus Vietnam stammend, zerlegte für seine Installation einen historisch belasteten Kronleuchter, um die Beziehungen zwischen den USA und Vietnam zu thematisieren. Für den Bezug zu Europa bestückte er einen Dachgarten mit bestimmten Pflanzenarten. Rückblickend fragt man sich, ob Kelm und Vo es schon deshalb schwer hatten, weil sie nicht mit dem Medium Film arbeiten. Immerhin wird der Einstieg der Filmakademie in die Ausschreibung des Preises einen Einschnitt bedeuten.

Der Hauptgewinner dabei wird wohl Berlin sein, als Metropole des Films wie der Kunst. Es ist die Verbindung zweier wichtiger Felder der deutschen Kultur, aber es dürfte eine komplizierte Ehe werden. Zu verdanken ist sie der "Lobbyistin für Kunst" Christina Weiss. Sie war in ihrer Zeit als Vorgängerin von Bernd Neumann, als Staatsministerin für Kultur, maßgeblich federführend bei der Förderung des neuen deutschen Films.

Der Hauptgewinner heißt Berlin

Dazu befragt, sagt Weiss: "Die Kooperation ist noch ganz neu und befindet sich im Planungsstadium." Es gehe um eine Verzahnung von Kunst und Film, aber wie diese im Detail aussehe, könne man noch nicht sagen. "Vielleicht wird es zwei Preise geben", meint Weiss. Der bereits vorhandene Schwerpunkt des Filmischen in der bildenden Kunst wird jedenfalls weiter unterstützt, hinzu kommt ein nicht unwesentlicher Pop-Faktor. Und Jasmin Tabatabai ist nächstes Mal vielleicht schon in einem gekrönten Werk dabei.