40 Jahre Tatort

Günter Lamprecht - ein Maigret für Neukölln

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Foto: Reto Klar

Morgenpost Online feiert 40 Jahre Tatort und Günter Lamprecht liefert eine Liebeserklärung an "seinen" Berliner Kommissar.

Im November wird der „Tatort“ 40 Jahre alt. Anlass für die Berliner Morgenpost, schon ab dem 14. September eine DVD-Box mit sechs spannenden Berlin-Krimis zu präsentieren. Der Kommissar, der als erster im Gesamtberliner Raum ermitteln durfte, war Günter Lamprecht als Franz Markowitz.

Am Sonnabend wird der Mann, der als Franz Biberkopf in der Fassbinder-Serie „Berlin Alexanderplatz“ berühmt wurde, drei seiner Tatorte in Berlin Open-air zeigen. Natürlich am Alexanderplatz. Darunter auch sein „Tatort“-Einstand „Tödliche Vergangenheit“, der auch in der Morgenpost-Box zu finden ist. Peter Zander hat sich aus diesem Anlass mit dem 80-jährigen Schauspieler getroffen – in dem Kiez, in dem er damals ermittelte.

Morgenpost Online: Herr Lamprecht, wieso treffen wir uns gerade hier, an der Oranienburger Straße?

Günter Lamprecht: Wir hatten sehr viele Motive in diesem Gelände, zwischen August-, Linien- und Oranienburger Straße. Ich fühle mich hier auch zuhause. Ich bin am Michaelkirchplatz groß geworden. Da drüben, Oranienburger, Ecke Friedrichstraße, habe ich schon als kleiner Junge in einem Boxclub trainiert. Bei den letzten Kriegshandlungen, die hier stattfanden, hat man mich noch als Pimpf eingesetzt.

Morgenpost Online: Und es war Ihnen wichtig, diese Orte auch in den „Tatort“ einzubinden?

Günter Lamprecht: Mein Hauptanliegen war, dass ich bei meinem Kommissar meine eigene Geschichte mit einbringen konnte. Ich habe mich immer auf mein eigenes Erleben berufen. So meine ich ohne viel Eitelkeit, dass diese Figur sehr – jetzt sage ich das fürchterliche Wort: – authentisch geworden ist.

Morgenpost Online: Was war Ihre erste Reaktion, als Ihnen der „Tatort“ angeboten wurde?

Günter Lamprecht: Ich hatte ja noch immer den Franz Biberkopf im Körper. Es wimmelte da von allen Seiten von Angeboten, aber die Bücher wurden immer schlimmer und ich wurde immer zögerlicher. Beim „Tatort“ sagte ich erst mal: Nee danke. Ich habe aber damals angefangen zu schreiben. Und mir tatsächlich so eine Kommissars-Figur erfunden. Das fiel mir dann über Nacht wieder ein. Ich rief also noch mal an und sagte: April, April, ich mach's doch. Aber nur wenn ihr diese Figur nehmt.

Morgenpost Online: Sie haben sich dann ein Mitspracherecht gesichert, von dem jeder Kommissar vor oder nach Ihnen nur träumen kann.

Günter Lamprecht: Aber es war doch meine Figur! Ich durfte den Regisseur mitbestimmen, hatte Einfluss auf die Besetzung, die Ideen stammten von mir, an den Drehbüchern schrieb ich mit. Die Gage war ja nicht so interessant; aber ich wollte meine Sache machen.

Morgenpost Online: Sie haben damals schon 20 Jahre in Köln gelebt. War das eine Art Heimkehr?

Günter Lamprecht: Na, ich war ja nie richtig weg. Mit einem Bein stand ich immer in Berlin, habe hier auch immer wieder gedreht, nicht nur „Berlin Alexanderplatz“. Meine Zweitwohnung hatte ich nie aufgegeben. Die Kölner sagten immer, ich sei Berliner. Die Berliner, ich sei Kölner. Ich sagte immer, ich sei Neukölner. Das konnte man sich mit einem oder mit zwei „l“ denken.

Morgenpost Online: Sie waren der erste Gesamt-Berliner Kommissar. Einen besseren konnte man sich wahrscheinlich nicht denken.

Günter Lamprecht: Ich bin ein waschechter Berliner, und natürlich hüpfte mein Herz vor Freude. Aber ich musste mir dann erst mal eine Vita erarbeiten – so gehe ich immer an Rollen heran. Der Markowitz musste aus dem Osten kommen, ist aber geflohen und dann im Westen bei der Polizei gelandet. Die Risse, die durch die Stadt gingen, sollten sich auch in der Figur spiegeln.

Morgenpost Online: Schon in ihrem ersten Fall ging es um das Reizthema Stasi – das war ein halbes Jahr vor dem Stasiunterlagengesetz. Woher hatten Sie diesen Riecher?

Günter Lamprecht: Jeder hatte da so eine Geschichte zu erzählen. Und natürlich hatten wir für unsere Recherche auch Kontakte und Beziehungen. Ich hatte auch Verwandtschaft in Ostberlin und durch meine eigenen Besuche einen guten Draht hier zu den Leuten.

Morgenpost Online: Ihr Kommissar sollte anders sein. Anders als Ihr Vorgänger, als alle Kommissare.

Günter Lamprecht: Heinz Drache hatten sie rausgeschmissen. Das war so ein Gourmet in Maßanzügen, das konnte sich kein Kommissar leisten. Der Sender wollte eigentlich nur Action, so einen zweiten Schimanski. Aber reichte doch, wenn der durch die Türen sprang! Mir schwebte was anderes vor: ein Maigret für Neuköllner. Ich wollte keine Gewalt. Keine Waffe. Die vergisst Markowitz immer im Büro. Der fuhr auch immer BVG. Der war nah dran an den Menschen, so bekam man auch viel zu sehen. Wir waren immer mittendrin in dieser Stadt, die damals in diesem irren Umbruch stand.

Morgenpost Online: Ihr Kommissar wurde von der Kritik gefeiert. Aber der Sender stand nicht dahinter.

Günter Lamprecht: Die haben immer gesagt: Eure Tatorte werden nie was. Der SFB-Intendant Schättle nannte die Fernsehspielabteilung Spielwarenabteilung, der hatte überhaupt keinen Sinn dafür. Aber unsere Quoten waren immer gut. Damit konnte ich immer auftrumpfen, wenn ich was durchsetzen wollte. Und dann bekam ich für den Markowitz auch noch den Verdienstorden der Stadt Berlin. Mir bedeuten Orden ja nichts, aber ich ging schon deshalb hin, um den Sender eins auszuwischen.

Morgenpost Online: Nach vier Jahren schmissen Sie dann hin – und haben kräftig ausgeteilt.

Günter Lamprecht: Klar. Ich war stinksauer. Das war mein Kind. Aber da kam nie Unterstützung. Und dann wurde immer mehr gespart. Am Ende wollten sie dann nur noch auf Video drehen. Da sagte ich: Nicht mit mir. Sie haben dann ganz schnell den Winne Glatzeder engagiert, der hat das dann ausbaden müssen. Aber ich hatte ja alle Rechte an der Figur. Auch ohne „Tatort“. Ich habe den Markowitz dann noch in zwei Theaterstücken auf Tournee geschickt.

Morgenpost Online: Bereuen Sie Ihre Entscheidung manchmal?

Günter Lamprecht: Ja, immer wieder.

Morgenpost Online: War die Zeit vielleicht auch vorbei? Berlin wurde Hauptstadt, die New Economy, der Hedonismus zog ein. War Markowitz da vielleicht nicht mehr der richtige Mann?

Günter Lamprecht: Keiner sagt gern von seinem Baby, dass seine Zeit vorüber ist. Aber rückblickend gesehen – kann sein. Unser Thema war die doppelte Stadt, die zusammenwuchs.

Morgenpost Online: Schauen Sie heute eigentlich noch „Tatort“, wenn er im Fernsehen läuft?

Günter Lamprecht: Ja, schon. Aber nie entspannt, sondern ganz kritisch. Weil ich immer feststelle, wie viel von meinem Kommissar abgekupfert wird. Der Bienzle aus Stuttgart etwa war ein ziemlicher Abklatsch von meinem Markowitz. Allein das Outfit: der Hut, der Mantel… Oder die Musik: Ich habe damit angefangen, mein Kommissar spielte immer sonntags in einem Jazzschuppen. Als der Manne Krug dann dran war, haben die das so ausgebaut, das artete ja fast zur Operette aus. Mir war auch wichtig, aktuelle Themen aufzugreifen, die in der Zeitung standen. Das wurde zum Markenzeichen von gleich zwei Kommissarinnen...