Berliner Ensemble

Bei Brandauer wirkt Ödipus hemmungslos überspielt

Peter Stein hat "Ödipus auf Kolonos" inszeniert, mit seinem derzeitigen Lieblingsmimen Klaus Maria Brandauer in der Titelrolle. Doch in dem Stück, das jetzt am Berliner Ensemble Premiere feierte, zeigt sich, dass es Brandauer schwer fällt, einfach mal still zu halten.

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Der Donnerschlag, mit dem das Berliner Ensemble die neue Spielzeit eröffnete, war vor allem akustischer Natur – mit einem Blitzlicht-Gewitter im Dolby-Surround-Sound gleitet Ödipus ins Totenreich hinüber. Göttlich gelb leuchtet der Olivenhain, in dem er verschwindet. Altmeister und Antikenexperte Peter Stein hat „Ödipus auf Kolonos“ inszeniert, mit seinem derzeitigen Lieblingsmimen Klaus Maria Brandauer in der Titelrolle. Wobei Steins schnörkellos klare, ohne Heutigkeits-Heischen auskommende Übersetzung den gelungensten Teil dieses kürzlich bei den Salzburger Festspielen herausgekommenen Abends abgibt.

Sophokles' Spätwerk ist auf den Bühnen nicht gerade der Renner. Der Dichter nimmt hier noch einmal die losen Fäden des „König Ödipus“ auf und knüpft sie – auf Spannung weitgehend verzichtend – zu einem für den Schmerzensmann erlösenden Schluss zusammen: Für Vatermord und Mutterbeischlaf aus Theben vertrieben, irrt der alte, blinde Ödipus, geführt von seiner Tochter Antigone seit Jahrzehnten umher. Jetzt will er beim Athener-König Theseus sein Sterbestündchen erwarten. Vorher kommt ihn im heiligen Hain von Kolonos vor den Toren Athens noch die opportunistische Verwandtschaft besuchen. Schwager Kreon und Sohn Polyneikes hatten einst Ödipus' Verbannung erwirkt, wollen ihn nun trotzdem für ihre politischen Zwecke instrumentalisieren. Doch Ödipus verflucht die „Drachensaat“ und erwirkt stattdessen durch seinen Tod auf attischem Grund der Stadt Theseus' die Göttergunst.

Die Gefahr der Statik liegt in der Natur dieses Altmännerdramas. Und in der Natur des Rampenspielers Brandauer liegt es wohl, dass es ihm schwer fällt, auf einem Stuhl sitzend einfach still zu halten. Er versucht, aus jedem ächzenden Sich-Setzen, aus jedem Götter-Anruf ein schaupielerisches Ereignis zu machen – dadurch wirkt vieles hemmungslos überspielt.

In liebevoll verlotterter Montur, mit dunkel geschminkten Augenhöhlen und wirr vom Kopf abstehenden Haaren, zerrt Brandauer sich die Rolle derart nah auf den Leib, dass dieser österreichelnde Ödipus fast wie eine älter gewordene Version seines vital-verschlagenen Richter Adam aus Steins BE-Inszenierung des „Zerbrochnen Krugs“ daherkommt. Dort passte es, dass Brandauer sich in der Rolle genüsslich breitmachte, hier wirkt es vor allem eitel und schiebt die Figur aus der Gebrochenheit in Biertisch-Nähe. Ödipus als grummliger Trotzkopf, als störrischer Grantler, der wirkt, als müsse er sich endlich einmal das Trauma des Unschuldig-Schuldig-Gewordenseins von der Seele brabbeln. In den Wutausbrüchen rutscht seine Stimme oft jäh ins hohe Krächzen – was bisweilen gar unfreiwillig komisch wird. Ebenso wie die beiden übertrieben devoten Töchter des Ödipus (Antigone: Katharina Susewind, Ismene: Anna Graenzer), die aufs Erbärmlichste heulen, klagen und kniefallen müssen.

Auch wenn alles mit großer Regie-Liebe zum Detail ausgestaltet ist, rührt einen dieses gestische Donnertum kein bisschen. Und wo befindet sich dieses seltsame Kolonos, in dem derart inbrünstiges Einfühlungsspiel mit antiken Versen und kunstvoll differenzierten Chorpassagen – mal in der Gruppe, mal einzeln gesprochen – zusammenprallt und stets aufs Neue nicht zusammen passen will?

Gewollt und auch gelungen komisch ist der Kreon von Jürgen Holtz, ein falscher Schmeichler im Rollstuhl und rotem Morgenmantel. Er komplettiert neben den auf Stöcke gestützten Chor-Rentnern, von denen nicht wenige das Parkinson-Zittern haben, die Altherrenrunde zu einer momentweise fast vergnüglichen Tattergreistragödie. Als Gegenfigur dazu und als reinste Lichtgestalt gibt der wohltuend zurückgenommene, gleichwohl strahlende Christian Nickel den Theseus – ganz in Weiß und so rational-pragmatisch wie tugendhaft, vertritt er Gesetz und Recht gegen die blutgetränkte Archaik des Usurpators Kreon. Doch auch das kann die anachronistische und vor allem furchtbar zähe Zweieinhalbstunden-Veranstaltung nicht retten, an deren Ende sich der Applaus erst allmählich zu solider Brandauer-Begeisterung hochschaukelt.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Berlin-Mitte, Tel.: (030 28408155. Termine: 27.-29. August; 1., 2., 8. und 9. September 2010.