Hommage

Orson Welles und das Greenhorn

"Ich & Orson Welles": Richard Linklater huldigt dem großartigen Regisseur und einem untergegangenen Filmgenre.

Es ist wohl der Traum eines jeden Theaterregisseurs: Dass es am Premierenabend, kaum dass der Vorhang gefallen ist, das Publikum von den Sitzen reißt und der stürmische Applaus jedes Warten auf die Rezensionen der Theaterkritiker überflüssig macht. Orson Welles aber hat es erlebt, und das im Alter von 22 Jahren. 1937 inszenierte er Shakespeares "Julius Caesar" im selbst gegründeten Mercury Theatre in New York; statt Toga trugen seine Schauspieler Anzüge und schwarze Uniformen. Die Faschismus-Parabel begeisterte das Publikum. Richard Linklaters "Ich & Orson Welles" zeigt nichts weiter als diesen knappen Ausschnitt aus Welles' Biographie: die krisengeschüttelte Probezeit, die glorreiche Premiere und einige bittersüße Momente danach. Das 22-jährige Wunderkind, das kaum drei Jahre später mit "Citizen Kane" einen heute noch oft als "besten aller Zeiten" gepriesenen Film realisieren sollte, wird vom 36-jährigen Briten Christian McKay verkörpert, und darin liegt schon eines der Erfolgsgeheimnisse dieses Films.

McKay gelingt es, eine frappierende Ähnlichkeit herzustellen, ohne das Original zu imitieren. Man glaubt sofort, dass er so gewesen sein muss, der große Orson Welles: Schon mit Anfang 20 agierend wie ein 40-Jähriger, einer, der seine Entourage mit Schmeicheleien und Drohungen bei der Stange hält und jeden eigenen Einfall mit einem Selbstbewusstsein durchsetzt, das keinen Zweifel kennt. Wie beeindruckend muss so einer erst auf einen 17-Jährigen Neuling in der Theaterszene wirken?

Im Film, der auf einem Roman von Robert Kaplow beruht, spielt Teenie-Idol Zac Efron den jungen Richard, den es aus seinem Klassenzimmer hinaus auf die Bühne zieht und der es mit einer frechen Aktion zu einer Komparsenrolle bei Orson Welles bringt. Ihre Konfrontation macht die eigentliche Handlung des Films aus: Auf der einen Seite Orson, das mit Frauen, Mitarbeitern und Finanzen jonglierende Allround-Talent, das stets vorgibt, es besser zu wissen, und auf der anderen Richard, das Greenhorn, für das alles zum ersten Mal passiert.

Richard Linklater hat "Ich & Orson Welles" als unaufwändiges "period picture" inszeniert, in dem die Aura des Altmodischen auf den Film selbst übergeht. Warum gibt es diese Art von Theaterfilmen nicht mehr, in der eine Truppe großstädtischer Schauspieler, so professionell wie abgebrüht, so empfindsam wie neurotisch, unablässig miteinander im Wettkampf um Geistesgegenwart, Scharfzüngigkeit und Witz liegt? Linklaters Film, bis in die Nebenrollen feinstens besetzt und gespielt, ist eine Hommage an Welles, aber auch an dieses untergegangene Filmgenre.