Berliner Theatersaison

Auftakt mit Brandauer als Ödipus

Die Berliner Bühnen starten mit hochkarätigen Premieren in die neue Spielzeit. Den Anfang macht das Berliner Ensemble mit einem harten Brocken: "Ödipus auf Kolonos" mit Klaus Maria Brandauer in der Hauptrolle.

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Die Zeit des Darbens ist vorbei: Mittwochabend eröffnet das Berliner Ensemble als erstes der fünf Staatstheater die neue Saison. Und startet gleich mit einem dicken Brocken: „Ödipus auf Kolonos“. Schließlich giert es den Theaterbesuchern jetzt nach Gewichtigem, wenn die Tage merklich kürzer werden, die Temperaturen sinken und die ersten Printen im Supermarktregal auftauchen.

Nun war es ja nicht so, dass während der Sommerpause in Berlin nichts stattfand – außer der alljährlichen Diskussion über die Schließzeiten der großen Bühnen. Es gab schon etliche Angebote. Aber naturgemäß servieren Privattheater und Freilichtunternehmungen passend zur Jahreszeit lieber sommerlich-leichte Bühnenkost – als Alternative zum Biergartenbesuch.

Umso mehr freut man sich auf die neue Spielzeit und die angekündigten opulenten, mehrgängigen Menüs wie „Ödipus auf Kolonos“. Am Berliner Ensemble präsentiert das Traumduo aller Regietheater-Verächter die Tragödie von Sophokles: Peter Stein hat übersetzt und inszeniert, Klaus Maria Brandauer steht im Mittelpunkt. Da weiß man, was man bekommt – und es sollte mit dem Teufel zugehen, wenn diese Arbeit kein Erfolg wird. Die letzte gemeinsame Produktion der beiden, „Der zerbrochne Krug“ von Kleist, hat bereits 98 Aufführungen gehabt – meistens ausverkauft. Eine gute Investition also, auch wenn Claus Peymann, der Direktor des Berliner Ensembles, gern auf jeder Pressekonferenz betont, dass diese Art des Startheaters einen hohen Preis hat. Um im gleichen Atemzug darauf hinzuweisen, dass der Senat ihm nach wie vor zugesagte Zuschüsse verweigert.

Peymann auf neuen Pfaden

Das Kunststück einer quasi vorlauflosen Spielzeiteröffnung mit hochkarätiger Premiere gelingt dem Berliner Ensemble dank einer Koproduktion mit den Salzburger Festspielen: Dort kam „Ödipus“ Ende Juli heraus. Aber auch der Hausherr selbst meldet sich noch im September zurück: Ende des Monats steigt die Premiere von „Freedom and Democracy: I hate you“. Peymann inszeniert mal keinen Handke oder Strauß, sondern – und das ist ungewöhnlich – ein Stück des britischen Gegenwartsdramatikers Mark Ravenhill. Ein Autor, dessen Berliner Heimat eher Thomas Ostermeiers Schaubühne ist.

Auch dort frönt man dem Trend zu Koproduktionen, schließlich spart das Kosten. Ostermeiers „Othello“ kam Anfang August beim Hellenic Festival in Athen heraus – in der Schaubühne ist die Shakespeare-Inszenierung allerdings erst ab dem 9. Oktober zu sehen. Vorher gibt es ein Premieren-Doppelpack: Molières „Der Menschenfeind“ (19. September) und kurz danach – frei nach Strindberg – „Fräulein Julie“. Eröffnet wird die Saison allerdings einen Tag nach dem Berliner Ensemble mit einem Tanzschwerpunkt – und der temporären Rückkehr der Compagnie von Sasha Waltz. Vier Aufführungen der legendären „Körper“-Produktion sind angesetzt, anschließend gibt es noch „Megalopolis“ der Choreographin Constanza Macras – passend zum „Tanz im August“-Festival. Die erste Sprechtheaterinszenierung zeigt die Schaubühne am 4. September: Schillers „Kabale und Liebe“.

"Die Blechtrommel“ gibt's am Gorki

Meister der Koproduktionen ist zweifellos das Maxim Gorki Theater. Unfreiwillig, aber die vergleichsweise bescheidenen Zuschüsse des Landes lassen dem Haus keine andere Wahl. Das freut die Deutsche Bahn, denn das Gorki-Ensemble ist ein treuer Kunde auf den Wegen nach Hamburg, Dresden, Recklinghausen oder Bochum. Und auch das Berliner Publikum profitiert davon: Jan Bosses Inszenierung der „Blechtrommel“ – Gorki-Intendant Armin Petras hat den Roman von Günter Grass für die Bühne bearbeitet – kommt am 8. September bei der Ruhrtriennale heraus – und läuft bereits vom 26. September an in Berlin. Eröffnet wird die Spielzeit am Maxim Gorki Theater mit einem Premierenreigen szenischer Miniaturen unter dem Motto „Blühende Landschaften“ am 12. September.

Koproduktionen zum Auftakt haben auch an der Volksbühne Tradition. Die Wiener Festwochen haben Frank Castorf stets die Treue gehalten. In diesem Jahr kamen für die Tschechow-Inszenierung „Nach Moskau! Nach Moskau!“, basierend auf den „Drei Schwestern“ und der Erzählung „Die Bauern“, noch das Goethe-Institut und das Internationale Tschechow Theater Festival als Partner dazu. Ende Mai war die Inszenierung, bei der frühere Volksbühnenstars wie Kathrin Angerer, Milan Peschel und Bernhard Schütz wieder auf der Bühne stehen, in Moskau zu sehen, anschließend in Österreich und ab dem 16. September dann in Berlin. Nur eine Woche später steigt das nächste Regie-Schwergewicht am Rosa-Luxemburg-Platz in den Ring: Dimiter Gotscheff inszeniert „Die Chinesin“, angekündigt als „Übermalung“ des gleichnamigen Godard-Films. Sicher keine leichte Kost. Passend zum Herbst.

Blühende Landschaften

Wie das Gorki hat sich auch das Deutsche Theater für eine Koproduktion mit der Ruhrtriennale entschieden, damit allerdings Pech gehabt. Christoph Schlingensief hatte sein für das renommierte Festival geplantes „S.M.A.S.H.“-Projekt wegen seiner Krebserkrankung bereits im Sommer abgesagt – am vergangenen Sonnabend starb der Regisseur im Alter von nur 49 Jahren in Berlin.

Weil noch ein paar Sanierungsnacharbeiten anstehen, startet das Deutsche Theater im großen Haus erst am 24. September in die Saison. Mit der Premiere von Shakespeares „Sommernachtstraum“, einer Inszenierung des Hausregisseurs Andreas Kriegenburg. Vorher gibt es in den Kammerspielen zur Spielzeiteröffnung am 4. September die Premiere des Hacks-Stücks „Die Sorgen und die Macht“ – und knapp eine Woche später „Parzelle Paradies“, ein kleines Festival inklusive Stadterkundung, das rein titelmäßig Assoziationen an die „Blühenden Landschaften“ der Maxim-Gorki-Eröffnung hervorruft. Und schon ein bisschen an den Frühling denken lässt. Aber dazwischen liegt noch ein langer Berliner Winter – und schätzungsweise 100 Premieren allein an den Staatstheatern.