Krebstod

Wie es mit Schlingensiefs Projekten weitergeht

Der Tod von Regisseur Christoph Schlingensief reißt in der Kulturwelt eine große Lücke. Die Zukunft mehrerer Projekte ist offen. Aber seine Memoiren sind fast fertig.

Die Memoiren des gestorbenen Regisseurs Christoph Schlingensief sind nach Auskunft des Verlags fast fertig. Eine Sprecherin des Verlagshauses Kiepenheuer und Witsch sagte am Montag, das Manuskript liege vor. Der genaue Erscheinungstermin sei aber noch offen. Der Band sollte ursprünglich am 23. September erscheinen – einen Monat vor dem 50. Geburtstag Schlingensiefs am 24. Oktober. Kiepenheuer und Witsch hatte jedoch bereits im Juli mitgeteilt, der Termin sei verschoben. Ein Grund wurde damals nicht genannt.

Die Gestaltung des Deutschen Biennale-Pavillons 2011 in Venedig ist dagegen unklar. In den kommenden Wochen soll nun geprüft werden, ob die Ideen des Künstlers umgesetzt werden können. Schlingensief habe für den Pavillon mit großem Enthusiasmus bereits eine Vielzahl von Themen und Details entwickelt, teilte Pavillon-Kuratorin Susanne Gaensheimer in Frankfurt mit. Die Chefin des Museums für Moderne Kunst (MMK) in Frankfurt hatte Schlingensief im Mai dieses Jahres beauftragt, den Deutschen Pavillon auf der 54. Biennale zu gestalten. „Wir wussten um das Risiko“, sagte MMK-Sprecherin Christina Henneke. Es habe aber nie einen „Plan B“ gegeben.

Schlingensief war am Sonnabend in Berlin im Alter von 49 Jahren seiner schweren Krebserkrankung erlegen.

Die Uraufführung der Oper „Metanoia“ bei der Berliner Staatsoper Unter den Linden soll aber wie geplant am 3. Oktober stattfinden. Für die Uraufführung sollten am Montag, zwei Tage nach seinem Tod, die szenischen Proben beginnen. „Das wäre sein Part gewesen“, sagte ein Sprecher der Staatsoper. Dennoch bleibe es wie geplant bei einer szenischen Aufführung. Im Laufe der Woche werde geklärt, wie das zu stemmen sei. Die Uraufführung soll die neue Spielzeit der Oper im Ausweichquartier im Schillertheater eröffnen. Das Haus der Staatsoper wird derzeit umgebaut.

Das Goethe-Institut sagte unterdessen weitere Hilfe für Schlingensiefs Herzensprojekt – den Aufbau eines Operndorfes in Afrika – zu. Institutspräsident Klaus-Dieter Lehmann: „Es war faszinierend zu sehen, wie das Projekt ihm Mut und Energie gab und diese sich auf seine Umgebung übertrug. Diese Energie soll fortleben.“ Auch das Goethe-Institut hat mit Schlingensief nach den Worten Lehmanns einen engen Freund verloren. „Für mich war er, der an beiden Enden der Kerze brannte, einer der glaubhaftesten Künstler“, sagte der Präsident. Für das Operndorf war im Februar in Ouagadougou in Burkina Faso der Grundstein gelegt worden. Lehmann versicherte, sein Haus werde das Produktionsteam weiter dabei unterstützen, das Projekt voranzutreiben. Die Familie bittet statt Blumen und Kränzen um Spenden für das Operndorf.

Schlingensief im Fernsehen

Nach dem Tod des Theaterregisseurs ändern 3sat und Arte ihr Programm. 3sat strahlt am heutigen Dienstag in einer Ausgabe von „Kulturzeit extra“ (22.25 Uhr) ein Gespräch der Moderatorin Katrin Bauerfeind mit Schlingensief aus, in dem er mit ihr unter anderem über seinen „verkorksten Katholizismus“ und über seinen Lebenswillen im Angesicht des Todes sprach, wie 3sat am Montag mitteilte.

Im Anschluss um 23.10 Uhr folgt das Stück, in dem der Regisseur seine Krebserkrankung inszenatorisch aufgearbeitet hat: „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“, eine Produktion der Ruhrtriennale im Haus der Berliner Festspiele 2008. Um 0.40 Uhr kommt mit „The African Twintowers“ ein Projekt, das 2005 als Spielfilm geplant war. Letztlich verarbeitete Schlingensief Fragmente daraus in mehreren Projekten und veröffentlichte es als „Unvollendete“ in Form einer 18- Bilder-Installation auf der Berlinale 2008. Nun ist es unter anderem mit Irm Hermann, Klaus Beyer, Patti Smith und Robert Stadlober wieder zum Film geworden.

Der deutsch-französische Kultursender Arte bringt am Mittwoch um 21.35 Uhr die Dokumentation „Christoph Schlingensief – Die Angst vor dem Fremden in mir“ als Erstausstrahlung. Die Filmemacherin Sybille Dahrendorf begleitete Schlingensief durch ein aufwühlendes Jahr seit der Wiederaufnahme seiner Arbeit nach der schweren Operation bei den Endproben von „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“.

Arte zeigt auch am 6. September um 23.25 Uhr die 95 Minuten lange Dokumentation „Piloten“ aus dem Jahr 2007 von Cordula Kablitz-Post. Schlingensief wollte mit der Kunstaktion „Die Piloten – Eine Talkshow in sechs Folgen, die nie ausgestrahlt wird“ überprüfen, wie heute Selbstdarstellung in den Medien funktioniert. Filmemacherin Kablitz- Post war bei der Entstehung des Projekts mit der Kamera dabei. 3sat wiederum plant am 50. Geburtstag Schlingensiefs am 24. Oktober mehrere Sendungen zu Leben und Werk des Künstlers.