Blick zurück

Christoph Schlingensief hat bis zuletzt gekämpft

Der Regisseur und Aktionskünstler Christoph Schlingensief ist sich bis ans Ende seines Lebens treu geblieben. Sein letztes Aufsehen erregendes Projekt war ein Festspielhaus in Afrika. Freunde sind optimistisch, dass das Projekt vollendet wird.

Die Verwirklichung des letzten großen Traumes war ihm nicht mehr vergönnt: Christoph Schlingensief wollte sein afrikanisches Operndorf mit einer künstlerischen Aktion eröffnen. Er wird die Fertigstellung nicht mehr erleben. Zwei Monate vor seinem 50. Geburtstag hat der Regisseur den Kampf gegen den Lungenkrebs verloren. Christoph Schlingensief ist am vergangenen Sonnabend in Berlin gestorben.

„Das Operndorf-Projekt war Christoph sehr wichtig, er hat das ganze letzte Jahr dafür gekämpft“, erzählt Matthias Lilienthal, der Schlingensief auf einer der Afrikareisen begleitet hatte. Seinerzeit war noch ein Ort in Kamerun im Gespräch, später fiel die Entscheidung für das westafrikanische Burkina Faso. Lilienthal war mit Schlingensief eng befreundet und hatte bis zum Schluss Kontakt mit ihm. Die Nachricht von seinem Tod hat ihn schockiert, auch wenn sie nicht überraschend kam. Lilienthal: „Christoph war ein extrem wichtiger Künstler. Am Sonnabendnachmittag ist die Schlingensief-Republik gestorben.“

Die Vollendung erlebte er nicht mehr

Lilienthal, heute künstlerischer Leiter und Geschäftsführer des Theaters Hebbel am Ufer (HAU), hatte als Chefdramaturg der Berliner Volksbühne Schlingensief 1993 ans Theater geholt. Der Anlass war vergleichsweise banal: Dimiter Gotscheff hatte eine Inszenierung abgesagt. Ersatz musste her. Ein Mitarbeiter Lilienthals erzählte von Schlingensief, von dessen Filmen und Projekten. Lilienthal besuchte – und überzeugte ihn. Der Beginn einer langen Freundschaft. Schlingensief gab 1993 sein vielbeachtetes und natürlich umstrittenes Bühnendebüt mit „100 Jahre CDU“. Zu dieser Zeit stand der Regisseur auch noch für Krawall. Auf der Bühne hat er sich in den letzten Jahren allerdings von der Rolle des Provokateurs verabschiedet, schon sein Debüt in der Welt der Hochkultur, seine „Parsifal“-Inszenierung vor sechs Jahren bei den Bayreuther Wagner-Festspielen, irritierte mehr als dass es provozierte.

Das Operndorf „Remdoogo“ in Burkina Faso könnte das steinere Vermächtnis des Ausnahmekünstlers Schlingensief werden. Anfang dieses Jahres wurde der Grundstein für das „Festspielhaus Afrika“ gelegt. Auf seiner Homepage, verbunden mit einem Spendenaufruf, beschreibt Schlingensief das Projekt werbend mit den Worten: „In der Nähe von Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, entsteht bereits seit Januar 2010 das Operndorf mit Schulen, Film- und Musikklassen, Proberäumen, einem Gästehaus, einer Theaterbühne und einem Festsaal, Café, Restaurant, Büros, Werkstätten, Siedlungen, Fußballplatz, Agrarflächen und einer Krankenstation. Nicht in Europa am Reißbrett, nicht nach Maßgabe der Geldgeber, sondern vor Ort und nach eigenem Ermessen der dort lebenden Menschen, wird es experimentell entwickelt und wie ein Schneckenhaus von innen nach außen ausgebaut. Wir haben jetzt die Möglichkeit einen Prozess in Gang zu setzen, von dem wir nicht wissen, wie er sich fortsetzt.“

Von Schlingensief lernen

Matthias Lilienthal ist optimistisch, dass das „Operndorf“-Projekt vollendet wird. Das sei auch ein Anliegen von Aino Laberenz – Schlingensief hatte seine langjährige Freundin im vergangenen Sommer im brandenburgischen Schloss Hoppenrade geheiratet.

Auf der Homepage der Staatsoper Unter den Linden erinnern Generalmusikdirektor Daniel Barenboim und der designierte Intendant Jürgen Flimm an Schlingensief – und auch sein Afrika-Projekt: „Ein jahrelanger qualvoller Kampf ist zu Ende gegangen, unser Freund Christoph Schlingensief ist erlöst von schrecklichem Leiden. Wir können von ihm, von seinem tapferen Kampf so viel lernen: wieder, immer wieder zu beginnen; wenn möglich, wie er, nie aufzugeben, auch nicht im Angesicht eines schrecklichen Todes. Sein beispielloser Erfindungsgeist schuf immer wieder neue Vorhaben, Ideen, Pläne – auch langfristige – hier bei uns und in Burkina Faso. Bewundernswerter Mut hat ihn besonders in den letzten Jahren seiner bösen Krankheit begleitet – und stets Hoffnung auf Neues und Ungeahntes. Wir fühlen mit seiner Frau Aino und verneigen uns vor diesem außerordentlichen Künstler. So werden wir an ihn denken – heute, morgen und immer. Adieu, Christoph.“

An der Staatsoper wollte Schlingensief in diesem Herbst unter der musikalischen Leitung von Barenboim sein Debüt geben. Geplant war zum Spielzeitauftakt im Ausweichquartier Schiller-Theater die Uraufführung der Oper „Metanoia – über das Denken hinaus. Den Text zu dem Werk des 43-jährigen Komponisten Jens Joneleit hat Theatermann René Pollesch geschrieben, die Kostüm-Entwürfe stammen von Schlingensiefs Ehefrau Aino Laberenz. Die Proben für die Uraufführung sollten heute beginnen. Dass es bei der geplanten Premiere am 3. Oktober bleibt, daran lässt der künftige Intendant keinen Zweifel. „Die Produktion wird realisiert“, erklärte Flimm gegenüber der Berliner Morgenpost, ohne auf Details eingehen zu wollen. Schließlich sei jetzt die „die Zeit des Trauerns, die Zeit der Besinnung.“

Beispielloser Erfindungsgeist

Vor zwei Jahren hatte Schlingensief erstmals in Berlin eine Oper inszeniert: Die Uraufführung von Walter Braunfels’ „Jeanne D’Arc – Szenen aus dem Leben der heiligen Johanna“ kam im April 2008 an der Deutschen Oper heraus. Kurz zuvor hatte der Regisseur von seiner Krebserkrankung erfahren. Ein dreiköpfiges Regieteam realisierte schließlich nach Schlingensiefs Vorgaben die Inszenierung. Jetzt nimmt die Deutsche Oper diese Arbeit wieder auf, vorerst leider nur mit drei Aufführungen Ende Oktober/Anfang November. Es wäre sehr bedauerlich, wenn dieses Schlingensief-Vermächtnis dem Intendanten-Wechsel im kommenden Sommer an der Deutschen Oper zum Opfer fällen würde.