Literatur

Nachträge aus Tolkiens Mittelerde

| Lesedauer: 7 Minuten
Hendrik Werner

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Wer J.R.R. Tolkiens dreibändiges Opus magnum "Der Herr der Ringe" gelesen hat, taucht in andere Universen ein. Doch an deren Ende ist er damit noch lange nicht angelangt. Nun ist - verbessert von seinem Sohn Christopher - "Die Kinder Húrins" abgeschlossen.

Einem erstmals literarisch nach Mittelerde reisenden Erwachsenen muss diese fantastische Welt so kryptisch und hermetisch vorkommen wie Niklas Luhmanns Systemtheorie einem Sechsjährigen, der gerade lesen gelernt hat. Diese Schwerverständlichkeit gilt gar nicht so sehr für J.R.R. Tolkiens dreibändiges Opus magnum „Der Herr der Ringe“ (1954/55), das, auch in Peter Jacksons Verfilmung, auf eingängige Strukturen und also auf Vermittlungsarbeit setzt. Es sind vielmehr Tolkiens erzählende Spät- und Nebenwerke, die jeden Novizen, und sei er noch so ambitioniert, in die Verzweiflung treiben dürften: angesichts eines Schwindel erregend verästelten Kosmos mit kaum mehr überschaubarem Personal, überbordend vielen Schauplätzen, zahllosen intertextuellen Verweisen und Anspielungen – und einer in den Exzess getriebenen Privatmythologie und -sprache.

Einer dieser nicht nur Tolkien-Neuleser fordernden Texte beginnt so: „Hador Goldscheitel war ein Fürst der Edain, und die Eldar liebten ihn sehr. Solange sein Leben währte, diente er dem Hohen König Fingolfin, der ihm ausgedehnte Ländereien in jener Gegend Hithlums zum Lehen gab, die Dor-lómin genannt wurde. Seine Tochter Glóredhel heiratete Haldir, den Sohn Halmirs, Fürst der Menschen von Brethil; und auf demselben Fest heiratete sein Sohn Galdor, genannt der Lange, Hareth, die Tochter Halmirs.“

Unzugängliche Erzählweise

Soweit der Auftakt zum Kapitel „Túrins Kindheit“, mit dem das Prosastück „Die Kinder Húrins“ („Narn i Hîn Húrin“) anhebt, das bislang nur als Fragment in dem Sammelband „Nachrichten aus Mittelerde“ zu haben war, den Tolkiens Sohn Christopher 1980, sieben Jahre nach seines Vaters Tod, herausgegeben hat. Ein Werk, dessen dramaturgische Defizite und andere Schlüssigkeitslücken der eifrige Filius jetzt durch eine Neuanordnung verschiedener Fassungen des Textes zu reparieren versucht hat. Das ist ihm mal durchaus überzeugend, mal weniger zwingend gelungen. Denn auch für das neue Arrangement trifft über weite Strecken das selbst von Christopher Tolkien freimütig eingeräumte Image der „Legenden der Ältesten Tage“ zu: Er hat „einen merkwürdigen Stil und eine unzugängliche Erzählweise“.

Alles, wovon einem der Kopf so sehr schwirrt wie von der oben zitierten Passage, mag eine potenzielle Herausforderung sein. Einerseits. Andererseits dürfte Tolkien gute Gründe gehabt haben, warum er laut seinem deutschen Verlag Klett-Cotta anno 1918 (sein Biograf Humphrey Carpenter legt schon das Jahr 1917 als Entstehungszeitraum nahe) die Arbeit an „Die Kinder Húrins“ zunächst wie im Fieberwahn verfolgte, sie aber bald darauf für mehr als 40 Jahre ruhen ließ. Ein „Grabenfieber“ (ein mit erhöhter Temperatur gepaartes Unwohlsein) hatte sich Tolkien im November 1916 bei seinem Frontdienst als Meldeoffizier an der Somme zugezogen. Während eines Genesungsurlaubs in Great Haywood, seinem englischen Domizil, begann er für das „Book of Lost Tales“ die Moritat vom Helden Túrin Turambar zu schreiben, der tapfer, aber letztlich glücklos gegen eine Inkarnation des Bösen namens Morgoth (den Lehrer Saurons, des Herrn der Ringe) ficht. Wie in späteren Werken verflicht Tolkien in „Die Kinder Húrins“ Motivstränge sagenhafter isländischer (Edda) und finnischer Überlieferung (Kalevala) mit anderen Kosmogonie-Mythen, romantischen Märchen und erfindungsreichen Zutaten Marke Eigenbau zu einer fantastischen Gegenwelt.

Tolkiens Stabreim-Versuche

Allerdings übernimmt sich der gerade mal 25-Jährige mit dieser, nun ja, tollkühnen Schöpfungsaufgabe – sei es wegen des ihn schwächenden Fiebers, sei es wegen der nahen Rückkehr zur Truppe, sei es wegen einer anderen, ungleich realistischeren Schöpfung: John, sein erster Sohn, kommt im November 1917 zur Welt. Wer ein Kind gezeugt hat, kann Zeugnisse seiner Einbildungskraft beruhigt aufschieben.

Mitte der Zwanzigerjahre erst nimmt Tolkien die Geschichte wieder auf. Diesmal in Form des an Stabreimen und Pathos reichen Langgedichts „Túrin son of Húrin and Glórund the Dragon“. Mehr als 2000 Zeilen ringt er sich ab; dann verwirft er das zu ausufernd konzipierte Projekt neuerlich. „Es mahlte und knirschte in seinen großen Angeln/ das gigantische Tor. Mit schwerem Getöse/ erklang es und schloss sich wie Donnerhall,/ und schreckliche Echos in leeren Stollen/ liefen dort und rollten unter unsichtbaren Decken“, heißt es etwa über den Moment, als Túrin und Gefolge, von den Elben aufgegriffen, durch das Portal von Nargothrond geleitet werden. Wer so viel Wert auf Details legt wie der philologische Perfektionist Tolkien, tut sich naturgemäß schwer, mit irgendetwas fertig zu werden. Da liegt es nahe, dass sein Bemühen, Kunde von den „Ältesten Tagen“ (alias „Altvorderenzeit“ alias „Erstes Zeitalter“) von Mittelerde zu geben, ein zweites Mal unvollendet bleibt.

Befreiungskampf der Húrin-Sippe zu kompliziert

Erst gegen Ende der Fünfzigerjahre, als Tolkien die Ring-Trilogie komplettiert hatte und zum Herold der fantastischen Literatur reüssiert war, wandte er sich mit neu gewonnenem Selbstvertrauen wieder jenen versprengten Fragmenten zu, die ursprünglich dem mittelirdischen Legendenkonvolut „Silmarillion“ zugedacht waren. Doch nicht immer lief alles so rund wie bei einem Ring: Obwohl Tolkien nach Aussage seines Sohnes die Sage um den Befreiungskampf der Húrin-Sippe gegen Morgoth, den Drachen Glaurung und etliche Mork-Kohorten als „die vorrangige Geschichte aus den Ältesten Tagen“ erachtete, gelang es ihm nicht, ihr eine überzeugende Struktur zu geben. Die Figuren bleiben teils blass, Handlungsstränge unausgeführt, Szenenübergänge holprig – so dass der getreue Sohn selbst nach intensiven Wartungsarbeiten einräumen muss, die Geschichte bestehe „vor allem im Mittelteil aus einem Flickenteppich von unverbundenen Texten und Handlungsentwürfen“.

Wahre Fans wird diese nach wie vor nicht bereinigte Unausgegorenheit des Konvoluts nicht schrecken. Sie würden aus Klett-Cottas einträglichem Special-Interest-Segment „Hobbit Presse“ wohl sogar Interlinearversionen von überlieferten Einkaufszetteln Tolkiens ordern. Gleichwohl bleibt ein Unbehagen angesichts der von seinem Sohn angekurbelten Allesverwertungsmaschinerie, die keinen Ausknopf zu haben scheint. Zwar geht er gewissenhaft vor, versieht die neue Textgestalt mit Anmerkungen sonder Zahl (selbst zu winzigsten Änderungen); er wartet mit einem gründlichen Namensregister auf, mit sorgsamen Hinweisen auf deren Aussprache, ja sogar mit einer dezent erweiterten Beleriand-Karte – und manch anderem Insider-Gimmick. Und doch gemahnt es an Hybris, um das Wort Leichenfledderei zu meiden, wenn ein Nachkomme so tut, als sei seine nachträgliche synoptische Textarbeit eine Vollendung ganz im Sinne des toten Dichters. Wäre sie es, hätte sich der Herr des Verfahrens zu seinen Lebzeiten selbst daran gemacht. Zeit genug dafür hatte er.

J.R.R. Tolkien: Die Kinder Húrins. Herausgegeben von Christopher Tolkien. A. d. Engl. v. Hans J. Schütz u. Helmut W. Pesch. Klett-Cotta, Stuttgart. 334 S., 19,90 Euro.