"Distanz"

Ein rätselhaftes Leben zwischen Mord und Garten

In Kinofilm "Distanz" begeht ein Einzelgänger Morde an unbekannten Menschen. Und jeder rätselt, warum.

Wer etwas zu verdrängen hat, vergräbt es im hintersten Winkel seines Unterbewusstseins. Daniel Bauer (Ken Duken) hat sich gleich einen Job gesucht, in dem er buddeln und graben kann. Der schweigsame und eigenbrötlerische junge Mann arbeitet als Gärtner im Botanischen Garten in Berlin und reduziert Gespräche aufs Allernötigste. Auch von seinen dumpfen Kollegen, die ihn nur beim Nachnamen nennen und kaum etwas über ihn wissen, lässt er sich nicht provozieren und pflegt stoisch Pflanzen und Rasen.

Außerhalb der Arbeitszeit dagegen ist er weitaus destruktiver, wirft Steine von Autobrücken und als er in den Besitz eines Gewehrs kommt, erschießt er im Park offensichtlich wahllos anonyme Menschen. Auch dabei zeigt er keinerlei Gefühlsregung. Seine Arbeitskollegin Jana (Franziska Weisz) beginnt sich davon nichts ahnend für den Einzelgänger zu interessieren und versucht, ihn zu erobern. Nach anfänglicher Abweisung beginnt sich Daniel ihr tatsächlich langsam zu öffnen und die beiden erleben kurze Momente des Glücks, bis die Polzei Ermittlungen aufnimmt und schließlich auch Jana die Wahrheit nicht mehr ignorieren kann.

Um die im Titel geführte Distanz geht es auf vielfache Weise. So wie Daniel alle auf Abstand hält und regungslos Menschen aus der Entfernung exekutiert, wahrt auch der Film selbst eine gewisse Distanz. Nie erfährt man, was diesen jungen Mann wirklich umtreibt und warum er zum Serienmörder wird. Die Kamera verfolgt ihn dabei immer wieder von hinten, den Schülern in Gus van Sants Schulamokstudie „Elephant“ nicht unähnlich, und dokumentiert kühl seine Handlungen.

Nachwuchsregisseur Thomas Sieben, der in seinem Debütfilm sein eigenes Drehbuch inszeniert, liefert ein Psychogramm ohne Psychologisierung. Mit langen Einstellungen, sparsamen Dialogen und dem Verzicht auf Filmmusik lehnt er sich dabei stilistisch stark an die Filme der so genannten „Berliner Schule“ an und zeigt wie diese nüchtern den Alltag von Menschen.

Mit Franziska Weisz hat er sogar eine weibliche Hauptdarstellerin, die kürzlich in Benjamin Heisenbergs „Der Räuber“ eine ganz ähnliche Figur spielte, die bedingungslos einen Serientäter liebt.

Der eigentliche Mittelpunkt der Charakterstudie freilich ist Hauptdarsteller Ken Duken, der das ohne Fördergelder finanzierte Independentdrama auch mitproduziert hat. Er spielt den Soziopathen zurückgenommen und mit leerem Blick als wortkargen Mann ohne Eigenschaften und wirkt, ebenso wie der gesamte Film, gerade deshalb so nachhaltig verstörend, weil er dem Zuschauer einfache Erklärungsmuster vorenthält.

Drama, D 2009, 82 Min., von Thomas Sieben, mit Ken Duken, Franziska Weisz, Josef Heynert

3 Punkte